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Beyond the Season

13/07/2026  BY  Janaina Engelmann-Brothánek


Beyond the Season
Mode folgte lange einer klaren Logik: Beschleunigung als Prinzip, Erneuerung als Konstante. Doch dieses System gerät zunehmend unter Druck. Die Gewissheiten, auf denen es beruhte, beginnen zu bröckeln – leise, aber unübersehbar. Dieser Text ist kein Versuch, ein vollständiges Bild zu zeichnen, sondern eine Annäherung: ein Blick auf Verschiebungen, Brüche und mögliche neue Richtungen.

Text: Janaina Engelmann-Brothánek. Bilder: Marken

Kollektionen folgen auf Kollektionen, Saisons bestimmen den Rhythmus – und mit ihnen den Wert. Es sind diese Grundsätze, die lange das System Mode prägten und sich aktuell verschieben. Produkte werden nicht mehr ausschließlich saisonal gedacht, sondern als Teil eines erweiterten Lebenszyklus. Der Endkunde ist nicht mehr das wahre Ende der Lieferkette, sondern häufig nur eine von mehreren Stationen eines Kleidungsstücks. Diese Entwicklung betrifft die gesamte Branche: von Marken über den Handel bis hin zu Konsumentinnen und Konsumenten. Sie ist weniger ein Bruch, als ein Prozess – eine Erweiterung bestehender Strukturen, getrieben vor allem von einer jüngeren Generation, die Fashion anders nutzt, bewusster auswählt und selbstverständlicher zwischen Neuware und Bestehendem wechselt.

In der Folge soll der Begriff Second Cycle für ein erweitertes Verständnis von Produktzyklen stehen, in denen Mode zirkuliert, ihren Kontext verändert und miot der Zeit einen neuen Wert annimmt. Die Tragweite dieser Entwicklung wird erst durch aktuelle Marktdaten wirklich sichtbar.

Wie der ThredUp Resale Report 2026 zeigt, wächst der globale Resale-Markt acht- bis neunmal schneller als der klassische Fashion-Retail und soll bis 2030 ein Volumen von rund 393 Milliarden US-Dollar erreichen. Secondhand ist damit längst im Mainstream angekommen. Rund die Hälfte der befragten Konsumentinnen und Konsumenten hat bereits gebrauchte Mode gekauft und 57 Prozent der US-Verbraucherinnen und -Verbraucher verkaufen Kleidung aktiv, um zusätzliches Einkommen zu generieren.

Ein Beispiel par excellence ist Vinted: Die C2C-Plattform verzeichnete 2025 ein Umsatzwachstum von 38 Prozent und erreichte ein Handelsvolumen von über 10 Milliarden Euro. Resale wird damit zunehmend zu einer Infrastruktur, die Angebot und Nachfrage neu organisiert. „Um Secondhand zur ersten Wahl zu machen, müssen wir das effizienteste und einfachste System schaffen“, sagt CEO Thomas Plantenga, „wenn das gelingt, wird das Angebot mit jedem neuen Mitglied besser.“

Wie sich diese Dynamik darüber hinaus auf Marken, Preisbildung und langfristige Wertentwicklung auswirkt, zeigt The RealReal. Die amerikanische Plattform versteht Wiederverkauf nicht als bloßen Zusatzkanal, sondern als eigenständigen Markt mit eigener Logik, eigenen Preissignalen und wachsender strategischer Bedeutung für Marken: „Wir haben über mehr als ein Jahrzehnt die Infrastruktur aufgebaut, die Resale zu einem echten Markt macht und nicht nur zu einem zusätzlichen Vertriebskanal“, sagt CEO Rati Sahi Levesque. Damit spielt sie auf einen entscheidenden Punkt an: Im Second Market wird Wert nicht nur weitergegeben, sondern neu bestimmt. Durch die Bündelung von Angebot und Nachfrage in großem Maßstab entsteht eine neue Form der Preisfindung. „Wir sehen in Echtzeit, wie sich Brands, Kategorien und einzelne Produkte entwickeln. Dadurch entsteht eine dynamische Preisfindung, die auf realen Transaktionsdaten basiert und nicht auf Annahmen“, erklärt Levesque. Sichtbar wird damit, welche Produkte über den Erstverkauf hinaus relevant bleiben. Zentral in diesem Kontext ist das Thema Authentifizierung. „Vertrauen ist die Grundlage von allem, was wir tun“, so Levesque. Erst durch diese Sicherheit entstehen belastbare Marktpreise. Für Brands bedeutet das vor allem Transparenz. Der Second Market zeigt, welche Produkte langfristig Bestand haben und warum. „Resale wird zunehmend zu einem Signal für die Gesundheit einer Marke“, setzt Levesque fort. Relevanz, Begehrlichkeit und Wertstabilität werden hier sichtbar. Damit verändert sich auch der Blick auf den Erstkauf. Ein wachsender Teil der Kundinnen und Kunden berücksichtigt den Wiederverkaufswert bereits beim initialen Kauf. Die Resale-Option wird so zu einer zusätzlichen Orientierungsebene.

