Santa Gaïa Pilens & Sybille Roger-Vasselin
A Matter of the (He)art
Mode war lange eine Sprache des Sichtbaren – geprägt von Form, Silhouette und ästhetischer Wirkung. Doch der Fokus verschiebt sich hin zu einer Sprache des Fühlens. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, gewinnt emotionale Resonanz an Bedeutung. Ein Gespräch mit der Künstlerin Santa Gaïa Pilens und Creative Director Sybille Roger-Vasselin (Petite Mendigote) über kreative Intuition, die Bedeutung des Unsichtbaren und die leise Kraft dessen, was unter der Oberfläche wirkt.
Text: Lisa Hollogschwandtner. Illustration: Alexander Wells @alexanderwells
Obwohl ihr in unterschiedlichen kreativen Disziplinen arbeitet, verbindet beide ein gemeinsamer Nenner: die Fähigkeit, Emotionen auszulösen. Welche Rolle spielt euer eigenes Empfinden in eurem kreativen Prozess?
Sybille Roger-Vasselin: Emotion ist essenziell. Ich arbeite völlig anders, je nachdem, ob ich mich energievoll und klar fühle oder eher erschöpft. Ich bin auch davon überzeugt, dass jene Emotion, die wir in die Entstehung einer Kollektion einfließen lassen, in ihr weiterlebt. Kürzlich haben wir in einem unserer Stores ein Makeover-Video mit einer Mutter und ihrer Tochter gedreht. Die Mutter hatte eigentlich wenig Bezug zu Mode. Doch nachdem sie verschiedene Looks anprobiert hatte, sah sie sich im Spiegel an und begann zu weinen, weil sie sich selbst nicht wiedererkannte. In diesem Moment wurde mir auf eine sehr eindrückliche Weise bewusst: Kleidung geht weit über Stoff und Design hinaus. Sie kann etwas tief Emotionales öffnen, unsere Selbstwahrnehmung verändern und manchmal Seiten in uns sichtbar machen, von denen wir längst vergessen hatten, dass es sie gibt.
Santa Gaïa Pilens: Dem kann ich nur zustimmen. In Phasen, in denen es mir nicht gut geht, arbeite ich bewusst nicht, weil ich fest daran glaube, dass ein Werk diese Energie aufnimmt und transformiert. Ich brauche einen guten inneren Zustand, um überhaupt beginnen zu können. Ich sehe mich als symbolistische Künstlerin, und obwohl das Leben immer auch eine Dualität in sich trägt, entscheide ich mich bewusst dafür, Themen über ihre lichte Seite zu erzählen. Ich glaube, die Welt braucht mehr Liebe, mehr Licht, mehr positive Energie – und genau das versuche ich in meine Arbeit einfließen zu lassen.
Wenn wir den Fokus auf Mode richten: Verschiebt sich die zentrale Frage der Womenswear gerade von „how it looks“ hin zu „how it feels“?
Sybille Roger-Vasselin: Definitiv. Lange Zeit stand die visuelle Wirkung im Vordergrund. Heute ist Mode viel stärker sinnlich gedacht. Es geht darum, wie sich Kleidung auf der Haut anfühlt und vor allem, was sie emotional mit uns macht, wenn wir sie tragen.
Santa Gaïa Pilens: Absolut. Und ich würde ergänzen, dass Mode längst über das einzelne Kleidungsstück hinausgewachsen ist. Sie ist zu einer Art Spiegel des eigenen Lebensstils geworden. Marken bewegen sich heute selbstverständlich auch im Bereich Interieur, Kunst oder Film. Man verbindet sich mit einer Marke über ihre Vision, ihre emotionale Sprache und auch über die Menschen, die sie prägen – alle voran dem oder der Creative Director.
Diese Klarheit und Konsistenz in der Gesamtkommunikation einer Marke hilft Kundinnen auch dabei, sich stärker mit ihr zu identifizieren und sich über sie auszudrücken. Nach Jahren von Understatement und Quiet Luxury: Wächst wieder der Wunsch, durch Kleidung mehr über sich selbst zu erzählen?
Santa Gaïa Pilens: Ja, Mode wird definitiv zu einem noch stärkeren Ausdrucksmittel. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sich das, was wir durch unsere Kleidung kommunizieren wollen, täglich verändern kann. Ich persönlich konnte mich nie wirklich mit dem Konzept von Quiet Luxury identifizieren, weil wir als Menschen durch unterschiedliche Phasen gehen. Manchmal hat man die Energie, aufzufallen, Farbe zu tragen, mit Accessoires zu spielen und an anderen Tagen eben nicht. Ausdruck ist fließend, er spiegelt immer nur den Moment. Für mich bringt es ein Satz wunderschön auf den Punkt: I am all the women in me.
