25 Jahre Komet und Helden
Offense wins … Championships!
Interview: Stephan Huber.Artwork: Alexander Wells @alexanderwells
Ist eine Weile her, dass ihr Bikkemberg-Fußbälle vom Messestand in Berlin in die Menge gefeuert habt. Wenn ihr auf dieses Vierteljahrhundert zurückblickt – was kommt euch zuerst in den Sinn? Stolz, Staunen, Dankbarkeit?
Henrik Soller, Gründerund Inhaber Komet und Helden: Die Fußbälle hat damals Detlef Igel in die Menge geschossen. Ich habe ihm nur die Bälle zugereicht, aber er hatte eindeutig den kräftigeren Abschlag.
Da muss ich dich korrigieren. Ich erinnere mich wirklich gut daran, wie ernst du diese Aufgabe genommen hast. Du hast die Bälle tatsächlich durch die halbe Halle des Kabelwerks geballert.
Florian Ranft, Gründer und Inhaber Komet und Helden: Das ist so lange her. Und dennoch so präsent. Die Resonanz war enorm. Das war Wahnsinn.
Henrik Soller: Dirk Bikkembergs war damals der Erste, der erkannt hat, welches Potenzial Fußballstars – überhaupt Sportstars – für die Mode haben. Und wir waren dabei, als er Fußballstars als Rockstars inszeniert hat und Sportmarketing in die Mode gebracht hat. Wir waren mit ihm auf der Bread & Butter. Wir waren bei seiner Zusammenarbeit mit Umbro …
Florian Ranft: Seine Shows waren legendär. Eine davon fand tatsächlich im San Siro statt – unglaublich.
Jetzt sind wir mitten im Zauber des Anfangs. Um den Start von Komet und Helden ranken sich ja viele Legenden. Also, wie war das wirklich?
Henrik Soller: Wir kannten uns eigentlich schon, bevor wir in der Mode angefangen haben. Meine Eltern hatten einen kleinen Sport- und Modeladen. Florians Eltern hatten am Tegernsee einen größeren Laden und später einen Jet-Set-Laden. Ich war der Skifahrer, Florian eher der Snowboarder. Später habe ich bei Jet Set in St. Moritz angefangen – und plötzlich standen Florian und seine Eltern im Showroom. Unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt.
Florian Ranft: Dann haben wir uns irgendwann bei Norbert Klauser wieder getroffen. Und dort ist der Entschluss gereift: Wir wollen das gemeinsam selbst machen.
Gibt es da nicht diese unglaubliche Story mit dem Besuch im Warehouse?
Henrik Soller: Wir hatten damals einen weißen Mercedes V-Klasse-Bus. Das klingt jetzt besser, als es war. In Wahrheit war das Ding – wie soll man sagen – ästhetisch herausfordernd. Die Sitze waren hellgrau mit einem gelblichen Champignon-Muster. Komplett abartig, aber trotzdem ein super Auto.
Florian Ranft: Ja, optisch war die Kiste eine Katastrophe, aber extrem zuverlässig. Und es war unser erstes Firmenauto. Wir haben in ein paar Jahren über 300.000 Kilometer drauf gefahren.
Henrik Soller: Wir waren gerade auf dem Weg von Düsseldorf nach München – die Ordertage waren vorbei – als wir die Nachricht bekamen, dass der Lizenznehmer von Bikkembergs Jeans, Hammond, in die Insolvenz geht. Und dass damit unsere Provisionen für gleich drei Saisons wegfallen. Für uns als Jungunternehmer damals der Supergau.
Florian Ranft: Wir sind zwei Stunden im Auto gesessen und haben kaum ein Wort gesagt. Wir dachten: „Das war’s. Wir sind pleite.“ Wir haben konkret darüber gesprochen, alles aufzulösen und uns wieder anstellen zu lassen.
