Sellpy
„Second-Hand als erste Wahl“
Der Second Cycle-Markt entwickelt sich vom Nischensegment zum festen Bestandteil des Fashion Retail. Alexandra Drissner, CCO von Sellpy, ist dabei überzeugt: „Second-Hand ist heute keine Notlösung mehr.“ Ein Gespräch über Wachstum, Dynamik und Vertrauen als entscheidenden Faktor.
Second Cycle gewinnt im Modekontext zunehmend an Bedeutung. Wie schätzen Sie die Entwicklung des Secondhand-Marktes in den kommenden Jahren ein, und wie verändert sich aus Ihrer Sicht die Rolle von Secondhand im Vergleich zum klassischen First Cycle?
Alexandra Drissner, CCO Sellpy: Kundinnen und Kunden entscheiden sich für Second-Hand wegen des Preises und der Nachhaltigkeit, aber zunehmend auch, um einzigartige Teile zu finden. Bei Sellpy ist es unser Ziel, den Kauf von Second-Hand Artikeln genauso einfach zu machen wie den Kauf von Neuware. Indem wir eine große Vielfalt an qualitätsgeprüften Artikeln in allen Preisklassen zugänglich machen, tragen wir zum Wachstum des „Second Cycle“-Segments bei – eines Segments, das immer häufiger zur ersten Wahl wird. Diese Entwicklung sehen wir bereits in unseren eigenen Suchdaten, wo die Nachfrage die Trends des First Cycle nahezu in Echtzeit widerspiegelt. Wenn eine Marke oder eine Silhouette im Neusegment durchstartet, tut sie das in derselben Saison auch im Second-Hand-Bereich – das Y2K-Revival ist ein gutes Beispiel: Die Suchanfragen nach einer Marke wie Hollister sind auf unserer Plattform im Jahresvergleich um 67 % gestiegen. Genau das ist der Wandel: Second-Hand als parallele erste Wahl für dieselbe Kaufentscheidung, nicht als Notlösung.
H&M bietet seit Kurzem im Flagshipstore auf der Wiener Mariahilfer Straße eine Pre-Loved-Fläche an, deren Sortiment über Sellpy gesourct wird. Welche Erfahrungen machen Sie mit diesem Modell, und welche Rolle spielen stationäre Verkaufsflächen für die weitere Etablierung von Secondhand-Mode im Vergleich zum Online-Geschäft?
Online-Verkauf macht Second-Hand breit zugänglich. Bei Sellpy können wir Millionen einzigartiger Artikel leicht auffindbar machen – mit einer richtigen Suche, Größenangaben, reibungslosen Lieferungen und einem vertrauenswürdigen Bezahlvorgang. Aber eine physische Verkaufsfläche leistet etwas, dass online nicht möglich ist: Sie nimmt den letzten Rest des Zögerns. Die Menschen können die Qualität fühlen, sehen, dass Pre-Loved nicht abgetragen bedeutet, und Teile entdecken, nach denen sie nie gesucht hätten. In einem Store wie auf der Mariahilfer Straße steht Second-Hand direkt neben dem neuen Sortiment, was es für Kundinnen und Kunden einfach und zugänglich macht, Mode auf unterschiedliche Weise zu genießen – von den neuesten Trends bis zu Pre-Loved-Basics. Durch die Integration von Pre-Loved in die physischen Stores von H&M können wir ein integriertes Einkaufserlebnis bieten und so die Hemmschwelle für den Kauf von Second-Hand weiter senken. Gemeinsam mit H&M haben wir das aus Sellpy-Ware bestehende Pre-Loved-Konzept bereits in 12 H&M-Stores ausgerollt, und derzeit bieten 8 Weekday-Stores in Zusammenarbeit mit Sellpy kuratierte Second-Hand-Produkte an. Wir sind überzeugt, dass der stationäre Handel ein wirkungsvoller Weg ist, um die Menschen mit Second-Hand Artikeln dort abzuholen, wo sie ohnehin schon sind. Dabei bauen wir Vertrauen auf und verwandeln Neugier in den ersten Kauf.
Wie groß ist die Schnittmenge zwischen First-Cycle- und Second-Cycle-Kundinnen beziehungsweise -Kunden?
Wir sehen weit mehr Überschneidung als Trennung. Dieselbe Person kann in derselben Woche ein neues Basic und ein Pre-Loved-Teil kaufen, oder in den physischen Stores von H&M sogar in derselben Transaktion. Der entscheidende Faktor ist weniger die Treue zu „neu“ oder „gebraucht“, sondern vielmehr die Frage, ob man einen bestimmten Artikel in einer Preisklasse und Qualität findet, die für die Konsumentin oder den Konsumenten Sinn ergibt. Wir sind überzeugt: Wenn Second-Hand das richtige Teil im richtigen Zustand bietet, gewinnt es den Kauf. Also ja, wir sehen sehr wohl, dass die beiden Welten parallel genutzt werden, nicht als Entweder-oder, sondern als eine einzige Einkaufsgewohnheit.
Sellpy arbeitet mit einem hoch skalierten Modell für den Ankauf, die Aufbereitung und den Verkauf von Secondhand-Mode. Welche Learnings aus Ihrem Geschäftsmodell können aus Ihrer Sicht auch für unabhängige stationäre Händler oder kleinere Konzepte relevant sein?
Das Schwierige an Second-Hand ist alles, was zwischen dem Kleiderschrank einer Person und dem Warenkorb einer Käuferin passiert. Genau das haben wir aufgebaut. Jeder Artikel, der bei uns eingeht, wird einzeln fotografiert, qualitätsgeprüft, bepreist und eingestellt und das über Millionen einzigartiger Artikel hinweg. Dieses Modell ermöglicht es uns, auf beiden Seiten Komfort zu bieten: Verkäuferinnen und Verkäufer packen einfach eine Tasche, und wir erledigen den Rest; Käuferinnen und Käufer erhalten ein Erlebnis, dass so einfach und vertrauenswürdig ist wie der Kauf von Neuware. Dieses Modell funktioniert eindeutig auch über Privatpersonen hinaus. Eine Reihe unabhängiger Second-Hand-Shops bezieht ihre Ware bereits direkt von Sellpy! Für kleinere Konzepte liegt die Lehre nicht darin, die Größe zu erreichen, sondern sich auf das Sortiment und den Komfort zu konzentrieren. Gestaltet den Annahmeprozess so reibungslos wie möglich und nehmt die Bewertung und Präsentation genauso ernst, wie das Buying von Neuware. Wenn ihr das richtig macht, fühlt sich der Kauf von Pre-Loved genauso sicher an wie der Kauf von Neuem.

