Longview
REALNESS – The Economics of Trust
Ein Dialog mit Philippine Darblay und Sarah Andelman.
Interview: Stephan Huber. Fotos: Søren Jepsen, @thelocals
Was für ein wunderbarer Ort, um über REALNESS – The Economics of Trust zu sprechen. Und noch wunderbarer ist es, das mit euch beiden zu tun, Philippine und Sarah. Auf eure eigene Weise seid ihr beide das, was ich als Eigenmarken bezeichnen würde. Sarah, natürlich wirst du immer mit Colette verbunden sein – ob es dir gefällt oder nicht, es bleibt ein außergewöhnliches Vermächtnis. Just an Idea klingt fast schon bewusst zurückhaltend, wenn man bedenkt, welchen kulturellen Einfluss du hattest. War das auch eine Möglichkeit für dich, deine Rolle nach Colette neu zu definieren? Und ermöglicht dir dieser Name, dich freier zu bewegen, als es eine traditionelle Struktur tun würde?
Sarah Andelman: Für mich ist es eine Fortsetzung von Colette. Ich arbeite immer noch mit greifbaren Orten. Anfang dieses Jahres habe ich für die Design Week in Mailand einen Laden namens Plan C Framework kuratiert und dabei verschiedene Persönlichkeiten aus Design und Kunst zusammengebracht. Und ehrlich gesagt, hat das sehr viel mit dem zu tun, was ich schon bei Colette gemacht habe, und mit allem, was ich seitdem gemacht habe. Ob es nun ein Laden für eine Street-Art-Ausstellung ist oder für die Snoopy-Ausstellung in New York – es geht immer darum, ein Gleichgewicht zu finden, Kreativität zusammenzubringen und Menschen Dinge näherzubringen, die sie vielleicht noch nicht kennen. In vielerlei Hinsicht ist das, was ich jetzt mache, also immer noch Colette, nur in einer anderen Form.
Aber immer noch tief in der physischen Welt verwurzelt.
Sarah Andelman: Ja, immer. Gerade arbeite ich zum Beispiel mit Memo Paris an einer Zusammenarbeit mit der Illustratorin Olimpia Zagnoli. Ich habe in Mailand nach einem Raum für sie gesucht und diesen Ort mit dieser unglaublichen roten Treppe entdeckt. Ich habe mich sofort darin verliebt und vorgeschlagen, dort ein Just-an-Idea-Projekt umzusetzen. Und das sagt eigentlich viel darüber aus, wie ich heute arbeite. Alles ist miteinander verbunden. Manchmal kuratiere ich direkt, manchmal berate ich Marken und helfe ihnen, die richtigen Kooperationen oder Umgebungen zu finden. Aber letztendlich läuft es immer auf dasselbe hinaus: ein Erlebnis rund um einen Raum zu schaffen. Es ist sehr ähnlich zu dem, was ich früher bei Colette gemacht habe, nur dass es jetzt nicht mehr an einen festen Standort gebunden ist. Die Arbeit ist temporärer, flexibler und offener geworden. Aber die Absicht dahinter hat sich nicht geändert.
Das fühlt sich unglaublich real an: Ideen in physische Erlebnisse zu übersetzen. Philippine – was du teilst, sind nicht nur Informationen über ein Restaurant, eine Patisserie oder einen Geheimtipp für Street Food. Du vermittelst ein Gefühl. Du gibst den Menschen das Gefühl, irgendwo sein zu wollen, sich irgendwo wohlzufühlen. Wie würdest du beschreiben, was du tust?
