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Salongespräch | „Wir müssen die neue Zeit gestalten!“

Salongespräch | „Wir müssen die neue Zeit gestalten!“

Alles im Umbruch: Die neuen Technologien eröffnen ungeahnte Möglichkeiten und stellen alle Regeln auf den Kopf. Sind wir in der Modernität wirklich angekommen? Wie bereiten wir die nächste Generation auf die Zukunft vor und welche Rolle übernimmt dabei die Politik? Eine Diskussion von style in progress Chefredakteur Stephan Huber mit der deutschen Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär, Inga Griese, Senior Editor Style & Fashion der Welt-Gruppe, sowie Anita Tillmann, Geschäftsführerin Premium Group.

Interview: Stephan Huber. Text: Nicoletta Schaper. Fotos: Offenblende.de/ Christian Lietzmann

Es gibt ein Zitat von Angela Merkel, das mich seit 2013 begleitet. Ihr Satz: „Das Internet ist Neuland“ wurde vielfach belächelt und besonders im Netz selbst mit Häme überzogen. Ich dagegen fand den Satz damals schon sehr richtig. Trifft er nicht heute mit Blick auf das rasende Tempo der Veränderung umso mehr zu?

Dorothee Bär: Ja, und das zeigt sich jeden Tag aufs Neue. Innovation findet nicht mehr wie früher in längeren Zyklen statt, sondern ist jetzt so kurz getaktet, dass wir kaum in einem Koalitionsvertrag das festlegen können, was für die nächsten vier Jahre Gültigkeit hat. Ein Beispiel: Im Jahr 2013 war die private Nutzung von Drohnen noch kein großes Thema in Deutschland, weshalb sie im Koalitionsvertrag aus dem gleichen Jahr noch keine Rolle spielten. Ein Jahr später lag unter fast jedem Christbaum eine Drohne. Die Schnelligkeit und auch die Disruption sind so gigantisch, dass eigentlich jeder Tag Neuland bedeutet. Es ist herausfordernd, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, besonders in einer Demokratie. Gleichzeitig geht die Spreizung zwischen denjenigen, die sich mit dem Thema Digitalisierung auskennen, und der übrigen Bevölkerung, die Bedenken hat, immer weiter auseinander.

Inga Griese: Für dieses Neuland brauchen wir einen Reisepass. Man kann nicht mal schnell dort hingelangen und muss sich fragen, was man unternehmen will. Gerade wir Europäer sind inzwischen so ignorant, dass wir uns einbilden, wenn wir nicht hinsehen, passiert es auch nicht. Die Digitalisierung ist Realität. Weder lässt sie sich aufhalten, noch soll sie aufgehalten werden. Warum bilden wir nicht den Nachwuchs entsprechend aus, warum stellen wir uns nicht mutig und positiv der Herausforderung?

Anita Tillmann: In der Modebranche sind es meist Männer mittleren Alters, die lieber an Bewährtem festhalten, anstatt sich nach vorn zu bewegen. Gleichzeitig gehen unsere Kinder und jungen Mitarbeiter ganz selbstverständlich mit neuen Technologien um. Das heißt nicht, dass man Unternehmen nicht mehr führen kann und den Jungen das Steuer überlassen muss, aber sie haben uns viel zu bieten und es lohnt sich, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wichtig ist, ihnen die richtigen Werte zu vermitteln und ihre Kreativität zu fördern.

Die aktuelle technologische Entwicklung hat tatsächlich eine Generation übersprungen. Darum ist es so schwer, für die junge Generation eine adäquate Ausbildung in allen Bereichen der Digitalisierung zu entwickeln.

„Die Schnelligkeit und auch die Disruption sind so gigantisch, dass eigentlich jeder Tag Neuland bedeutet.“
Dorothee Bär, deutsche Staatsministerin für Digitalisierung

Dorothee Bär: Wir leben in der Digitalisierung momentan in einem Zeitalter der Exzesse. Das heißt, wir müssen uns die Regeln bzw. einen gesellschaftlichen Konsens neu erarbeiten. Das ist vergleichbar mit den Anfängen der Industrialisierung. Damals gab es noch keine Fünftagewoche, keinen Urlaubsanspruch, Kinderarbeit war an der Tagesordnung. Heute stehen die Kinderrechte im Grundgesetz, es gibt zahlreiche rechtliche Vorgaben zum Arbeitsschutz. Die sind wiederum teilweise so rigide, dass sie mit der Digitalisierung und der damit verbundenen Flexibilisierung heute nicht mehr so recht zusammenpassen.