Was sich online abzeichnet, hat auch Auswirkungen auf den physischen Handel. Der Store ist nicht mehr nur Ort der Erstvermarktung, er entwickelt sich zunehmend zu einem Raum, in dem unterschiedliche Lebensphasen von Produkten aufeinandertreffen dürfen – Neuware neben Second, Third oder Fourth Cycle. Einige Retailer beginnen, genau diese Logik in ihre Konzepte zu integrieren. Noch nicht flächendeckend, oft tastend, aber mit der klaren Erkenntnis, dass sich Wertschöpfung künftig breiter denken lässt.

New Facets of Retail

Im Gespräch im Fifty Eight.S in Frankfurt wird schnell klar, dass viele der aktuellen Diskussionen rund um Second Cycle nichts Neues sind, sondern aus einer Haltung entstehen, die seit jeher den Kern von gutem Retail entspricht. Jutta Heidt-Hansel führt ihren Store seit über 40 Jahren. Ihre Perspektive ist entsprechend weniger von Trends geprägt als von Erfahrung und von einem klaren Commitment zu Qualität.

„Meine Kundinnen erzählen mir oft: Was ich bei Ihnen gekauft habe, hängt seit 20 Jahren im Schrank.“ Der Satz trifft im Kern, was die Basis jeglicher Second-Cycle-Logik bildet: die Entscheidung für Produkte, die bleiben.

Diese Mentalität zeigt sich bei Fifty Eight.S auch im Umgang mit Preis und Zeit. Nicht jedes Teil folgt dem klassischen Zyklus von Vollpreis zu Abverkauf: „Warum soll ich eine Brand wie z. B. Rick Owens, mit wiederkehrenden Styles und permanent Pieces, nach drei Monaten reduzieren? Das ergibt für mich keinen Sinn. Bei uns bleiben diese Stücke bewusst im Sortiment, werden weitergeführt, neu kombiniert. Unsere Kundinnen und Kunden verstehen das und schätzen es auch.“ Der Store entwickelt sich damit vom Ort permanenter Erneuerung zu einem Raum, in dem sich Produkte im Zeitverlauf entwickeln dürfen. Neuware bleibt wichtig, aber sie steht nicht mehr isoliert, sondern in Beziehung zu dem, was bereits da ist. „Bevor ich neu ordere, analysiere ich erst einmal ganz genau, was ich noch habe“, erklärt Heidt-Hansel. „Was kann ich weiterführen? Wie viel Neues braucht es wirklich?“

Dass der Second Market heute wächst, überrascht sie nicht. „Vintage läuft extrem gut – vor allem bei jungen Leuten.“ Gleichzeitig sieht sie darin keine Konkurrenz zu ihrem Business, sondern eine Ergänzung. Denn letztlich, so ihr Blick, brauche es beides: neue Produkte, die einen Moment einfangen, und solche, die bleiben.

Genau an diesem Punkt setzen Konzepte wie Super Vienna an. Sie teilen Heidt-Hansels Qualitätsanspruch, gehen aber einen Schritt weiter und integrieren Second-Cycle-Produkte bereits aktiv in ihr Businessmodell. Der Einstieg erfolgte bewusst pragmatisch: Super-Preloved wird derzeit im Onlineshop angeboten, getrennt vom physischen Store. „Das größte Thema ist für uns tatsächlich der Platz“, erklären die Inhaberinnen Karin Schwarzmaier und Carolina Rukschcio und führen weiter aus: „Auf 25 Quadratmetern lässt sich ein zusätzlicher Bereich nicht einfach mitdenken, umso naheliegender war der digitale Raum als erster Schritt.“ Prozesse, Aufbereitung, Präsentation – all das verlangt neue Lösungen, gerade in kleineren Strukturen. „Das ist schon ein Mehraufwand, den wir gerade prüfen – auch, wie sich das für uns gut anfühlen kann.“ Inhaltlich bleibt der Ansatz jedenfalls konsequent. Super Vienna arbeitet seit jeher mit einer klaren, reduzierten Auswahl. „Lieber weniger im Kasten, dafür Dinge, die lange halten“, so Schwarzmaier.