Philippine Darblay: Was mich am meisten interessiert, ist das Gefühl eines Ortes. Ehrlich gesagt kehre ich oft eher wegen der Menschen als wegen des Essens selbst an einen Ort zurück. Ich kann immer wieder in ein Café gehen, in dem der Kaffee nicht außergewöhnlich gut ist, wenn die Atmosphäre stimmt und mir die Menschen dort ein gutes Gefühl geben. Das Gegenteil ist schwieriger. Man kann ein unglaubliches Essen genießen, aber wenn die Atmosphäre kühl wirkt oder einfach keine Verbindung entsteht, kommt man vielleicht nie wieder. Für mich geht es also wirklich um Herzlichkeit. Darum, wie ein Ort einen willkommen heißt. Ich glaube, Gastfreundschaft wird immer noch stark unterschätzt. Ich liebe Orte, an denen man sich sofort wohlfühlt, an denen eine Person hinter dem Ort steckt, eine Persönlichkeit, etwas Menschliches, das über das hinausgeht, was auf dem Teller liegt. Ich glaube, die Menschen sehnen sich wieder danach. In der Gastronomie gab es zum Beispiel diese lange Phase stark konstruierter gastronomischer Erlebnisse, spektakulärer Teller, sehr konzeptioneller Küche. Und das hat erstaunliche Dinge hervorgebracht. Aber nach all den Veränderungen der letzten Jahre, einschließlich Covid, suchen viele Menschen wieder nach etwas anderem. Nach etwas Menschlicherem. Etwas Unmittelbarerem. Etwas Echterem. Vielleicht rührt das auch von meinem eigenen Werdegang her. Bevor ich selbstständig wurde und nun an Projekten für Madame Figaro oder Lonely Planet arbeite, habe ich mich in traditionellen Medienumgebungen nie ganz zu Hause gefühlt. Ich habe in Kopenhagen, London und Berlin gearbeitet, und als ich nach Frankreich zurückgekommen bin, fühlte ich mich plötzlich etwas fehl am Platz. Die Gespräche rund ums Essen drehten sich oft sehr stark um die Gastronomie selbst, während mich die Atmosphäre, die Emotionen und vor allem die Menschen immer mehr interessierten.
Ich würde also zusammenfassen, dass sich die Menschen nach einem individuellen, alle Sinne ansprechenden Erlebnis sehnen – nicht nach einem weiteren perfekt standardisierten Erlebnis, nicht nach einer weiteren Chanel-Boutique oder einem weiteren Starbucks, die überall auf der Welt gleich aussehen und sich gleich anfühlen. Ist das etwas, das ihr beide so wahrnehmt?
Sarah Andelman: Wir unterschätzen immer noch, wie sehr ein Ort von den Menschen geprägt wird, die einen dort willkommen heißen. Und du hast recht: Ob man nun zu Starbucks oder zu Chanel geht, letztendlich sind es doch immer noch die Menschen, die den Unterschied ausmachen. Es klingt offensichtlich, aber es ist erstaunlich, wie viele Orte das immer noch nicht richtig verstehen. Man muss sein Team anweisen, zu grüßen, effizient zu sein, zu wissen, was man verkauft, und zu wissen, was die Produkte bedeuten. Wenn man etwas von einer Designerin aus Hongkong oder einer Glasbläserin aus Kopenhagen verkauft, ändert sich das Erlebnis völlig, wenn jemand erklären kann, wer es hergestellt hat und wie es entstanden ist. Und das ist etwas, das der Onlinehandel nicht wirklich ersetzen kann. Online liest man die pure Geschichte. Aber in einem realen Raum gibt es bereits Musik, Gerüche, eine Atmosphäre: ein multisensorisches Erlebnis. Und dennoch erzählt einem manchmal niemand etwas darüber, was man gerade betrachtet.
Was ihr beide tut, auf sehr unterschiedliche Weise, ist, Menschen dazu zu bringen, das Haus verlassen zu wollen und etwas physisch zu erleben, wie einen Laden, ein Restaurant, einen Raum, eine Straße, einen Moment. Warum glaubt ihr, dass dieses Verlangen nach realen Orten gerade jetzt wieder so stark ist?
