Grasegger
Retail is Detail
Wenn Herkunft nicht festhält, sondern Halt gibt, entsteht daraus ein Fundament für eine Zukunft, die von Echtheit und Begegnung lebt. Eine Bestandsaufnahme bei Grasegger in Garmisch-Partenkirchen – zwischen Tradition und Weitblick.
Text: Lisa Hollogschwandtner. Fotos: Grasegger
„Wissen, woher man kommt. Wissen, wer man ist. Vor Augen zu haben, wer man sein will.“ Diese drei Fragen – oder besser die Antworten darauf – bilden für Franz Grasegger das Fundament, auf dem er die Zukunft des Familienunternehmens in Garmisch-Partenkirchen baut. Damit stehen sowohl die Manufaktur, mit ihren Linien für Damen und Herren sowie der von der Zugspitze inspirierten Kollektion 2964Grasegger, als auch das Geschäft im Garmischer Zentrum für gelebte Realness. Doch zurück zum Start.
Seit 1984 befindet sich das Stammhaus der Familie Grasegger am selben Platz. Eröffnet von Annemie Grasegger mit Sohn Thomas, zeigte man damals auf knapp 1.000 Quadratmetern ein breites Trachtensortiment. An der Sortimentstiefe sowie -breite, die auf Mittlerweile 1.650 Quadratmetern präsentiert wird, hat sich wenig geändert. Dennoch wird bereits beim Betreten des Hauses spürbar: Hier geht es nicht vorrangig um Produkte. Das Geschäft ist einer dieser Orte, die von Geschichte geprägt und von Haltung getragen sind, und es befindet sich gerade in einem Moment des Wandels, der weit über das Unternehmen hinausweist.
Vielleicht ist es die Lüftlmalerei an der Fassade, die vom kulturellen Erbe des Alpenraums erzählt. Vielleicht der moderne Anbau, der den Archetyp des Stadels neu interpretiert. Doch wer mit Franz Grasegger spricht, merkt schnell: Die bauliche Inszenierung ist nur die äußere Schicht. Die eigentliche Transformation findet im Inneren statt. Nach über vier Jahrzehnten Firmengeschichte übernimmt Franz 2026 zur Gänze die Verantwortung im Familienunternehmen. Es ist eine Phase der Reflexion, bei der für ihn folgende Erkenntnis im Zentrum steht: „Wir dürfen keine Kunden bedienen. Wir müssen Gäste empfangen.“
Echte Gastlichkeit wird damit zum Schlüssel und bringt die Notwendigkeit mit sich, über klassischen Handel hinauszudenken. Inspiration findet der nun alleinige Geschäftsführer nicht nur bei Branchenkollegen, sondern vor allem in Hotellerie und Gastronomie – Orten, an denen man bereit ist, in besondere Momente zu investieren. Mit klarer Haltung und viel Liebe zum Detail übersetzt er dieses Denken ins Stammhaus. Eines der zahlreichen Beispiele? Eine Kasse macht Platz für eine Kaffeebar mit selbstgebackenem Kuchen am Samstag. Der Einstieg in ein Einkaufserlebnis, das sich nicht nach Bedarfskauf, sondern nach Ankommen anfühlt. „Retail is detail“, ein Motto, das ihm sein Vater Thomas früh mitgegeben hat, wird so zum Leitsatz.
Zum Generationswechsel setzt man bei den Graseggers nicht auf lautes Marketing oder Wachstum um jeden Preis, sondern bleibt sich treu und geht den Weg der Besinnung. Prozesse werden bereinigt, Strukturen geschärft, Ressourcen bewusst ins Menschliche verlagert. Herz oder Verstand? Bei Grasegger kein Gegensatz. Analytisches Denken trifft hier auf Leidenschaft und Gastlichkeit. Wer heute die Manufaktur besucht, betritt keinen klassischen Showroom; wer das Geschäft besucht, betritt keinen klassischen Laden. Er wird von einer Familie empfangen, die verstanden hat, dass Zeit, Aufmerksamkeit und Echtheit zur neuen Währung des Business geworden sind.













