Viu
„Der Store ist kein Auslaufmodell“
Während zahlreiche Unternehmen auf Konsolidierung setzen, treibt Viu seine Expansion gezielt voran.
Im Gespräch erläutern CEO Kilian Wagner und Creative Director Fabrice Aeberhard, warum der stationäre Handel für sie zentral bleibt, wie Vertrauen zur wirtschaftlichen Währung wird – und weshalb gutes Design immer auch eine Frage von Haltung ist.
Viu treibt seine Expansion aktuell konsequent voran. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für Wachstum?
Kilian Wagner, CEO Viu: Das Marktumfeld ist ohne Frage herausfordernd. Gleichzeitig sehen wir in den vergangenen Jahren – insbesondere in Deutschland – eine sehr dynamische Entwicklung mit signifikantem Wachstumspotenzial. Gemessen daran sind wir physisch noch klar unterrepräsentiert. Entscheidend ist zudem: In unserem Segment bleibt der stationäre Kontaktpunkt zentral. Wir sprechen überwiegend über korrigierte Brillen – Produkte, bei denen Beratung, Präzision und Vertrauen eine wesentliche Rolle spielen. Der Store ist für uns kein Auslaufmodell, sondern ein entscheidender Moment der Markeninteraktion.
Was muss ein Store heute leisten, um diese Relevanz tatsächlich einzulösen?
Kilian Wagner: Wir verstehen den Store als immersiven Markenraum. Die Customer Journey beginnt häufig digital, aber erst im physischen Raum entsteht emotionale Bindung. Dabei greifen drei Ebenen ineinander: das Produkt, der Raum und vor allem die Menschen. Kompetenz in der Beratung ist essenziell – nicht zuletzt, weil es um ein hochsensibles Produkt geht, das Funktionalität und Ästhetik vereint.
Wie gestaltet sich in diesem Kontext das Zusammenspiel von digitalen und physischen Touchpoints?
Kilian Wagner: Unsere digitalen Kanäle übernehmen primär die Funktionen von Awareness, Orientierung und Produktauswahl. Gleichzeitig dienen sie als Brücke in den stationären Handel: Über 50 Prozent unserer Sehtests werden inzwischen online gebucht. Dieses gezielte „Online-to-Offline“-Modell ist zentral für uns. Der eigentliche Abschluss findet überwiegend im Store statt – was dessen Bedeutung im Omnichannel-Gefüge klar unterstreicht.
Fabrice Aeberhard, Creative Director Viu: Letztlich geht es um ein Produkt, das unmittelbar mit der eigenen Identität verbunden ist. Passform, Proportion und Ausdruck lassen sich digital nur bedingt erfassen. Wir sprechen intern oft von „Character Enhancement“ – und dieser Prozess entfaltet sich am stärksten im physischen Raum.
Ein Thema, das aktuell viele Diskussionen prägt, ist Vertrauen. Welche Rolle spielt Transparenz in eurem Markenverständnis?
Kilian Wagner: Eine sehr zentrale. Von Beginn an war es unser Anspruch, Herkunft und Herstellung unserer Produkte nachvollziehbar zu machen – von den ersten Produktionspartnern in den Dolomiten bis hin zu Materialien und Prozessen.
Fabrice Aeberhard: Diese Haltung ist integraler Bestandteil unserer Markenidentität. Indem wir unsere Ursprünge sichtbar machen, schaffen wir Nähe und Verlässlichkeit – beides entscheidend für langfristige Kundenbeziehungen.
Design bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Zeitgeist und Zeitlosigkeit. Wie definiert Viu diesen Balancepunkt?
Fabrice Aeberhard: Unsere gestalterische Grundlage lässt sich auf drei Begriffe reduzieren: „clean, pure, honest“. Darauf aufbauend arbeiten wir mit drei Produktkategorien: Contemporary Classics als stabile Basis, Character Frames als experimenteller Raum und Kollaborationen als bewusstes Überschreiten der eigenen Grenzen. Dieses System erlaubt es uns, relevant zu bleiben, ohne unsere gestalterische Integrität zu verlieren.
Wie lässt sich dieser Anspruch mit den funktionalen Anforderungen eines so präzisen Produkts vereinbaren?
Fabrice Aeberhard: Die Funktionalität setzt klare Rahmenbedingungen – etwa in Bezug auf Materialeigenschaften und Verarbeitung. Innerhalb dieser Grenzen besteht jedoch ein großer kreativer Spielraum.
Kilian Wagner: Sobald wir Materialien und Produktionsprozesse vollständig beherrschen – so etwa bei Acetat oder Titan – entsteht eine hohe gestalterische Flexibilität. Innovation bedeutet für uns auch, diese Kompetenzen kontinuierlich auszubauen.
Welche Impulse kann der Modehandel aus eurem Ansatz ableiten – insbesondere im Hinblick auf die Zukunft des stationären Handels?
Kilian Wagner: Die zentrale Frage lautet: Welchen Mehrwert kann der physische Raum bieten, den digitale Kanäle nicht leisten können? Nur wenn darauf eine überzeugende Antwort gefunden wird, bleibt Retail relevant. Die Entwicklung geht klar in Richtung Erlebnis und Differenzierung.
Fabrice Aeberhard: Ergänzend dazu braucht es eine klare Markenidentität. Beliebigkeit führt zwangsläufig zur Unsichtbarkeit. Transparenz, Produktintegrität und eine konsequent gedachte Experience sind aus unserer Sicht die entscheidenden Faktoren.
Wie sieht eure Vision für Viu in den kommenden Jahren aus?
Fabrice Aeberhard: Trotz unseres bisherigen Wachstums verstehen wir uns weiterhin als Marke im Aufbau. Unser Ziel ist es, unsere Werte – insbesondere Designqualität und Transparenz – breiter zugänglich zu machen und langfristig als Referenz zu etablieren.
Kilian Wagner: Entscheidend ist für uns der Aufbau einer starken Community. Wenn es uns gelingt, Produkte zu entwickeln, die Menschen über lange Zeit begleiten und begeistern, entsteht echte Markenbindung. Darin liegt für uns nachhaltiger Erfolg.
Wenn ihr Viu in Form eines Gefühls beschreiben müsstet – welches wäre es?
Fabrice Aeberhard: Quiet Confidence.
Kilian Wagner: Genau. Wir sind keine laute Marke, sondern eine, die dir Sicherheit gibt – mit einem Produkt, das nicht dominiert, sondern stärkt. Ein subtiler „Confidence Booster“, der Teil der eigenen Persönlichkeit wird.