Sybille Roger-Vasselin: Absolut. Kleidung sollte uns im Alltag und durch unterschiedliche Situationen begleiten, unser Leben nicht lauter machen, sondern es erleichtern. Mit meiner Marke versuche ich, Frauen dazu zu ermutigen, mutiger zu sein – sich auch einmal für das Unerwartete zu entscheiden, statt immer den sicheren Weg zu wählen. Oft entdecken sie genau darin eine ganz neue, sehr schöne Form ihrer Weiblichkeit.
Das führt mich zu meiner nächsten Frage: Die Definition von Femininität und was es bedeutet, sich feminin zu kleiden, scheint sich gerade stark zu verändern. Was bedeuten diese Kategorien für euch?
Santa Gaïa Pilens: Für mich ist Weiblichkeit gewissermaßen ein Synonym für Sinnlichkeit. Sich feminin zu kleiden, bedeutet deshalb für mich nicht, Trends zu folgen oder einem festen Bild zu entsprechen. Ich kann mich in einem Kleid unglaublich stark fühlen – ich brauche keine Hose, um mich selbstbewusst zu erleben. Früher fungierte der Anzug oft als Symbol für Gleichberechtigung. Heute fühlt sich das für mich nicht mehr zwingend so an. Ausdruck ist persönlicher geworden, fließender – und damit auch die Definition von Femininität.
Sybille Roger-Vasselin: In der Vergangenheit war Femininität stark mit einem sehr klaren Rollenbild verwoben. Die Frau war zu Hause, trug Lippenstift und Kleid. Heute haben sich die Grenzen verschoben und die Definition lässt viel mehr Spielraum zu. Man kann androgyn sein, romantisch, minimalistisch, laut – alles ist möglich. Als Frauen definieren wir selbst, was feminin zu sein bedeutet.
Santa Gaïa Pilens: Für mich ist Mode heute fast wie eine Bühne. Ich habe einmal versucht, mir eine sehr klare, reduzierte Garderobe aufzubauen, aber das funktioniert für mich überhaupt nicht. An einem Tag möchte ich mich wie Marie Antoinette fühlen, am nächsten eher wie die Frau bei Saint Laurent: klar, reduziert, präzise. Mode muss für mich flexibel, offen und spielerisch bleiben.
Ihr habt beide die Rollen angesprochen, die Frauen früher zugeschrieben wurden und teilweise noch werden. Bewegen wir uns weg vom Ideal, perfekt zu sein, hin dazu, interessant zu sein?
Santa Gaïa Pilens: Ich würde „interessant“ eher durch „authentisch“ ersetzen. Das ist auch, was ich meinen Töchtern vermitteln möchte – gerade, weil sie ein einer Welt voller Tiktok-Trends und ständiger Vergleiche aufwachsen. Viel zu viele Menschen versuchen meiner Meinung nach, sich anzupassen, etwas zu sein, das es schon gibt. Dabei ist Authentizität das Einzige wirklich Originelle. Was für mich funktioniert, muss für jemanden anderen nicht funktionieren und umgekehrt. Der Schlüssel liegt für mich darin, seine eigenen Stärken zu finden und dem eigenen Weg zu folgen.
Sybille Roger-Vasselin: Es ist ein Paradox unserer Zeit. Frauen haben heute mehr Freiheit, Sichtbarkeit und Einfluss als je zuvor. Und gleichzeitig besteht immer noch der Anspruch, alles gleichzeitig zu sein: erfolgreich, präsent, fürsorglich, perfekt. Wir wollen arbeiten, Mutter sein, Partnerin, Freundin – und allem gerecht werden. Das fordert unfassbar viel Energie und kann sehr erschöpfen. Für mich persönlich ist Freiheit der wichtigste Wert: die Freiheit, mein Leben zu leben und meine Entscheidungen zu treffen, ohne ständig an Erwartungshaltungen anderer zu denken. Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Ja, ich glaube fest daran, dass es heute weniger um Perfektion geht, als um die Freiheit, man selbst und auf eine ganz eigene Weise interessant zu sein.
Wenn wir über Authentizität, über persönliche Interessen und das bewusst Unperfekte sprechen: Warum hat Kunst eine so starke emotionale Wirkung und was kann Mode von ihr lernen?
Santa Gaïa Pilens: In der Kunst gibt es keine Trends. Sie ist Ausdruck einer individuellen Vision – und ob einen diese berührt oder nicht – sie ist etwas sehr Persönliches. Genau das macht sie so kraftvoll. Sie kann Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen auf ganz verschiedene Weise erreichen, ihre Bedeutung verändert sich mit der Zeit.