Henrik Soller: Und dann dreht Florian das Radio auf – und da kommt die Meldung vom 11. September. Zwei Flugzeuge in die Twin Towers. Und wir schauen uns nur an und sagen: „Okay. Es geht immer noch schlimmer.“ Das war der Moment, in dem klar wurde: Aufgeben ist keine Option.
Florian Ranft: Und dann kam diese, nennen wir es mal „fast legale“ Idee.
Henrik Soller: Wir hatten einen guten Kontakt zu Luigi, dem Lageristen bei Hammond. Der rief uns an und sagte: „Jungs, ich hab da eine Tür gefunden, die ist nicht verplombt.“ Also offen. Ganz legal war das vielleicht nicht, aber nach 25 Jahren ist das ja wohl verjährt, oder? (lacht)
Florian Ranft: Das will ich zumindest mal hoffen. Anyway: Henrik war im Urlaub – Mauritius. Natürlich Mauritius.
Henrik Soller: Was hätte ich machen sollen? Meine Frau flog damals noch für Condor, da konnte ich den Urlaub schlecht absagen. (lacht)
Florian Ranft: Also bin ich allein nach Perugia gefahren, habe den Transporter bis unters Dach vollgeladen, bin heimgefahren, habe meinen Bruder eingesammelt, und wir sind nochmal runtergefahren. Zwei volle Ladungen. Am Ende hatten wir etwa 3.500 Jeans.
Henrik Soller: Und die haben wir dann verkauft – die Ware war ja da, sie schuldeten uns das Geld. Ohne diese Aktion gäbe es Komet und Helden heute nicht.
Den Namen finde ich ja immer noch außergewöhnlich.
Florian Ranft: „Ranft Soller Modeagentur“ war einfach keine Option. Also haben wir angefangen zu spinnen.
„Der Henrik und der Flo“ wäre ja auch noch gegangen.
Henrik Soller: Ich wollte das eigentlich ganz anders nennen. Irgendwas wie „Enterprise Holding“ oder so. Aber Florian meinte nur: „Spinnst du?“
Florian Ranft: Wir brauchten einen Namen, mit dem wir auch etwas anderes anfangen können, falls es mit der Mode nicht klappt.
Henrik Soller: Genau. Also etwas, das auch als „Komet und Helden Records“ funktionieren könnte. Oder als „Kometenbräu“, „Komet und Heldenbräu“ – oder als Fanclub in der Südkurve: statt Schickeria dann eben „Komet und Helden“. Es musste offen sein für alles Mögliche.
Florian Ranft: Der Name ist dann eigentlich passiert.
Henrik Soller: Letztlich war es eine Wortkombination aus der Argonautensage. Da kamen irgendwann einmal die Kometen vor und ein paar Absätze später die Helden. Und irgendwann haben wir gesagt: Das ist es.
Heute ist es eine Marke. Wie steil war am Anfang eigentlich die Lernkurve?
Florian Ranft: Ich erinnere mich an eine harte Lektion! Wir waren das erste Mal in Düsseldorf, hatten ein wunderschönes Fotostudio temporär für fünf Tage angemietet. Mit der kompletten Ware im Lieferwagen raufgefahren, die ganze Nacht aufgebaut, den Showroom hergerichtet – alles perfekt. Wir wollten es wirklich gut machen und haben ein riesengroßes italienisches Buffet aufgebaut. Mit einem Parmesanlaib, feinstem Parmaschinken … das volle Programm. Und dann hatten wir in fünf Tagen drei Kunden im Showroom, vielleicht vier. Obwohl wir auch noch eine wirklich schöne Einladung verschickt hatten.
Henrik Soller: Das Buffet war super – alles hat fantastisch geschmeckt.
Florian Ranft: Wir dachten die Leute kennen uns doch, die werden schon kommen. Aber da kam erst mal keiner. Entsprechend deprimiert sind wir aus Düsseldorf zurückgefahren.
Henrik Soller: Unser Fehler war, dass wir keine festen Termine vereinbart hatten, sondern darauf vertraut haben, dass die Leute vorbeikommen. Das taten sie nicht. Und das hat sich übrigens bis heute nicht verändert. Diese Unverbindlichkeit gab es schon, als es noch keine Onlinehändler gab. Das war schon immer ein Thema.
