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Kreative Ukraine – Mode für den Frieden

Kreative Ukraine – Mode für den Frieden

Für Menschen wie die Modejournalistin Ana Varava ist die Welt seit Februar 2022 aus den Fugen. style in progress hat die nach Deutschland geflüchtete Modeexpertin gewonnen, die Modeszene ihres Heimatlandes zu porträtieren. Ob Designtalente oder Tech-Inkubatoren, Ana Varava gewährt einen sehr persönlichen Einblick in die geballte Kreativität der Ukraine.

Text: Ana Varava. Fotos: Gesprächspartner und Marken

Der 24. Februar 2022 hat das Leben von Millionen von Menschen – in der Ukraine, in Europa, in der ganzen Welt – komplett verändert. Ich persönlich war an diesem besagten Tag in Kyiv, in der Hauptstadt der Ukraine, mitten im Zentrum. Schon mit dem ersten Fliegeralarm veränderten sich die Farben um mich. Danach ist alles nur noch eine verschwommene Erinnerung. Alles ist aus dem Gleichgewicht seither: ob das Privatleben oder unsere Arbeit.

Die Mode in der Ukraine zu fördern, indem ich ihr kreatives Talent im Ausland sichtbar mache, hat sich wie ein roter Faden durch die letzten 15 Jahre meiner Karriere gezogen. Ich war weltweit in der Mode- und Medienbranche tätig, habe in acht Ländern gelebt, drei internationale Masterstudiengänge absolviert und mich leidenschaftlich für die Mode und ihre psychologischen und geschäftlichen Aspekte interessiert.

Besonders spannend war diese Aufgabe nach der Unterzeichnung des Wirtschaftsabschnitts des Assoziierungsabkommens zwischen der Ukraine und der EU im Jahr 2014 und der Unterzeichnung des DCFTA (Vertiefte und umfassende Freihandelszone zwischen der EU, der Ukraine, Moldau und Georgien) im Jahr 2016. Denn die Vertragsparteien waren sich einig, ihre Märkte gegenseitig für Waren und Dienstleistungen zu öffnen. Damals wagte die Ukraine den ersten Schritt in Richtung Euro-Integration. Wie in allen Entwicklungs- und Schwellenländern kommt der Textil- und Bekleidungsindustrie in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht große Bedeutung zu. Bekleidung ist ein wichtiger Exportmotor.

Den jüngsten Statistiken zufolge wuchs der globale Modemarkt von 780,61 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 825,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021. Jeden Tag versuchen neue Unternehmen auf dem Drei-Milliarden-Markt für Bekleidung ihr Glück. Die ukrainische Modeindustrie begann ihre Entwicklung mit der ersten ukrainischen Modewoche im Jahr 1997, mehr als 20 Jahre später existieren im Land bereits 16.602 Industrieunternehmen und 11.701 Bekleidungsunternehmen, von denen 1,96 Prozent mittelgroße, 6,46 Prozent kleine und 91,58 Prozent Kleinstunternehmen sind (nach Angaben von Ukrstat). Im Jahr 2019 verzeichnete das ukrainische Modesegment einen Umsatz von 348 Millionen Euro, wobei für das Jahr 2023 ein Wachstum von 9,0 Prozent erwartet wurde.

Gegen Ende 2018 habe ich, in meiner Funktion als Senior Fellow für sektorale Politik und Kommunikation im EU-Raum im ukrainischen Außenministerium, die erste akademische Studie zur Modeindustrie in der Ukraine durchgeführt, um den aktuellen Stand der Leicht-, Textil- und Modeindustrie und ihren Anteil am BIP des Landes in den letzten Jahren zu analysieren. Die Studie wurde vom ukrainischen Kulturministerium und dem ukrainischen Kulturfonds unterstützt, und von deutschen Betreuern, Professoren der Hochschule Furtwangen in Deutschland, kuratiert. Die Arbeit trug maßgeblich dazu bei, den Mehrwert von Design und Modeartikeln des Damenbekleidungssektors in der Ukraine und die Auswirkungen von Marken auf die Volkswirtschaft zu bestimmen.

Dieser Mehrwert ist ein Schlüsselindikator für das BIP eines Landes. Was den kreativen Teil der ukrainischen Modeindustrie betrifft, so habe ich im Zuge meiner Recherchen festgestellt, dass der Gesamtbeitrag der DOB zum BIP zwischen 0,06 und 0,1 Prozent liegt, was einen beachtlichen Wert darstellt. All diese empirischen Erkenntnisse belegen das enorme kreative Potenzial der ukrainischen Designer und Marken. Die Schlüsselqualifikationen sind die kreativen und qualitativen Aspekte der Betriebe, wohingegen Marketing, Unternehmensorganisation, Integration neuer Technologien und Logistik als Schwachpunkte anzusehen sind.

Unabhängig von den Unwägbarkeiten, die der Krieg jetzt bedingt, standen die ukrainischen Designer und Marken noch vor großen Herausforderungen, z. B. die Abhängigkeit von der Rohstoffeinfuhr, Vereinfachung von Zollbestimmungen genauso wie die Entwicklung neuer Verkaufsmethoden und Verwaltung von Vertriebsketten. Es war klar, dass noch Investitionen in die Infrastruktur und technologische Modernisierung notwendig sind. Das alles gepaart mit Transparenz für potenzielle Investoren und Auftraggeber und moderne E-Commerce-Strukturen standen auf der To-do-Liste des Landes. Wir hoffen immer noch, dass wir bald Gelegenheit haben, uns mit aller Entschlossenheit diesen Punkten zu widmen.

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