Sarah Andelman: Ich glaube, die Menschen sind von Bildschirmen erschöpft. Es gibt wieder ein echtes Verlangen, Teil von etwas Geteiltem zu sein. Ein Erlebnis, eine Gruppe, etwas, worüber man hinterher reden kann. Es ist wie ins Kino zu gehen. Sicher, man kann sich einen Film zu Hause ansehen, aber es ist etwas anderes, mit anderen Menschen zusammen zu sein und gemeinsam etwas zu erleben. Das ist auch die spezifische Rolle der Kuration: Orte zu schaffen, die Menschen besuchen wollen, weil sie dort etwas entdecken, das sie noch nie zuvor gesehen haben. Designerinnen oder Ideen zusammenzubringen, die normalerweise nicht Seite an Seite existieren würden. Den Menschen eine andere Perspektive zu bieten, statt nur eine weitere Version vom Gleichen. Was verleiht einem Ort seine eigene Stimme? Seine eigene Note? Bei Colette zum Beispiel war mir immer besonders wichtig, wie sauber der Ort war. Es klingt fast lächerlich, das zu sagen, aber so vielen Orten scheint das einfach egal zu sein. Schmutzige Fenster, staubige Produkte, Tische, die nicht sauber sind. Das macht mich wahnsinnig.
Philippine, du nutzt eine digitale Plattform, um etwas zutiefst Greifbares zu schaffen; du verwandelst Aufmerksamkeit in Aktion. Die Leute sehen etwas, das du postest, und plötzlich haben sie das Gefühl, es selbst erleben zu müssen.
Philippine Darblay: Weil es zwei völlig unterschiedliche Gefühlserlebnisse sind, einen Ort online zu sehen und tatsächlich dort zu sein. Man kann sich online einen wunderschön kuratierten Ort in Mailand ansehen und denken: Wow, das ist fantastisch. Aber wenn man physisch dorthin geht, wenn man die Atmosphäre, die Geräusche, die Menschen und die Energie des Ortes erlebt, entsteht etwas anderes in einem, etwas Echtes. Und ja, natürlich holen wir fast sofort wieder unsere Handys heraus, um es zu fotografieren. Aber das Gefühl selbst ist völlig anders, als wenn man sich einfach nur ein Bild online ansieht. Ich glaube auch, dass Handys uns ständig aus dem gegenwärtigen Moment herausreißen. Sie treiben uns zur nächsten Sache, zum nächsten Szenario, zur nächsten Sorge. Wir nehmen das Leben von Tausenden von Menschen gleichzeitig in uns auf. Ich fühle mich oft verloren wegen meines Handys, obwohl es auch Teil meiner Arbeit ist. Ich habe also eine echte Hassliebe zu ihm. Selbst jetzt fühlt sich dieses Gespräch unter anderem deshalb so angenehm an, weil ich mein Handy nicht in der Hand habe. Und ich glaube, genau deshalb sind physische Orte so wichtig. Sie ermöglichen es einem, zumindest für einen Moment, wirklich präsent zu sein. Das wird immer schwieriger, besonders für jüngere Generationen. Das Gefühl, wirklich irgendwo zu sein, schwindet zunehmend. Und Orte können dieses Gefühl immer noch erzeugen.
Sarah, dein Ansatz im Einzelhandel wirkte nie rein transaktional. Der Verkauf schien immer die Folge von etwas anderem zu sein: Entdeckung, Emotion, Erfahrung.
Sarah Andelman: Für mich ist das auch eine wirtschaftliche Idee – eine ganz andere als bei Systemen wie Temu oder Shein, wo sich alles um unbewussten Konsum dreht. Nicht falsch verstehen: Konsum ist der Motor der Zivilisation. Aber vielleicht sind die Menschen es leid, zum Konsum gedrängt zu werden.
Philippine Darblay: Da muss ich kurz einwerfen. Denn genau deshalb haben wir Colette so sehr geliebt. Es gab immer etwas zu entdecken. Man konnte jede Woche wiederkommen und etwas Neues finden. Damals konnte ich mir kaum etwas leisten. Also kaufte ich Stifte. Aber es waren die coolsten Stifte der Welt. Und selbst wenn man nichts kaufte, wollte man sich einfach alles ansehen. Und Sarah hat diese unglaubliche Art, Begeisterung zu vermitteln. Ich erinnere mich an die Ausstellung, die sie rund um Literatur und Bücher im Le Bon Marché kuratiert hat. Sie kannte jeden einzelnen Künstler, jedes Objekt, jede Geschichte. Sie sagte: „Schau dir diese Tasse an – ich liebe diese Leute, weil …“ oder „Diese Künstlerin ist unglaublich, weil …“ Und plötzlich nahm man nicht nur Informationen auf, man spürte ihre Begeisterung. Man wurde selbst ganz aufgeregt. Man fühlte sich fast wieder wie ein Kind. Um einen herum passierte so viel. Und jetzt erinnere ich mich an jedes einzelne Detail eines Objekts, das dort war, als wir etwas in dieser Ausstellung aufgenommen haben. Ich habe auch etwas aus der Ausstellung zu Hause, und jedes Mal, wenn ich es mir ansehe, spüre ich diese Begeisterung irgendwie wieder. Es ist fantastisch.