Dass wir die junge Generation nichts mehr lehren können, teile ich nicht. Wir dürfen in dieser Umbruchszeit kein Gestaltungsvakuum klaffen lassen. Es gibt zum Beispiel viele tolle Initiativen und Ansätze bei der digitalen Bildung. Bei der Umsetzung sind nicht die Lehrerinnen und Lehrer das Hauptproblem, sondern häufig die Eltern. Gerade das Bildungsbürgertum prägt hier die Debatte, digitale Geräte werden verteufelt. Da wird sich damit gebrüstet, dass die Kinder bis zum Alter von 15 Jahren keine Geräte nutzen. Wer nachhakt, erfährt, dass diese Kinder dann häufig an Privatschulen lernen und dort sehr wohl Tablets nutzen, nur zu Hause nicht. Das heißt, diese Kinder kommen in den Genuss von digitaler Bildung und erhalten die besten Voraussetzungen für ihren weiteren Werdegang. Aber wie sieht es mit den Kindern an ganz normalen Schulen aus? Oft wird gesagt: Meine Kinder sollen lieber auf Bäume klettern als in Kisten zu starren. Und genau da liegt das Problem: Unsere Entweder-oder-Mentalität“. Es darf aber kein Entweder-oder geben. Wir brauchen ein Sowohl-als-auch. Digitales und Analoges muss Teil der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen sein.

Inga Griese: Das ist tatsächlich ein wesentlicher Punkt. Wir finden in der öffentlichen Diskussion keinen natürlichen, unverkrampften Zugang zum Thema Digitalisierung. Vieles wird an die Schulen delegiert, weil die Eltern überfordert sind. Die Schulen aber sind dafür nur selten ausgestattet. Über die Realität sollten wir uns keine Illusionen machen: Es gibt Trolle, es gibt Manipulation im Netz und man sollte wissen, worauf man sich mit Alexa und mit einem digital gesteuerten Haushalt einlässt. Ich möchte weg von dieser Naivität und dem Glauben, dass man Entwicklungen rückgängig machen kann. Aber man muss sie steuern. Und dafür muss man eine Richtung kennen.

Dorothee Bär: Als Europäer sollten wir weder das Modell der USA übernehmen, wo wenige Großkonzerne alles beherrschen, noch das Bild des Scoring Modells im Überwachungsstaat China. Ich möchte nicht akzeptieren müssen, dass ich auf Schritt und Tritt überwacht werde.

Welche Instrumente gibt es, die Position von Europa im digitalen Wettbewerb zwischen China und den USA zu stärken?

Anita Tillmann: Vielleicht geht es Europa zu gut, um klar zu sehen, wie entscheidend die aktuellen Entwicklungen für unsere Zukunft sind. Ist ein gewisser Sättigungsgrad erreicht, fehlt die Motivation, etwas zu verändern. Ich sehe darin zwar keine unmittelbare Gefahr, aber es trägt dazu bei, dass alles langsamer passiert und Neues nicht so schnell angenommen wird. Das ist definitiv ein Wettbewerbsnachteil für Europa. Aufgrund der hohen Nachfrage für unsere Konferenz #Fashiontech Berlin sehen wir, wie hoch der Bedarf nach Wissen und Austausch ist. Es gibt bereits viele Erfolgsgeschichten, was mich freut. Ändern wir dadurch die Welt? Wahrscheinlich nicht, aber wir tragen unseren Teil dazu bei.

„Sind wir an einem Punkt, wo wir diesen Fortschritt verpassen, weil alles so reglementiert wird?“
Inga Griese, Senior Editor Style & Fashion der Welt-Gruppe

Inga Griese: Europa hat vielleicht den Vorteil, dass wir aus den Fehlern der Schnelleren lernen können. Wir können aus der Ruhe unserer Betrachtung heraus definieren, welchen Weg wir einschlagen. Allerdings sind wir bislang zu langsam darin, die Erkenntnisse auch umzusetzen.

