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„Nicht an denen orientieren, die Champagner wie Wasser trinken“

„Nicht an denen orientieren, die Champagner wie Wasser trinken“

Der Hamburger Agent Norbert Gresch hat mit seinem Brief vielen aus der Seele gesprochen. Ob Marken, Agenturen oder Händler, die zentralen Forderungen des Briefs finden breite Zustimmung – auch weit über Deutschland hinaus. style in progress hat mit Norbert Gresch telefoniert.
Norbert, wie viele Stunden hast Du die letzten Tage telefoniert?

„Ich kann es gar nicht mehr zählen. Wir versuchen gerade zu dritt, das Feedback zu sortieren und ein System aufzubauen, um die Initiative auf Schiene zu bringen. Denn das Positive ist: Alle sind sich einig, dass die Vorschläge sinnvoll sind.“

Dein Brief stellt drei zentrale Forderungen in den Raum: keine Rabatte nach Wiedereröffnung des Einzelhandels bis Juli, Auslieferung von H/W 2020 erst ab August und Beginn der Orderrunde FS 2021 Anfang September 2020. Auch Messen und FS 2021-Liefertermine sollen nach hinten rücken. Die Rabattschlacht hat aber schon begonnen…

„Ja, in der Krise ist jeder sich selbst am nächsten und ich verstehe auch, dass Händler jetzt verzweifelt versuchen, nicht den gesamten Umsatz zu verlieren. Ich glaube, dass die Rabatte auch das Nachrangigste aus meinem Brief sind. Das wichtige ist, dass wir die Krise nützen, um unser krankes System wieder zu einem gesunden machen. Die Modebranche ist die einzige Branche, die Artikel dann reduziert, wenn der Bedarf gerade erst begonnen hat. Immer wenn man zum ersten Mal an eine neue Badehose denkt, kann man sie schon im Sale kaufen. Wir haben uns selbst überholt und alle – Händler, Vertreter, Lieferanten – beklagen das schon seit Jahren. Jetzt haben wir die Chance, das zu korrigieren!“

Der Hamburger Agent Norbert Gresch hat mit seinem Brief „Die Krise als Chance“ eine riesige Diskussion ins Rollen gebracht. style in progress hat mit ihm über die Welle der Zustimmung gesprochen, die er in den letzten Tagen erlebt hat. Seine Hoffnung: „Dass nicht mehr nur Egos, sondern auch das Gemeinsame zählen.“
Man wird immer den Händler finden, der sagt: aber die Kunden fordern Sommerware im November…

„Wir können uns als Branche nicht an den Konsumenten orientieren, die Champagner wie Wasser trinken. Wir müssen uns wieder auf die besinnen, für die Champagner etwas besonderes ist und die ein Glas Champagner zelebrieren. Für einen normalen Saisonrhythmus müssen wir aufhören, uns an den Luxus Kunden zu orientieren, es gilt, für unseren Kunden, der sich preislich in der gehoben Mitte bewegt, wieder attraktiv zu sein. Das bedeutet, attraktive Ware zur entsprechenden Jahreszeit anzubieten und zum regulären Preis zu verkaufen“

Das ist eine Tendenz, die man generell schon ablesen kann in der Krise – …die Sehnsucht nach Normalität und geregelter Struktur.

„Genau – ein gutes Beispiel sind für mich die Herreneinkäufer und -läden. Da geht es deutlich realistischer und entspannter zu, der Saisonrhythmus ist natürlicher und viele haben die Größe, ein Teil, das nicht verkauft wurde, einfach mal eine Saison ins Lager zu hängen. Bitte aber nicht falsch verstehen: Mit dem Normalen meine ich nicht diese langweiligen, oft stark durch eigenen Retail getriebenen Marken, deren Angebot fast nur aus Wiederkehrern besteht, das sie dann in 8-10 Kollektionen pro Jahr in den Markt drücken. Diese Anbieter sind Teil des Problems: Sie haben mit ihrer völligen Überflutung und ihren ideenlosen Kollektionen die Mode so unattraktiv gemacht. Natürlich schieben die jetzt ihre Angestellten nach vorne, um auch gerettet zu werden.“

Was ist Deine größte Hoffnung?

„Dass Gruppen, die vorher vielleicht nicht immer einer Meinung waren, gemeinsam für ein Ziel einstehen. Wie aktuell in der Politik – plötzlich kann sogar die FDP gut finden, was Frau Merkel macht. Das wünsche ich mir auch für unsere Branche: Dass es nicht mehr um Egos geht, sondern um das Gemeinsame. Gerade auf dem Wochenmarkt erzählte mir mein Käsemann, dass er sich das erste Mal mit seinen anderen Käse-Wettbewerbern unterhalten hat – das sind die positiven Dinge, die man aus so einer Krise mitnehmen kann – Solidarität!“

Norbert-Gresch_Brief

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