Wenn wir schon beim Menschen sind: Würdet ihr sagen, dass über 25 Jahre hinweg das People’s Business tatsächlich die Konstante war?
Henrik Soller: Es gibt nicht den einen Schlüssel, aber People’s Business ist zweifellos einer der wichtigsten. Wenn es das nicht wäre, bräuchte es die Modebranche in dieser Form gar nicht mehr. Im Ernst: Heute musst du nichts mehr regulär kaufen – du kriegst überall Rabatte. Und trotzdem gehen die Leute zu ihrem Händler. Zu dem, der sie kennt. Der ihnen etwas empfiehlt, der ihnen ein gutes Gefühl gibt.
Florian Ranft: Das gilt genauso für unsere Ebene. Wir haben Beziehungen, die seit über 20 Jahren halten. Mit Blauer arbeiten wir seit 23 Jahren zusammen. Das ist unglaublich.
Und es macht am Ende den Erfolg aus, oder?
Florian Ranft: Total. Aber das passiert nicht im Meetingraum. Das passiert beim Abendessen nach der Messe. In den Gesprächen, die eigentlich erst nach der Arbeit beginnen.
Henrik Soller: Und es ist kein Selbstläufer. Es ist Arbeit, es ist Pflege und es ist vor allem Präsenz. Wenn du Beziehungen nicht pflegst, sterben sie. Aber wenn du sie pflegst, überleben sie auch schwierige Zeiten. Übrigens finde ich interessant: Wir kommen viel besser mit Firmen klar, die inhabergeführt sind, nicht börsennotiert, nicht Private Equity. Wie bei Superdry: Solange es die drei Gründer waren – James Holder, Theo Karpathios und Julian Dunkerton – war es People’s Business pur. Dann kamen die Manager, die Börse, die Zahlen. Und die Seele war weg.
Florian Ranft: Und dann ruft Julian Dunkerton nach Jahren wieder an: „Ich bin zurück. Können wir wieder zusammenarbeiten?“ Wir haben sofort zugesagt, weil wir wussten, jetzt ist das wieder eine Begegnung auf Augenhöhe.
Apropos echte Begegung: Sehr prägend war für euch bestimmt die Bread & Butter, und damit Karl-Heinz Müller.
Florian Ranft: Das war tatsächlich ein absolutes Highlight, als Karl-Heinz bei uns im Showroom hereinkam, völlig erfüllt von der Idee, eine Messe zu machen. Wir sind dann raus, haben am Markt Erbsensuppe gegessen und er hat uns seine Vision erklärt. Erster Gedanke: Der spinnt doch vollkommen. Und dann wurde daraus die Bread & Butter.
Henrik Soller: Und wir waren von Anfang an dabei, gleich mit drei Marken. Es war die Geburtsstunde der Bread & Butter, und was daraus wurde war wirklich außergewöhnlich. Ein eigenes Universum, ein Spirit, den es davor nicht gab.
Florian Ranft: Diese Zeit war für uns absolut prägend. Ich glaube, wir waren einmal mit zwölf Marken allein in der Lock-Halle vertreten. Zwölf! Das zeigt, welche Bedeutung diese Messe für uns hatte.
Henrik Soller: Und sie war nicht nur geschäftlich wichtig, es war einfach eine unglaublich gute Zeit. Eine Zeit, in der Energie, Inspiration und Gemeinschaft spürbar waren. Die Bread & Butter hat die gesamte Branche geprägt und uns persönlich ganz besonders.
25 Jahre Komet und Helden heißt auch: Ihr zwei seid einen verdammt weiten Weg miteinander gegangen.
Florian Ranft: Das ist fast ein halbes Leben.
Henrik Soller: Ja – und es funktioniert. Weil wir verschieden sind, und uns deshalb ergänzen. Wenn Florian meine negativen Züge hätte – und ich seine – dann wären wir längst kollidiert.
