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Zukunft ohne Einkaufsmeile

Zukunft ohne Einkaufsmeile

Rettet die Innenstadt
Wer Handel in der Innenstadt weiterhin so wie bisher plant, kann den Laden auch gleich dichtmachen. Die Zukunft hängt nicht an einer neuen Couture-Kuration, an Sammelsneakern oder kontaktlosen Bezahlsystemen. Kommunalpolitik und Stadtplanung entscheiden, wer in der Innenstadt Kundschaft findet – und welche Rolle das Einkaufen dort überhaupt noch spielen wird. Dafür haben wir sechs Denkanstöße.

Text: Petrina Engelke

Die gute Nachricht ist: Dem Handel geht es trotz der Corona-Maßnahmen überhaupt nicht schlecht. Laut HDE erzielte der Einzelhandel im Jahr 2020 insgesamt ein Plus von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch während im Pandemiejahr der Lebensmittelhandel boomt, der Onlinehandel gut 20 Prozent zulegt und auch Möbel- und Baumärkte absahnen, stauen sich in den Modeläden die Kollektionen. Der Textilhandel schloss das Jahr 2020 mit einem Minus von knapp 25 Prozent ab.

Der Traum vom Post-Corona-Boom

Fehlende Nachfrage nach schicken Kleidern ist nicht neu. Was haben Stilikonen schon über die Leggingisierung der Welt geklagt, was hat der Casual Friday an der Büronorm gekratzt. Und wie hat die Modebranche bisher auf solche Unbill reagiert? Mit Verlagerungen, entweder im Sortiment oder aufs Rabattrennen oder gleich beides. Langfristig löst das nichts. Klar, Bälle, Hochzeiten und Clubnächte würden die Sache jetzt erleichtern. Ein neues Kleid für jede Bürgerin! Und dann zurück ins Jammertal? Dagegen hilft nur Ehrlichkeit: Der Mensch ist auf Modeläden nicht angewiesen, wie sich im Lockdown gezeigt hat – und die Stadt ist es auch nicht. Ohne diese Erkenntnis bleibt jede Ladenvision ein Luftschloss.

Der Sinn des Lebens, der Sinn des Ladens

Der enge Radius des Lockdown-Lebens hat die Vorteile einer 15-Minuten-Stadt bewiesen. Bei dieser radikal neuen Stadtplanung finden die Menschen alles Nötige in ihrer Reichweite, statt zwischen Wohnort und Arbeit zu pendeln und mit dem Auto zur Uni, ins Kino oder zum Einkaufen zu fahren. Einerseits bietet das dem Handel Chancen. Schließlich hätte jede größere Stadt mit diesem Konzept nicht nur eine Innenstadt, sondern viele. Andererseits ist deren Mittelpunkt nicht das Kaufhaus, sondern die Schule. Nachmittags sonnen sich Menschen im begrünten Schulhof, abends gehen sie zum Konzert in deren Aula. Diese Art von Stadt ist nützlich, vielseitig und lebendig. Fragt sich bloß, was ein Modeladen seiner Nachbarschaft eigentlich zu bieten hat, außer den Menschen den schweren Geldbeutel zu erleichtern? Wer darauf eine Antwort findet, hat im Laden der Zukunft einen Fuß in der Tür.

Mehrwert jenseits der Steuererklärung

Den Innenstädten fehlen die Bürohengste, Homeoffice sei dank. Ob das so bleibt, weiß niemand. Untersuchungen des britischen Centre For Cities legen nahe, dass Laufkundschaft nach dem Ende der Corona-Maßnahmen unterschiedlich stark zurückkommen wird. Den unwiderstehlichen Reiz von Kommerz haben langweilige Einkaufsstraßen sowieso längst in Frage gestellt. Deshalb besinnen sich manche Orte auf den Dienst an der Gemeinschaft. Die Stadt Hanau etwa hilft Bürgern dabei, ihre Geschäftsideen zu verwirklichen – und macht sie zum Magneten ihrer Innenstadt. Auf einer leerstehenden Kaufhausfläche dürfen sich lokale Gründer für jeweils drei Monate präsentieren. Andere Orte fördern sogenannte Mehrfunktionshäuser. Einkaufen, Dienstleistungen und Bürgertreffpunkt unter einem Dach. Mit einem Mehrzweckkonzept auf der Fläche könnte auch ein Laden sein Verödungsrisiko breiter streuen. Fragt sich nur, welchen gesellschaftlichen Mehrwert der Modehandel bieten will.

Wenn sich die Mode im Kreis dreht

Die pandemiebedingte Geschäftspause kann sich als Chance erweisen. Schließlich sind viele Ladenbesitzerhirne seit dem ersten Lockdown im Tüftelmodus – und geübt darin, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Eine davon heißt: Saisonkollektionen sind Einwegware. Dabei ließe sich mit Mode mehrfach Geld verdienen, etwa mit Mietkleidern, Änderungsservice oder Secondhand-Optionen. Das wiederum würde bestens in die Innenstadt der Zukunft passen. Mit Kreislaufwirtschaft befassen sich viele Kommunen nämlich nicht nur wegen des Klimanotstands. Ein Spielzeugverleih, ein Reparaturcafé oder ein Recyclingkaufhaus bringen Leben in die Innenstadt. Das ist die neue Konkurrenz.

Besser als der Onlineriese

Der Pandemiebeginn bescherte Amazon einen Schock. US-Ketten wie Walmart waren mit ihrem stationären Handel näher am Kunden. Besser als ein Onlineriese kann auch der Innenstadtladen sein. Sofern er aufhört, die ersten beiden Silben im Wort „Einzelhandel“ zu betonen. Es fehlt ein gemeinsamer Onlineshop für eine Stadt, in dem Anwohner sich ganze Outfits aus verschiedenen Läden zusammenstellen und dann anprobieren oder abholen können. Der Buchhandel macht so etwas mit Genial Lokal vor, für Labels versucht es Label Bird. Für Läden bedeutet das allerdings den Abschied von einem geliebten Feindbild. Nicht der Onlinehandel ist der Untergang der Modeläden, sondern der Tunnelblick.

Abschied vom Laden

Einkaufsbummel scheinen in Zukunft weniger gefragt zu sein als Erholung, Freizeitspaß, Bürgerbeteiligung, praktische und nachhaltige Dienstleistungen. Nicht jeder Modeladen wird es schaffen, sich in diese neue Umgebung einzufügen. Aber Abschied heißt nicht Geschäftsaufgabe. Eine Fläche lässt sich mit zahlenden Partnern bespielen oder als sinnlicher Erlebnisparcour neu erfinden – Markenbildung auf jedem Quadratmeter, nun halt fürs Onlinegeschäft. Denkbar ist auch der Verzicht auf Laufkundschaft in teurer Lage, das heißt, Umzug in einen Showroom, in den die Kundschaft nur mit Termin eintritt. Das kennt sie ja jetzt schon. Wie man es auch dreht und wendet: Es sieht kaum danach aus, als wäre in der Innenstadt der Zukunft Platz für Dutzende Modeläden, die nichts als Abverkaufen im Sinn haben. Wenn das kein guter Anlass ist, um sich endlich etwas Besseres einfallen zu lassen.

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