Wichtig ist den beiden, zu betonen, dass Second Cycle nicht als verlängerter Sale verstanden wird, sondern als eigenständiges Konzept: Produkte wurden bereits getragen, verkauft wird unter Super-Preloved keine reduzierte Neuware. Preislich und inhaltlich folgt das Angebot damit seiner eigenen Logik. Die Resonanz? „Wir bekommen sehr wertschätzendes Feedback. Noch ist vieles im Aufbau, aber die Richtung ist für uns klar.“

Die physische Verbindung aus Neuware und Second-Cycle-Produkten lebt Dirk Kaprad mit seinem im März 2026 in München eröffneten Kaprad Collective Studio. Ein Jahr Vorbereitung investierte er in die Suche nach dem richtigen Standort, die Schärfung des visuellen Konzeptes, in Recherche im Bereich Warenwirtschaft und Kassensystem und vor allem in die Beantwortung der Frage, wie sich Second Cycle im Retail so inszenieren lässt, dass es von Fashion erzählt, nicht von Verzicht. Die Antwort liegt für Kaprad vor allem darin, Secondhand nicht als Resteverwertung zu denken, sondern als präzise kuratierte Boutique: „Die Kundinnen und Kunden haben erst mal gar nicht verstanden, dass sie hier von Second-Cycle-Produkten umgeben sind.“ Für ihn liegt der Schlüssel in der Inszenierung und im physischen Erleben: „Die Leute wollen die Teile anfassen, anprobieren, sehen, wie sie fallen.“ Was online nur beschrieben werden kann, wird hier unmittelbar erfahrbar. Beratung, Atmosphäre und Inszenierung werden damit zu einem wesentlichen Teil der Wertschöpfung.

Dass dieser Ansatz auf Resonanz trifft, zeigte sich schnell: „Das Konzept wird unglaublich gut angenommen, vor allem vom jungen Publikum“, so Kaprad, der zu 95 Prozent auf Kommissionsbasis arbeitet. „Regelmäßig sagen 16-Jährige zu mir: Wir kaufen nur noch Secondhand.“

Archiv als Inspirationsquelle

Was passiert, wenn Second Cycle nicht erst im Verkauf beginnt, sondern bereits im Entwurf mitgedacht wird? TheCube Archive steht genau für diesen Perspektivwechsel. Als Resultat aus dem Archiv von Stefano Chiassai, einer prägenden Figur im italienischen Menswear-Design, basiert das Projekt auf einer über Jahre gewachsenen, über 20.000 Teile umfassenden Sammlung aus Vintage-Kleidung, Deadstock und Materialien. Corinna Chiassai und Marius Hordijk entwickeln das Projekt zu einem Creative Hub weiter, das heute international mit Designteams, Stylisten, DJs sowie Personen aus Musik und Film arbeitet. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit dem Bestand: Bestehendes wird nicht nur analysiert, sondern weitergedacht – als Ausgangspunkt für neue Formen, neue Kombinationen, neue Richtungen.

Wie sich dieser Ansatz in die Breite des Marktes übersetzen lässt, zeigte sich im Rahmen der jüngsten Performance Days in München. In Kooperation mit TheCube Archive präsentierte die Messe Looks, kuratiert aus Archive-Pieces und Deadstock. „Wenn es uns gelungen ist, mit dem, was wir dort gezeigt haben, ein Stück Inspiration zu vermitteln, dann haben wir unsere Arbeit richtig gemacht“, kommentiert Marius Hordijk.

Neben Projekten mit einzelnen Unternehmen, legt TheCube großen Wert auf das Thema Wissenstransfer. In Zusammenarbeit mit internationalen Hoch- und Designschulen wird das Archiv aktiv in die Ausbildung eingebunden. Studierende arbeiten mit bestehenden Materialien, analysieren Produkte und entwickeln daraus neue Ansätze. Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis von Designprozessen zu vermitteln: eines, das auf vorhandenen Ressourcen aufbaut und diese bewusst in neue Kontexte überführt.