Florian Ranft: Wir haben nie besprochen, wer was macht. Es hat sich immer ergeben. Jeder hat seine Rolle – bis heute.
Henrik Soller: Und was wichtig war: Wir hatten immer unseren eigenen Freundeskreis. Wir verbringen tagsüber so viel Zeit miteinander. Wenn wir abends auch noch zusammen rumgehangen wären, hätte es irgendwann gekracht. Aber eine große Veränderung gab’s dann doch: Wir nehmen jetzt Einzelzimmer.
Florian Ranft: Weil du schnarchst. Endlich gibst du es mal zu.
Henrik Soller: Ich schnarche seit 25 Jahren gleich. Du bist einfach empfindlicher geworden.
Florian Ranft: 20 Jahre lang haben wir Zimmer geteilt und jetzt plötzlich nicht mehr. Eine völlig neue Situation. (lacht)
Ihr seid heute ein Unternehmen mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Menschen, die gekommen sind, Menschen, die lange geblieben sind. Personal ist für viele in der Branche eines der schwierigsten Themen. Wie erlebt ihr das?
Henrik Soller: Personal war immer ein Thema. Schon bei meinen Eltern, sogar bei meiner Oma, die eine Metzgerei in Berlin hatte. Menschen zu finden, die bleiben, die passen, die mitziehen – das war nie einfach. Und du kannst es auch nicht jedem recht machen. Das funktioniert einfach nicht.
Florian Ranft: Das „Früher war alles besser“-Narrativ stimmt nicht. Vor 20 Jahren war es genauso schwierig wie heute. Jede Firma, jede Branche sucht gute Leute. Die Gastronomie, der Handel, die Industrie – alle reden darüber. Es ist eines der Grundthemen, die Unternehmertum prägen, kein Trend.
Henrik Soller: Und viele unterschätzen, wie komplex Personal heute ist. Viele Marken und Händler sind in den letzten Jahren extrem gewachsen, ohne dass die internen Strukturen mitgewachsen wären. Da entsteht Überlastung – nicht, weil die Leute schlecht sind, sondern weil das System nicht stabil genug ist.
Florian Ranft: Wir haben Menschen bei uns, die seit vielen, vielen Jahren dabei sind. Im Vertrieb haben wir Mitarbeiter, die seit über 20 Jahren mit uns arbeiten. Das zeigt: Loyalität gibt es noch, aber man muss sie verdienen. Mit Vertrauen, mit Echtheit, mit Klarheit.
Henrik Soller: Wir zwei sind sicher nicht die einfachsten Chefs. (lacht) Aber wir sind ehrlich. Und wir sind da. Das ist, glaube ich, das Entscheidende: Präsenz. Wenn du Beziehungen nicht pflegst, sterben sie. Das gilt für Kunden, aber genauso für Mitarbeitende.
Ist Mode für junge Menschen überhaupt noch attraktiv?
Florian Ranft: Ja, das ist sie. Aber der Zugang hat sich komplett verändert. Früher wollten viele zehn Jahre in einem Unternehmen bleiben. Heute wollen viele nach zehn Jahren möglichst viele Stationen im Lebenslauf haben. Das ist kein Zeichen von mangelnder Loyalität, sondern einfach ein anderer Blick auf Karriere und Entwicklung.
Was macht die Branche für junge Leute eurer Meinung nach attraktiv?
Henrik Soller: Mode ist lebendig. Du arbeitest ständig mit neuen Produkten, neuen Kollektionen, neuen Ideen. Zwei bis viermal pro Jahr entsteht etwas Neues. Das hält den Job frisch – das ist enorm attraktiv für viele junge Menschen. Und du triffst Gleichgesinnte. Das ist ein Faktor, den viele unterschätzen. Verbindung entsteht durch Begeisterung, das gibt’s nicht in jeder Branche.