Es ist interessant, dass du Le Bon Marché erwähnst. Die verstehen irgendwie wirklich, wie man Realness schafft, und ich mag Kaufhäuser eigentlich gar nicht.
Sarah Andelman: Leute, die Kaufhäuser nicht mögen, mögen normalerweise Le Bon Marché.
Weil es sich dort immer noch seltsam lokal anfühlt. Auch wenn es ein großes Kaufhaus ist, scheint es mit einer echten, ortsansässigen Gemeinschaft verbunden zu sein. Und jeder dort scheint, wirklich zu wissen, wovon er spricht.
Philippine Darblay: Und es gibt keinen Druck. Keine aufdringliche Verkaufstaktik. Man kann einfach durch das Haus schlendern, fast wie durch eine Ausstellung. So hat sich auch Colette angefühlt. Man fühlte sich nicht gezwungen, etwas zu kaufen. In der heutigen Welt ist das ein solcher Luxus: einfach nur schauen, entdecken, Zeit verbringen. Und vielleicht sorgt das am Ende sogar für mehr Umsatz.
Was uns wieder zu dieser ganzen Idee der Ökonomie des Vertrauens zurückbringt: Die Menschen vertrauten dem Blick hinter der Auswahl.
Sarah Andelman: Aber das Vertrauen war von Anfang an da. Ich habe Colette mit meiner Mutter gegründet und sie vertraute mir vollkommen. Wir wollten einfach Dinge zeigen, die wir liebten, vom Kugelschreiber bis zum Luxusartikel, ohne ständig zu denken: Wird sich das verkaufen? Ich hatte unglaubliches Glück. Niemand schaute über meine Schulter und sagte: „Pass auf das Budget auf.“ Ich hatte Freiheit. Und irgendwie hat es funktioniert, weil die Auswahl als Ganzes Sinn ergab. Man stellte eine Packung Bonbons neben etwas Unerwartetes, dann wieder neben etwas anderes. Und plötzlich wollten die Leute alles davon. Die besten Projekte danach, ob bei Just an Idea oder Le Bon Marché, entstanden immer aus demselben Vertrauen. Was ich bei Le Bon Marché liebte, war ihre Flexibilität. Die meisten großen Geschäfte sind in ihren Systemen gefangen. Aber dort waren sie offen dafür, wenn ich eine Woche später plötzlich etwas Neues zum Projekt hinzufügen wollte. Diese Freiheit ist wichtig.
Vielleicht ist das jetzt die eigentliche Veränderung: Nicht zu fragen, was die Leute kaufen wollen, sondern was sie wirklich überraschen könnte?
Sarah Andelman: Von Colette bis heute ging es nie nur um: Kauft das! Es ging um: Schau dir das an! Vielleicht hast du es noch nie gesehen. Vielleicht hast du gar nicht gewusst, dass du es willst.
Influencer ist zu einem so seltsamen Wort geworden. Falsch verwendet, überstrapaziert. Und doch beeinflusst ihr beide in gewisser Weise ständig Menschen.
Sarah Andelman: Was mich interessiert, ist wie. Denn die digitale Welt verkauft uns immer wieder dasselbe Versprechen: Bequemlichkeit. Alles sofort verfügbar. Ein Klick, kein Aufwand. Aber Bequemlichkeit macht uns auch passiv und faul, weniger neugierig, weniger engagiert. Vielleicht suchen die Menschen deshalb wieder nach Orientierung, nach Menschen mit Geschmack, Wissen und Perspektive, nach jemandem, der eine Tür öffnet.