Dorothee Bär: Ich teile die Meinung, dass wir zu satt sind. Das könnte sich allerdings bald ändern. Wir haben jetzt im Kabinett die Eckdaten für den Haushalt 2020 verabschiedet. Der Gürtel, was unsere finanziellen Mittel angeht, wird spürbar enger. Zugleich sind die Entwicklungen der letzten Jahre rasant. Fragt man die Leute, welche Apps sie zur WM 2006 genutzt haben, wird alles Mögliche aufgezählt: Apps zum Wetter, zum Verkehr oder sonstige. Jedem fällt dazu etwas ein. Die richtige Antwort ist aber: gar keine Apps. Weil das iPhone erst 2007 herauskam. Das zeigt, wie sehr sich in kurzer Zeit fundamentale Lebensgewohnheiten ändern und zur Selbstverständlichkeit werden.

Die Frage muss ich mir merken.

Dorothee Bär: Wir haben aber jetzt die Chance, weiterzuentwickeln, was uns auszeichnet. Im Maschinenbau macht uns weltweit keiner etwas vor, und jetzt geht es im nächsten Schritt um die Vernetzung von Maschinen. Die Amerikaner mögen in der Plattformökonomie führend sein. Wenn wir es aber klug anstellen, haben wir die Chance, die nächste Welle zu reiten.

Sollte man in Europa und speziell in Deutschland nicht ein bisschen stolzer auf die eigenen Skills sein? Ich erlebe in Deutschland und Österreich viel Skepsis und fast so etwas wie eine Unternehmerfeindlichkeit. Wäre es nicht wichtiger, andersherum zu denken: Schaut euch an, was wir alles können und welches Potenzial vorhanden ist?

Anita Tillmann: Was digitale Start-ups betrifft, wird das Unternehmertum schon gefördert und auch positiv gesehen, weil es noch nicht viel auf dem Gebiet gibt. Unternehmertum heißt aber nicht, dass man sich einfach vom Staat sponsern lässt. Ich bin da old school: Mach einen Businessplan und arbeite dafür! Man kann nicht das Maximale ausschöpfen, ohne das Maximale reinzugeben.

Inga Griese: In den USA heißt es, dass man einmal gescheitert sein muss, um ein guter Unternehmer sein zu können. Bei uns ist man stigmatisiert, wenn man mal gescheitert ist.

Man ist auch stigmatisiert, wenn man sehr erfolgreich ist.

Inga Griese: Weil es uns nicht geheuer ist. Wir hätten gern, dass jemand für uns alles organisiert. Beispielsweise scheint der Staat etwas gegen freie Mitarbeiter zu haben, jedoch sind gerade die in der digitalen Welt vonnöten, weil sie schnell verfügbar sind. Mir scheint, dass der Staat vor allem in den letzten Jahren immer mehr Regeln aufstellt, um das zu verhindern. So haben Konzerne große Probleme, freie Mitarbeiter anzustellen, weil die Gefahr der Scheinselbstständigkeit besteht. Der Staat ist mit seinen Regularien noch nicht im Heute angekommen. Man hat vielmehr den Eindruck, dass er sich zunehmend entfernt.

Dorothee Bär: In Deutschland sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gewisser Weise in ein Korsett geschnürt und die Sozialsysteme passen nicht mehr zu den heutigen Erwerbsbiografien, die immer vielfältiger werden. Viele Menschen sind nicht ein Leben lang Angestellte, im öffentlichen Dienst oder selbstständige Unternehmer, sondern immer mehr Menschen wechseln zwischen diesen Kategorien. Wir brauchen dringend Menschen, die interdisziplinär vernetzt denken und anders an Dinge herangehen. Wir sollten solche Wechsel erleichtern und nicht erschweren. In vielen Fällen bin ich für den Abbau von Bürokratie, aber bei dem Thema freie Mitarbeit geht es dem Staat nicht um den Selbstzweck, sondern beispielsweise um Frauen, die von der Altersarmut bedroht sind, wenn es ihnen nicht gelingt, ausreichend für die Rente vorzusorgen. Man muss außerdem eine Lösung finden, damit die Frauen am Ende nicht verlieren, etwa weil sie sich um die Kindererziehung gekümmert haben.

