Womenswear F/S 2027
Heart over Heels
Nach einer Phase verkopfter Ästhetiken und algorithmisch geprägter Moderezeption erlebt die Womenswear ein Revival der Emotion. Mode will und soll wieder berühren, sie wird sinnlicher, will gefühlt und erlebt werden.
Text: Nicoletta Schaper. Fotos: Marken
Die Womenswear-Präsentationen in Paris im zurückliegenden März haben mitten ins Herz gezielt. Statt intellektueller Zurückhaltung erzählten die Kollektionen von Detailreichtum und kreativer Freiheit: Verträumte Looks mit Schleifen und Rüschen bei Dior, neue Silhouetten und reich bestickte Materialien bei Chanel, große Pailletten bei Lanvin, leuchtende Farben bei Loewe. Abgehoben und weltvergessen mag man denken, doch der Eindruck täuscht: Die Looks zeigen durchaus Realitätssinn, denn sie zünden den ersehnten wie notwendigen Funken, der sich bis weit in die Contemporary hinein fortsetzt.
„Nach Jahren, die von Minimalismus und einer sehr rationalen Ästhetik geprägt waren, spüren die Menschen das Bedürfnis nach einer ausdrucksstärkeren Mode“, ist Greta Violanti, Brandmanagerin von Bazar Deluxe, überzeugt. Beispiele zeigten sich dabei schon zur letzten Orderrunde beim Streifzug durch die Showrooms viele: Mehrfarbige Nylonjacken mit Pailletten von Mother wecken ein Freiheitsgefühl, gestickte Streublümchen bei The Great rufen Kindheitserinnerungen wach. Fransen, Federn und Schleifen bei Plan C wirken modern, ohne Kitsch. Handwerk wird sichtbar, nicht versteckt. Leichtigkeit ersetzt Schwere, mit schwingenden Röcken und fließenden Mänteln. Auch Klassiker werden neu interpretiert, gerne mit Humor – zum Beispiel ein Trenchcoat mit gestickter Strandszene auf der Passe des französischen Labels Mii.
Dass diese Leichtigkeit besonders gut mit französisch-lässigem Savoir-faire funktioniert, zeigen auch Labels wie Sézane, Sessùn, Loulou de Saison, Ba-sh oder Soeur – Kollektionen, denen es gelingt, für ein Lebensgefühl mit visueller, positiver Energie zu stehen. Benoît Bernard hat sich mit seiner französischen Agentur Kiss & Fly ebendieser Energie verschrieben, zum Beispiel mit Kollektionen wie Frnch, Laurence Bras, Louise Misha und Louizon. „Gerade jetzt suchen wir nach Kollektionen, die etwas Positives, Optimistisches vermitteln, weniger etwas Intellektuelles oder Debattenhaftes. Gefragt ist das Direkte, das unmittelbar Lesbare. Chic, ja – aber nicht verkopft.“ In diesem Kontext erlebe Femininität ein Comback und werde in einen neuen Kontext gesetzt: „Die Silhouetten erzählen in jedem Fall von femininem Selbstbewusstsein.“ Modisches Self-Empowerment erachtet auch Greta Violanti als wichtige Tendenz der Womenswear: „Frauen definieren sich nicht mehr durch Minimalismus oder Neutralität, sondern durch Individualität, Emotion und Selbstbewusstsein“, so Violanti. Carolina Castiglioni, Gründerin von Plan C, assoziiert Femininität ebenfalls mit Stärke, mit oversized geschnittenen Suits, leichten Parkas und Pyjamasets mit bunten Kordelzügen. Rüschen, Spitzeninserts und subtile Blumenprints betonen das Spielerische in der Kollektion, ebenso wie der wachsende Anteil an Taschen und Schmuck – Segmente, die allgemein noch wichtiger geworden sind, weil Accessoires jedes Outfit zu etwas noch Persönlicherem machen.

Tactical
Die Womenswear entdeckt für Frühjahr/Sommer 2027 also ihre sinnliche, taktile Seite wieder. Überhaupt passiert viel über bewegte Oberflächen und Haptik. Materialien wie Taft und Seide, Federn und Pailletten sowie reich bestickte Stoffe zeigen, dass Textur nicht mehr Nebensache, sondern zentrales Ausdrucksmittel ist. Denn diese, neue Womenswear will alle Sinne ansprechen und für ein multisensorisches Erlebnis sorgen. Daraus resultiert eine gesteigerte Bedeutung von physischem Erleben. Viele dieser Kollektionen lassen sich auf Instagram nur unzureichend transportieren. Was es braucht ist die direkte, unmittelbare Erfahrung.