Philippine Darblay: Ich liebe es, Dinge zu übersetzen. Ich liebe es, mit Menschen zu sprechen, die tief in ihrer eigenen Welt versunken sind – Essen, Kunst, Handwerk, was auch immer – und dann einen Weg zu finden, ihre Leidenschaft für jemanden außerhalb dieser Welt zugänglich zu machen. Vielleicht ist es genau das, was ich wirklich tue. Ich bin selbst extrem neugierig, also stelle ich Fragen. Und dann versuche ich, diese Neugier auf eine Weise zu teilen, die einladend wirkt, statt einschüchternd.
Ich erinnere mich an deine Geschichte mit dem Trüffel-Käse-Sandwich, Philippine. So wie du davon gesprochen hast, wollte man es sofort selbst probieren. Begehren im besten Sinne.
Sarah Andelman: Ich glaube, was wir wirklich tun, ist, Menschen für Dinge zu öffnen, die sie alleine vielleicht nicht entdeckt hätten. Die meisten Menschen bleiben bei dem, was sie bereits kennen – denselben Orten, denselben Gewohnheiten. Aber da draußen gibt es immer noch etwas anderes: ein anderes Restaurant, einen anderen Designer, eine andere Perspektive. Man muss neugierig bleiben. Geh raus! Entdecke! Aber darin liegt jetzt auch eine Verantwortung. So viele Dinge sehen online unglaublich aus, und dann kommt man an und spürt gar nichts. Die Leute merken, wenn etwas aus einer echten Überzeugung heraus kommt und wenn es nur Marketing ist.
Philippine Darblay: Ja. Und ehrlich gesagt, genau deswegen lehne ich viele Dinge ab. Bis jetzt habe ich noch nie bezahlte Kooperationen mit Restaurants gemacht. Wenn ich über einen Ort spreche, dann weil ich wirklich darüber sprechen möchte. Ich könnte niemals etwas empfehlen, an das ich nicht glaube. Die Leute spüren den Unterschied sowieso. Wenn etwas aufrichtig gemacht wird, hat es Bestand. Wenn es unecht ist, scheitert es.
Sarah Andelman: Im Einzelhandel ist es genauso. Man kann Produkte, das Styling, sogar eine Atmosphäre kopieren. Aber man kopiert nur die Oberfläche, nicht den Blick dahinter, nicht das Wissen, nicht die Absicht.
Vielleicht hat sich genau dort auch im Luxussegment etwas verschoben. Marken haben schon immer kulturelle Welten um sich herum aufgebaut. Aber irgendwie hat sich das dahin verlagert, aggressive Verkaufsmaschinen anzukurbeln. Mehr Drop-Kollektionen, mehr Hype, mehr Verkauf, höhere Preise – fast wie ein Luxuskaufrausch. Ist das der Moment, in dem das Vertrauen zu schwinden beginnt? Wenn sich das gesamte Erlebnis hauptsächlich darauf ausgelegt anfühlt, den Konsum anzukurbeln?
Sarah Andelman: Luxusmarken verstehen, dass ein Laden allein nicht mehr ausreicht. Deshalb versuchen sie, ganze Welten um sich herum zu erschaffen. Louis Vuitton hat kürzlich diesen riesigen, schiffartigen Raum in Schanghai eröffnet, mit Ausstellungen, einem Café und sogar einer Buchhandlung darin. Hermès macht schon seit Jahren Ähnliches, wie zum Beispiel seine Galerieräume in Japan. Dior arbeitet mit Köchen und Gastronomieprojekten in ganz Asien zusammen. Sie verkaufen nicht mehr nur Produkte. Sie versuchen, Umgebungen zu schaffen, in denen Menschen Zeit verbringen wollen – Orte mit Kultur, Atmosphäre und Gesprächen.
Aber kann sich das noch echt anfühlen?
Sarah Andelman: Ich denke, genau deshalb ist es so wichtig, glaubwürdige Welten zu schaffen. Für mich war das schon immer der schönste Teil: Design, Kunst, Bücher, Mode, Essen, Objekte und Menschen zusammenzubringen. Wenn es gut gemacht ist, wird es mehr als nur Einzelhandel. Es wird zu einer Kultur rund um etwas.
