Simone Rocha
Emotional Structures
Wo Emotion zu Struktur wird und Kleidung zur Erzählung, beginnt die Arbeit von Simone Rocha. Ihre Kollektionen lassen sich als poetische Begegnungen von Fragilität und Stärke, Romantik und Bruch beschrieben – als Kleidungsstücke, die zugleich sehr persönlich wirken und dennoch offen für Interpretation bleiben. Wir haben mit der irischen Designerin über Intuition und Absicht gesprochen, über Unabhängigkeit als Freiheit und Verantwortung zugleich sowie über Storytelling als leise treibende Kraft hinter ihrer Arbeit. Ein Dialog über Spannung und Zartheit – und wie sich diese Sprache durch ihre Auseinandersetzung mit Menswear weiterentwickelt.
Text: Lisa Hollogschwandter. Fotos: Jacob Lillis, William Waterworth
Simone, deine Kollektionen werden oft als stark emotional beschrieben. Sie balancieren zwischen Fragilität und Stärke, Romantik und Umbruch. Denkst du beim Entwerfen bewusst darüber nach, welche Gefühle du beim Tragen auslösen möchtest, oder entstehen diese Emotionen eher intuitiv im Prozess?
Simone Rocha, Gründerin und Creative Director: Es ist tatsächlich oft eine Mischung aus beidem. Im Allgemeinen beginne ich jede Kollektion mit einer Absicht, wie sie sich anfühlen soll und welche Emotionen sie auslösen kann. Das entsteht häufig aus einer Erinnerung oder einer Geschichte, die ich erzähle. Diese Gedanken entwickeln sich dann weiter, während die Kollektion entsteht. Durch die Recherche, die Entwicklung von Stoffen und Silhouetten fügt sich schließlich alles zusammen.
Du hast dich trotz großer Aufmerksamkeit in der Branche bewusst für Unabhängigkeit entschieden und dir damit eine sehr eigenständige kreative Sprache bewahrt. Gibt dir diese Unabhängigkeit vielleicht auch die Möglichkeit, Kollektionen zu kreieren, die eher auf langfristige Bedeutung als auf unmittelbare Wirkung setzen?
Ich entwerfe Dinge, die sich für mich persönlich richtig anfühlen, und diese unabhängige Haltung ermöglicht es, genau das in den Vordergrund zu stellen. Unabhängigkeit kann sehr befreiend sein, bringt aber auch Verantwortung mit sich – gegenüber meinem Team, meinen Produktionspartnerinnen und -partnern sowie vielen anderen. Es ist also beides zugleich: pure Kreativität und Realität. Genau dieses Gleichgewicht versuche ich ständig zu halten. Die Freiheit, einer Idee vollständig zu folgen, und gleichzeitig das Bewusstsein, dass sie in einem größeren Prozess mit vielen Beteiligten entsteht. Diese Dualität hält die Arbeit für mich geerdet – selbst dann, wenn sie aus etwas sehr Intuitivem oder Emotionalem heraus beginnt.
Deine Designs wirken oft traumhaft und stark expressiv, haben aber gleichzeitig eine sehr reale Präsenz. Sie werden von Frauen und Männern in unterschiedlichen Kontexten getragen und auch durch Kooperationen mit zugänglicheren Marken adaptiert. Wie findest du die Balance zwischen dieser fast schon poetischen Qualität und dem Wunsch, Kleidung zu schaffen, die im Alltag funktioniert und Freude bereitet?
Ich mag genau diese Gegenüberstellung, diese Spannung des Dazwischen. Das hat mich schon immer angezogen. Ich habe auch immer gerne kollaboriert – Einladungen in andere Welten und Prozesse, die Möglichkeit, etwas Neues und Unerwartetes zu schaffen, das hat mich schon immer begeistert. Dieser Zwischenraum fühlt sich für mich sehr natürlich an. Er erlaubt es den Kollektionen, je nach Trägerin beziehungsweise Träger und Kontext unterschiedlich zu existieren. Diese Bewegung zwischen Imagination und Alltag gibt den Arbeiten eine Freiheit, die sie über den Laufsteg hinaus lebendig hält.
Du bist Guest Designer des Pitti Uomo 110 in Florenz. Hast du Unterschiede darin bemerkt, wie Emotion zwischen Womenswear und Menswear ausgedrückt oder wahrgenommen wird? Öffnet das Entwerfen für Männer für dich einen neuen Blick auf Sensibilität, Romantik oder auch Verletzlichkeit?
Auf jeden Fall. Sowohl die Womenswear als auch die Menswear sind von Storytelling geprägt, aber die Menswear als eigene Kollektion zu entwickeln und sie in Florenz zu zeigen, hat meinen Blick auf all die genannten Aspekte und die Vielschichtigkeit von Maskulinität noch einmal geschärft. Ich bin dabei eher von einer geerdeten Perspektive ausgegangen als bei meiner Womenswear – mit Fokus auf maskuline Materialien, Strick, charakteristische Key-Pieces und Ideen, die den Charakter der Menswear definieren. Eine sanfte, maskuline Haltung.