Sybille Roger-Vasselin: Und der Entstehungsprozess von Kunst ist nicht an Zeit gebunden. In der Mode arbeitet man ständig gegen Deadlines. Kunst hingegen schafft Raum – zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Neubewerten. Sie muss nicht „nützlich“ sein, und genau darin liegt eine große Freiheit. Mode hingegen steht immer im Dialog mit der Realität. Aber sie bewegt sich zunehmend in diese Richtung: Menschen kaufen nicht mehr nur Kleidung, sondern Geschichten, Haltung, Handwerk, Emotion.
Santa Gaïa Pilens: Gleichzeitig kann auch Kunst viel von Mode lernen. Wenn Kunst ausschließlich zum Business wird, verliert sie ihre Essenz – sie braucht Zeit, Distanz und Reflexion. Aber als Künstlerin reicht es heute nicht mehr, sich nur auf die eigene Arbeit zu verlassen. Man muss auch lernen, sie zu kommunizieren: Storytelling, Inszenierung, visuelle Identität. Darin ist Mode unglaublich stark. Sie versteht es, Welten zu erschaffen, Ideen sichtbar und begehrlich zu machen. Manche Künstlerinnen und Künstler bleiben zu sehr in ihrem eigenen Kosmos. Diese Tür zu öffnen, ohne die eigene Integrität zu verlieren, ist etwas, das Kunst von Mode lernen kann.
Santa, wenn du an einer neuen Serie arbeitest: Wo beginnt dein kreativer Prozess?
Santa Gaïa Pilens: Während meiner Zeit in der Mode war der spannendste Moment im Entstehungsprozess einer Kollektion immer der Anfang – die Geschichte zu entwickeln, die Erzählung dahinter aufzubauen. Und genau so arbeite ich auch heute noch in meinem künstlerischen Prozess. Mein Blick auf die Welt ist stark von meiner Vergangenheit in der Mode geprägt, deshalb gelten für mich ähnliche Prinzipien. Am Anfang stehen Ideen, Bilder, Referenzen, Moodboards, Fragmente, Intuitionen. In meinem Atelier habe ich sogar einen Ort, den ich meinen Inspiration Desk nenne. Dort sammle ich alles, was mich in einem bestimmten Moment inspiriert: Bilder, Stoffe, Notizen, Objekte – alles spiegelt einen bestimmten emotionalen Zustand wider. Das ist der Ausgangspunkt, aber oft ist das, was man sich am Anfang vorstellt, etwas völlig anderes als das, was am Ende entsteht. (lacht)
Sybille Roger-Vasselin: Absolut! Eine Kollektion ist fast wie eine Schwangerschaft – sie braucht Zeit, sie entwickelt sich. Bei mir beginnt alles sehr chaotisch, im Kopf. Und nach und nach fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen, die Form entsteht, die Geschichte wird klarer. Bei Petite Mendigote ist es uns wichtig, Frauen zu ermutigen, mehr zu wagen, und sie gleichzeitig dort abzuholen, wo sie stehen. Und um wieder zum Anfang zurückzukommen: Emotionen spielen eine zentrale Rolle im Designprozess. Freude kann sich in Farbe ausdrücken, Selbstbewusstsein in Material oder Schnitt – darin, wie ein Kleidungsstück den Körper begleitet oder formt. Unser Ziel ist es, Frauen zu inspirieren, sie sanft aus ihrer Komfortzone zu holen und ihnen zu ermöglichen, sich über Kleidung auszudrücken.
Santa Gaïa Pilens: Mir fällt dazu etwas ein, das ich gerne teilen möchte: 2023 hatte ich ein sehr emotionales Erlebnis im Rahmen eines Projektes, das ich den „Artist Suit“ genannt habe. Gemeinsam mit der Modemarke Pixie habe ich einen schwarzen, maskulin inspirierten Anzug entworfen – beeinflusst von Künstlerinnen wie Frida Kahlo oder Georgia O’Keeffe, die Kleidung als Statement für Gleichberechtigung genutzt haben. Für die Bildstrecke habe ich den Anzug auf nackter Haut getragen, um den Kontrast zwischen maskuliner Form und weiblicher Sinnlichkeit herauszustreichen. Für mich hat dieses Projekt wunderschön gezeigt, wie vielschichtig Selbstausdruck durch Mode sein kann. Der Anzug wurde zu einem Mittel, innere feminine Stärke durch eine maskuline Struktur sichtbar zu machen, ohne die Weiblichkeit selbst zu verlieren. Ein Experiment, über das ich bis heute nachdenke.
Das bringt mich zu einer etwas philosophischen Frage: Liegt Schönheit auch in dem, was nicht sofort sichtbar ist?