Philippine Darblay: Das ist meine Definition von Luxus heute. Die Menschen spüren sofort, wenn etwas nur darauf ausgelegt ist, an sie verkauft zu werden. Was einem im Gedächtnis bleibt, ist etwas anderes, wenn eine echte Geschichte, eine echte Person, eine echte Leidenschaft dahintersteckt. Ich glaube, die Menschen suchen das immer mehr. Sie wollen das Gefühl haben, dass jemand tatsächlich etwas entdeckt, es verstanden hat und es mit echter Begeisterung teilt. Nicht nur ein Produkt zu verkaufen, sondern ein Erlebnis zu vermitteln.
Philippine, auf deine eigene Art bist du auch Teil der Modewelt geworden. Fashion Week, intime Präsentationen, Gespräche mit Designerinnen – du bewegst dich ganz natürlich in diesem Universum. Was reizt dich an der Mode?
Philippine Darblay: Was ich am meisten liebe, ist das Handwerk dahinter. Stoffe, Materialien, die Art und Weise, wie Dinge hergestellt werden. Eigentlich wollte ich schon als Jugendliche eine Modeschule besuchen, aber meine Eltern haben es mir nicht erlaubt. Ich liebe die Geschichte der Kleidung, das Savoir-faire, das dahintersteckt. Mode kann ein unglaubliches Mittel zur Identitätsfindung und Selbstdarstellung sein, wenn man spielerisch damit umgeht. Es ist mir egal, ob jemand tief in der Materie drin ist, oder gar nicht. Aber in dem Moment, in dem Menschen anfangen, damit zu experimentieren, damit zu spielen, wird es spannend.
Sarah Andelman: Und glücklicherweise gibt es dafür noch Platz: für Handwerkskunst, für Savoir-faire, für Menschen, die Jahre damit verbringen, etwas von Grund auf zu lernen, sei es Mode, Wein, Leder, Spitze, was auch immer. Natürlich wird diese Art von Arbeit oft teuer, weil sie Zeit, Wissen und handwerkliches Geschick erfordert. Aber für mich sollte es Platz für alles geben: vom albernen japanischen Gadget aus einer Fabrik bis hin zur winzigen unabhängigen Marke, die ums Überleben zwischen den großen Luxuskonzernen kämpft. Was zählt, ist, dass die Menschen immer noch nach Dingen mit Persönlichkeit suchen, nach Dingen, die sich persönlich anfühlen, und einzigartig. Und diese Dinge verbreiten sich immer noch am besten auf die altbewährte Art: durch Mundpropaganda und durch persönliche Erfahrung.
Vielleicht hat sich das Verlangen selbst verändert. Die Leute kaufen keinen Mantel, weil sie einen Mantel brauchen. Sie gehen nicht einfach in ein Restaurant, weil sie Hunger haben. Die Frage lautet also: Wie weckt man heutzutage Sehnsucht?
Sarah Andelman: Storytelling. Immer!
Stimmt, aber Storytelling ist zu einem Marketingklischee geworden. Wie funktioniert es also noch?
Philippine Darblay: Die Leute spüren einfach, ob etwas Echtes dahintersteckt. Nimm Wein in Restaurants: Manchmal hört man diese endlosen Geschichten über winzige Weingüter, und es klingt alles gleich. Aber manchmal spricht jemand ganz einfach über einen Wein, und man spürt sofort, dass er ihn wirklich liebt. Das verändert alles. Und ich glaube, genau daraus entsteht auch der Geschmack. Nicht dadurch, dass man gesagt bekommt, was gut ist, sondern dadurch, dass jemand seine Begeisterung ehrlich vermittelt. Es gibt Tausende von Objekten, Tausende von Orten. Die wahre Kunst besteht darin, zu wissen, was sich in einem bestimmten Moment richtig anfühlt, was gerade Aufmerksamkeit verdient.
Wie dein Trüffel-Käse-Sandwich.
Philippine Darblay: (lacht) Genau. Man teilt zuerst die Emotion, nicht das Produkt.
Bei guter Kuration geht es also wirklich darum, die Menschen zu verstehen?
Philippine Darblay: Und um Ehrlichkeit. Ein Freund von mir hat jahrelang im Einzelhandel gearbeitet und mir immer gesagt: Wenn etwas nicht zu einer Kundin passt, sag es, lüg nicht.
