LilyEve
One-of-a-Kind
LilyEve, 2020 in New York von Lily Clempson gegründet, steht für Couture aus pre-owned Hermès-Textilien und Deadstock. Upcycling fungiert hier nicht als Kompromiss, sondern als bewusstes Luxusmodell. Ein Gespräch über Sourcing und Skalierbarkeit im Second-Cycle-Segment.
Interview: Janaina Engelmann-Brothánek. Bilder: LilyEve
Lily, lass uns einen Blick zu den Anfängen deiner Marke werfen.
Lily Clempson, Gründerin und Designerin von LilyEve: Während der Pandemie bin ich zurück zu meinen Eltern nach East Hampton gezogen und in ihrem Haus auf geerbte Hermès-Handtücher gestoßen. Ich habe mich entschieden, daraus Masken zu fertigen, um Geld für die Food Bank in New York zu sammeln. Mit den ersten Verkäufen wurden immer mehr Menschen auf mich aufmerksam, brachten mir ihre eigenen Hermès-Stücke und danach ging es nicht mehr nur um Masken.
Du arbeitest bis heute mit bereits bestehenden Luxusprodukten. Was bedeutet das im Gestaltungsprozess?
Deadstock ist kein Problem, sondern der Ausgangspunkt. Diese Teile bringen Qualität, Geschichte und eine starke visuelle Identität mit. Unsere Schnitte sind bewusst reduziert, um den Stoffen Raum zu geben.
Hier kommt Michel ins Spiel.
Richtig, Michel ist 92 und Schneider und entwickelt bis heute alle Blanket Jackets. Wir arbeiten mit seinen Schnittmustern – klar, präzise und ohne unnötige Komplexität.
Ihr arbeitet mit wöchentlichen Drops statt klassischen Saisons. Warum?
Jeden Montag gehen neue Blanket Jackets, unsere Bestseller, online – meist sechs bis sieben Stück. Genau so viele, wie wir in der Woche zuvor produzieren konnten. Dieses Modell bleibt ehrlich: Wir zeigen nur, was tatsächlich verfügbar ist. Unsere Community weiß das. Viele verfolgen die Drops über Instagram und unseren Newsletter – inzwischen mit einer Warteliste von über 400 Personen.
Was bedeutet das für euer Wachstum?
Wachstum funktioniert hier nicht über Menge, beliebiges Skalieren ist nicht möglich, weil das Material begrenzt ist. Dennoch können wir kontrolliert über Margen, die Preisstruktur und direkte Kundenbeziehungen wachsen. An guten Tagen verkaufen wir vier bis fünf Jacken. Das ist kein Massengeschäft, aber wirtschaftlich tragfähig.
Wie reagiert der klassische Handel auf euer Businessmodell?
Anfangs schwierig, weil Buyer in Stückzahlen denken. Heute zeigt sich, dass das Gegenteil ebenso funktioniert. Einzigartigkeit schafft Relevanz im Sortiment. Die Tatsache, dass wir bei Bergdorf Goodman in New York gelistet sind und über unsere eigene Website sehr gut verkaufen, zeigt, dass ein limitiertes, nicht reproduzierbares Modell auch im Retail wirtschaftlich funktionieren kann.
Was lässt sich von eurem Ansatz für die Zukunft von (Luxus-)Retail ableiten?
Ein Produkt hat mehr als nur einen Moment. Es kann neu gelesen, neu getragen und in einen weiteren Zyklus überführt werden. Für den Handel bedeutet das: Relevanz entsteht nicht mehr über Menge oder Saisons, sondern über Auswahl und Kontext. Unikate verlängern Produktzyklen, schaffen Differenzierung und können auch im klassischen Retail funktionieren. Die Zukunft liegt nicht im mehr, sondern im besser.
Dieses Interview wurde vor dem unerwarteten Tod von Michel geführt. Als style in progress sprechen wir Lily Clempson, Michels Familie und allen Angehörigen unser tief empfundenes Mitgefühl aus.





