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Editor’s Letter

Fast schon kitschig 

15/06/2026  BY  Stephan Huber


Fast schon kitschig 
Auf einer schmalen Halbinsel in Cornwall, von drei Seiten vom atlantischen Ozean umspült, liegt St. Ives. Die leuchtend hellen Strände aus feinstem Granit- und Muschelsand reflektieren im Zusammenspiel mit dem Meer das Sonnenlicht in einzigartiger Weise. Schon William Turner wurde davon magisch angezogen. Nicht zufällig befindet sich eine Dependance des Tate Museums hier in der unscheinbaren Provinz. 

Wer durch die winzigen Gassen um den Hafen flaniert, vorbei an alten Steinhäusern, kleinen Galerien, nassen Hunden, Surfern in Neopren, dem steigt, wenn er – zufällig oder auch nicht – den richtigen Weg gewählt hat, plötzlich der unwiderstehliche Geruch von buttrigem Brioche und Gegrilltem in die Nase. Blas Burgerworks. Sechs Tische, vielleicht sieben. Man kann nicht reservieren, braucht also entweder Glück oder Geduld. Cornish Blue Cheese auf Grass Fed Beef, Truffle Aioli, Skin on Fries, alles frisch und aus schmeckbar besten Produkten zubereitet. Lokales Bier aus beschlagenen Gläsern und beim Servieren dann auch noch Iggy & The Stooges. Fast schon kitschig. 

Niemand, der bei Sinnen ist, würde auch nur auf den Gedanken kommen, hier plötzlich Big-Mac-Preise einzufordern. Dieses omnisensorische Gesamterlebnis hat einen Wert und damit einen Preis. Dieser direkte Zusammenhang war dort, in dieser kleinen Oase der entspannten Gastlichkeit, in jedem Moment spürbar. 

Diese Art von intuitiver „Price Literacy“ ist uns in der Mode über Jahre abhandengekommen, geradezu konsequent aberzogen worden. Lagerfeld für H&M war seinerzeit tatsächlich noch irgendwie aufregend. So neu, so frech, so einzigartig. Das Oxymoron des „demokratischen Luxus“ war geboren. Schnell wurde daraus ein System, das künstliche Verknappung, Luxusfantasien, Dauerrabatte und totale Verfügbarkeit zu einer Art Perpetuum mobile des bewusstlosen Konsums vereinen wollte. Wie wir aber wissen, ist das Perpetuum mobile physikalisch unmöglich. So hat der permanente Ausnahmezustand aus Verfügbarkeit, Beschleunigung und Rabattlogik nicht zuletzt dazu geführt, dass das Vertrauen in den bereits erwähnten direkten Zusammenhang von Preis und Wert schlicht völlig erodiert ist, und zwar nicht nur bei den Konsumentinnen und Konsumenten. 

Was wir in der Mode aktuell erleben, ist eine Vertrauenskrise. Insofern ist die Mode einmal mehr Spiegel der Gesellschaft. 

Was für eine Chance! 

Plötzlich werden wieder Menschen interessant, die Orientierung geben können. Gute Händlerinnen und Händler, gute Gastgeberinnen und Gastgeber, Menschen mit Geschmack, Erfahrung und echter Neugier, Menschen, die Dinge nicht einfach nur verkaufen, sondern einordnen können. Warum etwas gut ist. Warum etwas besonders ist. Warum etwas eben kostet, was es kostet. 

Die Begeisterung für genau diese Kultur und die Menschen, die sie mit Leben erfüllen, hat style in progress immer geprägt. Wenn wir diese Saison unsere Ausgabe #100 feiern dürfen, dann vor allem deshalb, weil wir uns in den 99 vorangehenden das Vertrauen dieser Menschen verdient haben. Und weil wir ihn leben, den Unterschied zwischen The Deluxe bei Blas Burger in St. Ives und The Hunger Games: Drive Thru Edition. 

Euer Stephan Huber

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