The Economics of Trust?
Sarah Andelman: Ja, aber Vertrauen bedeutet nichts ohne die Qualität, die dahintersteht. Die Qualität deines Urteilsvermögens, deiner Recherche, deines Wissens. Die Menschen spüren, ob echte Arbeit und echte Sorgfalt hinter etwas stehen.
Philippine Darblay: Noch einmal – die Menschen sind nicht dumm. Vielleicht fallen sie einmal auf etwas herein, aber wenn die Erfahrung sie enttäuscht, kommen sie nicht wieder. Vertrauen ist schwer aufzubauen und
unglaublich leicht zu verlieren. Es klingt einfach, aber
es ist wahr.
Mit Blick auf die Zukunft: Wohin führt das alles eurer Meinung nach? Was passiert, wenn das Erlebnis wichtiger wird als der reine Konsum?
Sarah Andelman: Das Timing ist unglaublich wichtig geworden. Das Interesse verändert sich heute so schnell. Etwas wird plötzlich zum Hit, alle wollen es haben, und zwei Wochen später machen sich die Leute schon wieder darüber lustig. Schau dir Labubu an. Dahinter steht ein echter Künstler, Kasing Lung, und ein ganzes Universum, das schon seit Jahren existiert. Dann explodierte es plötzlich und wurde fast über Nacht massiv begehrt. Oder wie A24 mit dem Marty Supreme-Merch umging. Sie haben es so gemacht, dass man das Zeug fast unmöglich bekommen konnte. Sehr limitierte Auflagen, die kurz auftauchten und wieder verschwanden. Alles geht jetzt so schnell: Wunsch, Besessenheit, Ablehnung. Es geht nicht mehr nur um Produkte. Es geht um Timing, Seltenheit, Emotionen, das Gefühl, dass etwas nur für einen kurzen Moment existiert. Wer es verpasst, hat es verpasst. Das ist auch der Grund, warum ich selbst etwas langsamer machen möchte. Ich liebe es, zwischen sehr unterschiedlichen Projekten zu wechseln, aber jetzt möchte ich mehr Zeit mit ihnen verbringen. Vielleicht weniger Projekte, dafür aber mit mehr Tiefe, mehr Kontinuität.
Philippine Darblay: Das ist lustig, denn mir geht es genauso. Ich mache schon seit Jahren kurze Videos, und manchmal fühlt es sich weniger wie ein kreativer Prozess an, sondern eher wie das Verstehen der Funktionsweise von Aufmerksamkeit. Man denkt über die ersten drei Sekunden nach, welches Bild zuerst kommt, wie man die Leute zum Weitergucken bringt. Ich mache das, weil das die Sprache der Plattform ist. Aber in letzter Zeit sehne ich mich nach etwas anderem, mehr Zeit, längere Formate, mehr echte Interaktion.
Nur ein kleiner Einwand. Jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, das ist etwas sehr Kraftvolles.
Philippine Darblay: Das ist tatsächlich das Schönste, was man über meine Arbeit sagen kann. Denn ja, ich möchte, dass die Leute etwas Schönes empfinden. Und ich finde, Freundlichkeit wird manchmal unterschätzt. Vor allem in Frankreich, wo es immer noch als naiv oder uncool gelten kann, wenn man zu nett ist. Aber ich glaube, die jüngeren Generationen ändern das gerade. Sie zeigen ihre Begeisterung viel direkter. Und vielleicht sehne ich mich deshalb jetzt auch nach längeren Formaten. Ich vermisse echte Begegnungen. Echte Gespräche. Nicht nur ein Bild nach dem anderen in diesem endlosen vertikalen Rhythmus von einem Thema, einem Satz, einer Emotion nach der anderen. Sogar heute, während wir unten gedreht haben, mussten wir für einen Moment aufhören zu reden, und plötzlich fand hinter uns diese sehr französische Auseinandersetzung statt. (lacht) Ich fand es toll. Diese kleinen Momente des Lebens, davon möchte ich mehr einfangen. Und manchmal reicht eine Minute dafür einfach nicht aus.