Florian Ranft: Richtig! Unsere Mitarbeitenden unternehmen auch privat etwas miteinander, sie reisen zusammen, sie haben Freundschaften geknüpft, die weit über den Job hinausgehen. Das ist nicht selbstverständlich. Dieser Job lebt von Begegnung. Du musst dafür gemacht sein: für das Reisen, die Menschen, die Energie, die Geschwindigkeit. Wenn du das magst, ist es ein Traumjob.
Henrik Soller: All das zeigt: Die Branche ist attraktiv. Aber junge Menschen brauchen heute Orientierung. Sie brauchen Führung, die klar ist und fair. Wenn du sie überforderst oder einfach nur Druck machst, sind sie weg. Wenn du ihnen Halt gibst, bleiben sie und blühen auf.
Wir haben im Laufe der Jahre oft und intensiv nicht zuletzt über die Rolle und Bedeutung der Vertriebsagentur diskutiert. Ihr kennt meine Überzeugung: Diese Bedeutung wird sogar wieder zunehmen. Prove me wrong.
Henrik Soller: Wir nehmen das gerne so. (lacht) Aber ich glaube nicht, dass die Agentur wieder die Bedeutung von vor 20 oder 25 Jahren bekommt. Sie bekommt eine andere Art von Bedeutung.
Florian Ranft: Der Markt hat sich komplett verändert. Es geht nicht mehr um reine Distribution, nicht um Ware von A nach B. Marken brauchen heute Partner, die den Markt lesen können, die vermitteln, übersetzen, filtern.
Henrik Soller: Agenturen waren früher Nadelöhre. Jeder musste durch sie durch. Heute sind wir Navigatoren. Wir sind oft die Einzigen, die noch ein ehrliches Feedbackjenseits von Konzernstrukturen oder politischen Zwängen geben können.
Also ein Knotenpunkt, an dem Markt, Produkt, Kultur und Erfahrung zusammenlaufen?
Henrik Soller: Ja, genau. Eine Plattform. Fast das, was wie eine kleine Messe – nur im Beweglicheren. Seit die Bread & Butter verschwunden ist, hat niemand diese Rolle übernommen. Und in diese Lücke rutschen mehr und mehr Agenturen hinein, weil sie nah an den Menschen, nah an den Marken und nah am Handel sind.
Florian Ranft: Und weil sie Klarheit schaffen müssen. Früher hatte eine Marke fünf Jahre Zeit, um zu funktionieren. Heute hast du zwei Saisons. Da musst du früh sagen können: „Das wird was“ oder „Das wird nichts“. Das ist auch Verantwortung.
Henrik Soller: Und damit sind wir zurück beim People’s Business. Es funktioniert nur über Nähe, Vertrauen, Erfahrung und echte Gespräche. Deshalb, ja: Die Agentur bekommt mehr Bedeutung, weil die Branche immer komplexer wird.
Eine weitere, durchaus bekannte These von mir, und das hat sehr viel mit eurem Business zu tun: Stationärer Handel gewinnt wieder massiv an Bedeutung. Und da werde ich mittlerweile ja von KPMG und anderen bestätigt. Wie seht ihr das?
Florian Ranft: Ich sehe das genauso. Die Menschen gehen heute bewusster einkaufen. Sie wollen wieder jemanden, der sie kennt, sie berät, der ihnen Orientierung gibt. Das ist ein starkes Signal für den Handel.
Henrik Soller: Der stationäre Handel hat ein Comeback, aber er bekommt keine faire Chance, dieses Comeback auch wirklich umzusetzen. Und das ist ein Problem weit über unsere Branche hinaus.
Weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen?
Henrik Soller: Genau. Da geht es nicht um den Willen der Konsumentinnen und Konsumenten – der ist da. Es geht um drei strukturelle Blockaden: Erstens, globaler Wettbewerb, der nicht unter denselben Regeln spielt. Spielregeln, Preispunkte, Steuerstrukturen – alles ist verschoben. Ein lokaler Händler kann das nicht auffangen. Zweitens, Ladenöffnungszeiten, die nicht mehr in moderne Lebensrealitäten passen. Das ist ein echtes Standorthemmnis. Und drittens, die Mietsituation. Wir haben selbst Stores geführt. Wir wissen, wovon wir sprechen. Viele Vermieter zeigen keinerlei Flexibilität. „Zahlt oder zieht aus“ ist für manche ein Geschäftsmodell.