Zirkularität als Designprinzip

Jessica Solomon schlägt mit ihrer Arbeit in genau diese Kerbe. Die Pariser Designerin gründete 2021 ihr Label Second Main – basierend auf einem klaren Prinzip: „Was für andere fertig ist, ist für mich erst der Anfang.“

Ihre Entwürfe entstehen nicht auf dem Papier, sondern aus dem Material heraus. Dabei geht es nicht um einzelne Upcycling-Pieces, sondern um ein System. Solomon arbeitet bewusst mit wiederkehrenden Materialgruppen wie Denim und Baumwolle, analysiert verfügbare Farbwelten und entwickelt darauf aufbauend Designs, die sich trotz variierender Ausgangslagen reproduzieren lassen. Deadstock wird so plan- und skalierbar. Gefertigt wird in Madagaskar, wo Design und Umsetzung eng miteinander verbunden sind. Materialverfügbarkeit, handwerkliches Wissen und lokale Strukturen fließen direkt in den Entwurfsprozess ein. In einem Umfeld, in dem Ressourcen nicht unbegrenzt verfügbar sind, entsteht ein anderer Umgang mit Material – präziser, unmittelbarer, oft auch experimenteller. Und ein neues Verständnis von Produktzyklen: Statt ständig neue Kollektionen zu entwickeln, werden bestehende Modelle weitergeführt und verfeinert. Design entsteht in Iterationen, nicht in der Ablösung.

Während bei Second Main der Ausgangspunkt im Material und im Prozess liegt, beginnt Oriens an einer anderen Stelle: beim kulturellen Erbe. Das in Apulien gegründete Projekt arbeitet mit historischen Textilien – handgefertigten Tischdecken, Servietten, Bettwäsche und gehäkelten Arbeiten –, die einst Teil traditioneller Aussteuern waren und heute weitgehend aus dem Alltag verschwunden sind: „Diese Stücke tragen so viel Arbeit, Zeit und Bedeutung in sich und liegen trotzdem ungenutzt in Schränken“, erklärt Gründerin Valentina Taglioli, die das Projekt gemeinsam mit ihrem Partner Francesco Paulillo führt. „Für uns war klar: Das kann nicht ihr Endpunkt sein.“ Entsprechend fertigt Oriens aus ebendiesen Stoffen kleine, bewusst limitierte Serien: Unikate, die von Hosen und Kleidern bis zu Bustiers reichen. „Wir arbeiten nicht gegen das Material, sondern mit ihm“, erläutert Taglioli. „Die Form entsteht aus dem, was bereits da ist.“

Mit dem Atelier Oriens, das 2026 in Apulien eröffnet, führt das Unternehmen den eigenen Ansatz weiter. Der Raum ist nicht nur Werkstatt, sondern Plattform für Veranstaltungen, für Musik, für Begegnung: „Uns interessiert nicht nur das Produkt“, sagt Paulillo, „sondern auch wie Menschen wieder eine Beziehung zu diesen Objekten aufbauen.“

So erweitert Oriens die Idee des Second Cycle um eine kulturelle Dimension. Es geht nicht nur um Wiederverwertung, sondern um Neuverortung – darum, wie Material, Erinnerung und Gemeinschaft in einen neuen Zusammenhang gebracht werden können.

Was sich in all diesen Ansätzen zeigt, ist kein einheitliches Modell, sondern eine gemeinsame Richtung. Im Second Market wird neu bewertet. Im Retail entstehen neue Formate. Archive werden zu Arbeitsräumen, Designprozesse beginnen nicht mehr bei Null und selbst innerhalb bestehender Markenstrukturen verschiebt sich der Umgang mit Material und Zeit. Second Cycle beschreibt genau diese Bewegung.

Nicht als abgeschlossener Kreislauf, sondern als offenes System, in dem Produkte zirkulieren, ihren Kontext verändern und über Zeit neue Bedeutung annehmen. Der Wert entsteht nicht mehr ausschließlich im Moment des Verkaufs, sondern entlang eines Weges, der sich im Tragen, im Weitergeben, im Wiederentdecken und im Neu-Denken fortsetzt.

Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung: Dass Fashion nicht mehr in Saisons gedacht wird, sondern in Zusammenhängen und dass ein Produkt nicht dort endet, wo es verkauft wird, sondern in der Art, wie es genutzt wird, seinen eigentlichen Wert entfaltet.

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