Denn ja, wir wollen wieder jenes Glücksgefühl, jene Freude empfinden, die Mode nicht nur auslösen kann, sondern die im Kern auch das Herz des Modebusiness bildet. Dabei scheint es wichtig, zwischen den Begriffen Freude und Spaß zu unterscheiden. Carolina Castiglioni erklärt: „Freude ist ein tiefes, anhaltendes Gefühl, das aus Freiheit, Kreativität und persönlichem Ausdruck kommt. Spaß ist leichter, unmittelbarer, verspielter.“ Für Plan C versucht sie, beides zu verbinden: „Unsere Kollektionen bieten Freude durch Design und Qualität, mit Stücken, die dauerhaft sind und sich saisonübergreifend in eine sich weiterentwickelnde Garderobe einfügen. Details und Stoffe machen einfache Stücke besonders, während verspielte Akzente die Lust am Experimentieren zeigen und einfach Spaß machen.“
Bei all diesen Ausführungen drängt sich eine Frage auf: Was bedeuten die Entwicklungen für Quiet Luxury, wohl eines der meistzitierten Konstrukte der letzten Saisons? War sie so etwas wie ein Innehalten in einer aus den Fugen geratenen Welt? Fakt ist: Gut gemachte Essentials sind aus den Kollektionen und Sortimenten auch für Frühjahr/Sommer 2027 nicht wegzudenken, stehen sie doch für jene Mischung aus Qualität und Design, die die Zeit überdauern kann. Dazu braucht es jedoch andere, neue, spannende Impulse: „Alle Designerinnen und Designer träumen davon, etwas Zeitloses zu kreieren, aber ich glaube, dass das Wunschdenken ist“, formuliert Benoît Bernard und lächelt. „Die Mode braucht immer einen kleinen, neuen Twist, um wieder begehrlich zu sein.“ So ist das Mehr an Emotion in der Womenswear auch nicht als Bruch mit der Vergangenheit zu verstehen, sondern als Weiterentwicklung: weg vom Understatement, hin zu einem sinnlicheren Erlebnis.

Meaningful
Dieses Erlebnis muss einer zentralen Frage standhalten: In was investiere ich? Denn individuelle Konsumbudgets verschieben sich weiter, andere Konsum- und Lebensbereiche gewinnen für Frauen Bedeutung. Der Schüssel liegt in der Emotion – was immer es ist, es muss etwas auslösen. „Mode darf definitiv Emotion und Freude wecken, es gibt kaum etwas Besseres, um die eigene Persönlichkeit auszudrücken“, sagt Petra Fischer, Inhaberin des Modehauses Fischer. „Mit jedem Teil erzählst du eine Geschichte, ob Streublümchen, Streifen oder Karo. Kleidung drückt aus, wie du dich fühlst und welche Botschaft du senden willst.“
Für Pierre-Louis Mascia, Gründer der gleichnamigen Marke, ist in diesem Kontext Substanz entscheidend: „Um mit unserer Kollektion eine Geschichte zu erzählen, schauen wir in die Vergangenheit und stellen dann eine Verbindung zu den Gefühlen von heute her. Wir verwenden einfache Formen, fast wie eine leere Leinwand, und setzen darauf einen raffinierten Print, der die Erzählung bringt – etwa eine französische Arbeitsjacke aus den 1920er-Jahren, neu interpretiert auf Samt, oder ein Kleid, das mit dem Foto eines Kleides aus unserem Archiv bedruckt ist. So entsteht etwas völlig Neues, aber mit überraschender Tiefe.“ Und er fügt hinzu, was wie ein Leitmotiv klingt: „In einer sehr irrationalen Welt brauchen wir mehr Poesie im Alltag. Vielleicht auch einen femininen Blick auf die Welt, mit weniger Kampf, weniger Testosteron, dafür mehr Feinsinn.“