Florian Ranft: Es ist doch paradox: Alle wollen lebendige Innenstädte. Alle reden über Begegnung, Kultur, Vielfalt. Aber wenn es um konkrete Unterstützung geht, passiert oft gar nichts.
Henrik Soller: Für mich ist klar: Der stationäre Handel kommt zurück, aber er kommt nicht aus eigener Kraft zurück. Er braucht faire Bedingungen, er braucht Partner: Vermieter, Politik, Standortentwicklung.
Das heißt: Der Wunsch der Konsumenten ist da, aber die Struktur bremst?
Henrik Soller: Exakt. Du müsstest heute eigentlich nichts mehr regulär kaufen. Du bekommst alles irgendwo billiger. Und trotzdem gehen die Menschen zu ihrem Händler, weil sie dort etwas bekommen, das kein Algorithmus ersetzen kann: Vertrauen, Persönlichkeit, Haltung. Das ist die Chance des Handels. Wenn aber diese Chance ständig durch strukturelle Probleme ausgebremst wird, dann leidet nicht nur der Handel, dann leidet die ganze Branche.
Trotz allen Herausforderungen habe ich das Gefühl, dass ihr gerade jetzt besonders wach und motiviert seid.
Florian Ranft: Ich weiß, du hast mir das schon mal gesagt, dass du das bei uns so empfindest und irgendwie fühle ich das auch so. Ich kann gar nicht genau erklären, warum das so ist. Wir waren die letzten Monate extrem viel unterwegs, haben uns wahnsinnig viele Sachen angeschaut. Wir waren super aktiv. Und ja, das fordert heraus. Aber genau das macht es auch spannend. Wenn die Neugier nicht mehr da wäre, wäre es schlecht.
Henrik Soller: In der Defensive gewinnst du kein Spiel. Du musst Tore schießen. Und dieses Offensivdenken ist uns immer geblieben.
Also kommt die Energie aus der Lust heraus?
Florian Ranft: Ja, natürlich. Ganz klar. Es macht wieder richtig Spaß.
Henrik Soller: Und es gibt auch Zukunftsvisionen. Bei mir ist das zum Beispiel mein ältester Sohn, der jetzt seit drei Jahren im Geschäft ist und immer mehr Verantwortung übernimmt. Ich weiß ganz genau, wofür ich tue, was ich tue. Das gibt dir automatisch Freude. Es gibt im Leben Momente, die motivieren dich einfach.
Florian Ranft: Und dann gibt es auch das Gegenteil: Momente, die sich schwer anfühlen. Genau dann ist es wichtig, jemanden an seiner Seite zu haben. Ich glaube, ohne dieses Zusammenspiel wären 25 Jahre nicht denkbar gewesen.
Henrik Soller: Absolut. Das ist das Schöne daran, es gemeinsam zu machen. Letztlich öffnen sich immer wieder Türen. Als wir damals Woolrich verloren haben, oder jüngst AG, war das natürlich hart. Und dann kommt eben der Anruf von Julian Dunkerton und plötzlich bist du wieder voll drin, hast wieder Motivation. Aktuell passiert total viel. Wir haben mit Blauer die besten Zahlen seit 23 Jahren. Super erfolgreich sind auch BasicNet Marken wie Sebago, Superga, K-Way – das passt einfach perfekt. Und wir haben erstmals ein skandinavisches Label im Portfolio. Da entsteht gerade ganz viel Drive.
Das Geheimnis ist also letztlich: Ihr bleibt in Bewegung?
Henrik Soller: Ja. Offensive, Neugier, Freude. Immer. Und Menschen, mit denen man gerne arbeitet – intern wie extern. So einfach ist das letztlich.