Sybille Roger-Vasselin: Unbedingt. Ich würde sogar sagen, genau darin liegt ihre Essenz: In den verborgenen Details – einer feinen Naht, einem Innenfutter, der Konstruktion eines Schnitts. Oder auch in Zeit: in der Patina von Leder, in der Weichheit von gealtertem Cashmere, in der Art, wie Materialien sich verändern. Diese unsichtbaren Aspekte machen ein Stück wirklich einzigartig.
Santa Gaïa Pilens: Für mich geht es noch einen Schritt weiter: weniger um das Sichtbare als um das Spürbare. Die Energie der Person, die ein Kleidungsstück trägt, wird für mich Teil von ihm wie eine unsichtbare Schicht, die alles verändert.
Zum Abschluss: Wenn eure Arbeit eine Emotion bei den Frauen hinterlassen könnte, die sie erleben – welche wäre das?
Santa Gaïa Pilens: Ich kann mich nicht auf eine beschränken, deshalb sind es zwei: selektive Präsenz und Ruhe. Selektive Präsenz bedeutet, bewusst zu entscheiden, wohin man seine Energie lenkt – im richtigen Moment ganz da zu sein und alles andere loszulassen. In einer Welt, die immer schneller, lauter und reizüberfluteter wird, ist Ruhe fast etwas Radikales geworden. Ich möchte Dinge schaffen, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. Etwas Leises. Meine Arbeit drängt sich nicht auf, aber sie hat etwas Beständiges. Um auf die letzte Frage zurückzukommen: Ihre Wirkung geht über das Sichtbare hinaus.
Sybille Roger-Vasselin: Für mich sind es Selbstvertrauen und Freiheit. Ich habe das Gefühl, dass wir Frauen oft noch zu selbstkritisch sind. Wir hinterfragen uns, zweifeln, ob wir genug sind, ob wir Raum einnehmen dürfen. Ich wünsche mir, dass sich unsere Kundinnen in unseren Designs schön fühlen, dass sie mit Leichtigkeit, Stärke und einem Gefühl von Freiheit in den Tag geht, ohne irgendetwas zu zerdenken. Denn am Ende sollte Kleidung nicht dazu animieren, uns selbst in Frage zu stellen, sondern uns daran erinnern, wer wir längst sind.
SYBILLE ROGER-VASSELIN:
Der berufliche Weg von Sybille Roger-Vasselin verlief nicht geradlinig: Als Tochter eines Anwalts und einer Modejournalistin studierte sie zunächst Rechts- und Politikwissenschaft, bevor sie schließlich ihren Weg in die Mode fand. Heute versteht sie sich nicht nur als Designerin, sondern vor allem als Unternehmerin. Ihr Ziel sei es, „gemeinsam mit kreativen und talentierten Menschen etwas Sinnvolles aufzubauen und Kollektionen zu entwerfen, die Frauen in ihrem Alltag wirklich begleiten“.
Mit 26 Jahren gründete sie Petite Mendigote mit dem Anspruch Accessoires zu entwerfen, die jedem Look eine besondere Note verleihen und Frauen im Alltag mehr Selbstvertrauen schenken. Von Anfang an war ihr Ansatz von der Verbindung aus Pariser Eleganz und einem Hauch verspielter Leichtigkeit geprägt. Aus dieser Idee entwickelte sich Petite Mendigote im Laufe der Zeit zu einer Komplettkollektion. Die Designs bleiben auch heute dem ursprünglichen Ansatz treu: eine Mischung aus Eleganz und Unbeschwertheit, geschaffen für moderne Frauen, die Raffinesse gerne mit einer Prise Mut und Humor verbinden.




SANTA GAÏA PILENS:
Angesiedelt an der Schnittstelle von Textil, Handwerk und Erzählung hat Santa Gaïa Pilens eine eigenständige künstlerische Praxis entwickelt, die stark von Material und Prozess geprägt ist. Mit Background in der Mode – als Stylistin, Setdesignerin und in der künstlerischen Leitung – bringt sie eine ausgeprägte Sensibilität für Stoffe, Layering und visuelle Komposition in ihre Arbeit ein. Im Zentrum ihres Schaffens stehen großformatige textile Wandarbeiten, die sie mit ihrer charakteristischen Technik der „contemporary mummies“ realisiert. Durch die Kombination von rohem Leinen und Schellack entstehen vielschichtige Oberflächen voller Erzählungen zwischen Sichtbarkeit und Verborgenem. Beeinflusst von Szenografie und dokumentarischer Fotografie bleibt ihr Ansatz haptisch und im Handwerk verwurzelt, fernab von klassischer Malerei. Inspiriert von prähistorischen und volkstümlichen Traditionen setzt sich ihre Arbeit mit kollektivem Gedächtnis und kulturellem Erbe auseinander – immer nah am Material Textil.