Darin könnte für die Modebranche der Schlüssel liegen, um das zurückzugewinnen, was sie über die Jahre in Teilen verloren hat: ihren inneren Wert. „Das unermüdliche Streben, mit der Mode immer mehr Menschen zu erreichen, entzieht der Kreativität ihre Seele, und in dem Bemühen, die Welt zu erobern, verlieren wir unsere Einzigartigkeit“, bringt es Lucie Bourreau Dutta auf den Punkt, die das Label Mii gemeinsam mit Bapan Dutta gegründet hat. „Aber durch ein Kleidungsstück Emotion hervorzurufen, heißt, ein unsichtbares Band zwischen einer Marke und der Person zu knüpfen, die es trägt. Und es heißt vor allem, dem Ganzen wieder Sinn zu verleihen.“ Ihr Label Mii versteht Lucie Bourreau Dutta auch als eine Art Werkstatt, als Ort, an dem Stücke mit Sorgfalt und Verantwortung gefertigt werden. „Wir feiern das Handwerk, das über die Zeit weitergegeben wurde. Ich bin überzeugt: Emotion kann nicht aus etwas entstehen, das schlecht gemacht ist.“ Für Mii werden ausschließlich natürliche Materialien verwendet und nur produziert, was bestellt ist. Blumenförmige Pailletten entstehen aus Beständen früherer Kollektionen – von Hand bestickt, bis ein zarter Blumenteppich entsteht. „In unseren Stücken liegt Poesie, Verspieltheit und Humor“, sagt Lucie Bourreau Dutta. „In einem herausfordernden Umfeld wollen wir Botschaften der Sanftheit senden, und Freude ist ein Weg, die Welt zu spüren und in ihr zu sein.“

Authentic
Die Suche nach Sinnhaftigkeit und Tiefgang ist überall sichtbar. Auf Instagram tauchen vermehrt Bilder auf, die Menschen im Museum, in der Galerie, oder mit einem guten Buch statt Handy in der Hand zeigen. Kunst und Kultur erlangen wieder einen Stellenwert im eigenen Selbstverständnis. „Das zeigt unser Verlangen nach Authentizität und kultureller Tiefe“, beschreibt Greta Violanti. „Nach Jahren schneller, hochgradig inszenierter digitaler Inhalte suchen die Menschen nach etwas Bedeutungsvollerem und Persönlicherem.“ Wie passt das zu unserem Wunsch in der Mode nach mehr Unbeschwertheit? Greta Violanti: „Wir suchen beides: Die Frau heute sucht nach Bedeutung in dem, was sie trägt, und zugleich nach einem Gefühl von Leichtigkeit.“ „Mode ist nicht oberflächlich“, bringt es Benoît Bernard auf den Punkt. „Wenn wir uns in unserer Kleidung wohlfühlen, fühlen wir uns sofort insgesamt besser, selbstbewusster, glücklicher und präsenter. Kleidung verändert unsere Beziehung zur Welt.“
Herz über Kopf, das Thema dieses Textes und jenes der neuen Saison, ist keine Flucht, sondern eine zeitgemäße Reaktion auf echte menschliche Bedürfnisse: nach Sinnlichkeit, Wahrhaftigkeit und Freude. In einer Welt geprägt von globalen Spannungen und wachsender Präsenz von KI und Technologie suchen Konsumentinnen umso mehr nach innerer Resonanz. Die Chance für den Handel? Mode, die berührt, und Nischenkollektionen, die eine eigene Identität haben, um sich vom allzu beliebigen Überangebot abzugrenzen. „Am Ende geht es für uns Händlerinnen und Händler darum, daraus etwas Eigenes zu machen“, sagt Petra Fischer. „Die Kundinnen vertrauen auf uns, dass wir das Richtige für sie heraussuchen. Dafür müssen wir bei der Order viel mehr zusammensuchen, im Kopf kombinieren und übergreifend denken.“ Der Schlüssel, der dies gelingen lässt, ist Leidenschaft: „Draußen ist es hart und anspruchsvoll, aber du musst dir Neugier und Offenheit bewahren“, betont Petra Fischer. „Dann entdeckst du im Showroom eine Kollektion, vertiefst dich hinein und denkst beim Rausgehen: Das war richtig toll! Diese Begeisterung will ich gerne weitergeben.“ Wie in dem Teegeschäft Conservatoire des Hémisphères, das die Händlerin in Paris entdeckt hat. Dort lief asiatische Musik, es gab Duftproben der einzelnen Sorten, der Tee wurde in goldene oder samtbezogene Dosen gefüllt und in Seidenpapier eingeschlagen, auf das man etwas schreiben lassen konnte. „Da steckte so viel Wertschätzung drin, ein Traum für jeden, der Tee liebt! Darum geht es doch – auch in der Mode: Jeder sollte sich in seinem Bereich die Leidenschaft bewahren und dann auch weitergeben.“