Ist es also letztendlich das, was ihr tut? Freude verbreiten?
Sarah Andelman: Ja, für mich auf jeden Fall. Das ist eine echte Motivation: Menschen Dinge entdecken zu lassen und sie dadurch glücklich zu machen. Das ist auch der Grund, warum ich immer versuche, etwas Unerwartetes in meine Projekte einzubauen, etwas Verspieltes, manchmal auch etwas Absurdes. Ein Objekt, das einen für einen Moment innehalten und lächeln lässt, weil man dachte, es sei das eine, und plötzlich ist es etwas anderes. Ich mag diese Leichtigkeit. Selbst wenn dahinter ernsthafte Handwerkskunst steckt, möchte ich nicht, dass sich alles zu ernst anfühlt. Ich denke, diese Balance ist wichtig.
Philippine Darblay: Bei allem, was ich tue, geht es wirklich darum, Menschen dazu zu bringen, irgendwohin zu gehen und etwas zu fühlen. Das Beste für mich ist, wenn jemand sagt: „Ich war dort und konnte fühlen, was du gefühlt hast.“ Oder sogar: „Ich habe etwas ganz anderes gefühlt, aber ich habe wirklich etwas gefühlt.“
SARAH ANDELMAN
Sarah Andelman hat die Kulturlandschaft von Mode, Design, Einzelhandel und Kunst wie nur wenige andere ihrer Generation geprägt. Als Mitgründerin und kreative treibende Kraft hinter dem legendären Pariser Conceptstore Colette verwandelte sie den Einzelhandel in einen Ort der Entdeckung, des Austauschs und der kulturellen Begegnung, lange bevor die Idee der Kuratierung zum Branchenstandard wurde.
Was den Einfluss von Sarah Andelman so einzigartig machte, war nie allein die Auswahl der Produkte, sondern vielmehr ihr Gespür für Energie, Relevanz und unerwartete Verbindungen. Mode existierte bei ihr neben Fotografie, Musik, Verlagswesen, Street Culture und zeitgenössischer Kunst – alles betrachtet mit derselben Neugier und Offenheit. Mit ihrer fortlaufenden Plattform Just An Idea, Kooperationen mit Vans und Valentino sowie Projekten wie der immersiven Ausstellung „Mise en Page“ im Le Bon Marché schlägt sie weiterhin Brücken zwischen Disziplinen und Generationen.
Nachdenklich, unabhängig und unermüdlich neugierig verkörpert Sarah Andelman eine seltene Form kulturellen Einflusses: einen Einfluss, der nicht auf Spektakel oder Hype basiert, sondern auf Vertrauen, Stilgefühl und einer echten Leidenschaft für Kreativität in all ihren Formen.
@sarahandelman




PHILIPPINE DARBLAY
Philippine Darblay bewegt sich mühelos zwischen Mode, Gastronomie, Hotellerie und der Pariser Kulturwelt – stets geleitet von einem feinen Gespür für Schönheit, Emotionen und Atmosphäre. Als Journalistin für Madame Figaro, Autorin für Lonely Planet und Gründerin von „Les Adresses de Philippine“ hat sie sich als Stimme etabliert, die für einen emotionaleren und menschlicheren Blick auf den modernen Lifestyle steht. Oder wie sie sich selbst auf Instagram beschreibt: „If Ratatouille were a journalist.“
Was Philippine besonders macht, ist ihre Fähigkeit, Orte, Menschen und Ideen zu entdecken, noch bevor sie zum Mainstream werden, und daraus ein Gefühl zu schaffen, an dem andere sofort teilhaben möchten. Elegant und zugleich nahbar, neugierig und dennoch geerdet, verkörpert sie eine neue Generation kultureller Trendsetterinnen, die weniger von kurzlebigen Trends als von Intuition, Feingefühl und echter Verbundenheit geprägt ist.
Von Paris aus schlägt Philippine Darblay weiterhin Brücken zwischen Mode, Kulinarik, Reisen und der Kunst des guten Lebens – immer mit einer sehr persönlichen Perspektive und einer starken Überzeugung von Authentizität, Handwerkskunst und bedeutungsvollen Erlebnissen.
@philoudarblay