Die Menschen arbeiten heute anders. Mein iPhone ist heute zu 80 Prozent mein Büro. Heute sollten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern mehr Entscheidungsfreiheit geben, wann und wo sie ihre Arbeit erledigen.

Inga Griese: Diese Selbstständigkeit fördert der Staat noch zu wenig. Statt neuer Arbeitsformen gibt es immer strengere Regeln. Sind wir an einem Punkt, wo wir diesen Fortschritt verpassen, weil alles so reglementiert wird?

Wir sind zumindest an dem Punkt, wo die Gefahr besteht.

Inga Griese: Auf der anderen Seite machen immer mehr junge Menschen Druck, die sich gesellschaftspolitisch engagieren und nicht klassisch politisch. Zum Beispiel die jungen Mädchen auf Bali, die ihre Insel von dem vielen Plastikmüll aus dem Meer befreien wollen, oder die Bewegung, die Greta Thunberg ausgelöst hat.

Anita Tillmann: Ich finde es großartig, dass es wieder eine Jugendbewegung gibt, die aktiv eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung sucht.

Dorothee Bär: Interessanterweise finden die Eltern das auch ganz toll. Alle früheren Jugendbewegungen bedeuteten immer eine klare Abgrenzung von der älteren Generation. Heute fahren die Eltern ihre Kinder mit dem SUV zur Klimaschutzdemo und teilen dann Fotos auf Facebook.

„Konsum um jeden Preis wird bereits jetzt in Frage gestellt, ich beobachte eine neue Haltung bei den Jugendlichen.“
Anita Tillmann, Geschäftsführerin Premium Group

Anita Tillmann: Wie schwer es heute ist, sich von den Eltern abzugrenzen, zeigt sich in der Mode. Eltern und Kinder tragen nahezu die gleichen Looks und zwar weltweit. Die Frage ist, wodurch werden sich Jugendliche in Zukunft abgrenzen? Das Thema Konsum um jeden Preis wird bereits jetzt in Frage gestellt, ich beobachte eine neue Haltung bei den Jugendlichen und finde das gut.

Bei aller medialen Instrumentalisierung plädiere ich dafür, diese Bewegung der Jugend ernst zu nehmen. Offenbar erkennen sie, dass sie Teil der Gesellschaft sind, auch wenn sie weniger Bezug zur Politik haben.

Dorothee Bär: Ist das so? Ich bin eher vom Gegenteil überzeugt. Als ich vor 17 Jahren in den Bundestag kam, hatten die Bürger kaum die Chance, einem Politiker nahe zu kommen, auch weil immer in irgendeiner Form ein Vorzimmer zwischengeschaltet war. Heute ist dank sozialer Netzwerke die direkte Kommunikation mit den Politikern möglich. Ich ziehe im übrigen keine Grenze zwischen politisch und gesellschaftspolitisch.

Nicht zuletzt hat die Digitalisierung rasant vorangetrieben, dass Politik, Gesellschaftspolitik und Wirtschaftspolitik viel stärker miteinander verschmelzen.

Anita Tillmann: Stimmt, es ist viel nahbarer geworden. Man erlebt Politik direkter.

Inga Griese: Donald Trump auf Twitter ist das beste Beispiel.

Twitterzitate sind im politischen Journalismus sehr bestimmend geworden.

Dorothee Bär: Heute veröffentlichen Journalisten Screenshots von Insta-Stories, das ist eigentlich unfassbar.

Inga Griese: Wir könnten fünf Stunden über die Rolle der Medien sprechen.

Zumindest fünf Minuten sollten wir das auch tun, weil das ein sehr wichtiger Punkt ist. Die Modebranche ist von der Digitalisierung stark betroffen, was für die Medienbranche einmal mehr gilt. Dort ist die Digitalisierung immer noch totales Neuland. Auch dort muss Omnichannel erst gelernt werden.

Inga Griese: Es ist falsch, zu glauben, dass sich ein seriöser Onlineauftritt allein durch Klickzahlen finanziert. So wird kein Qualitätsjournalismus generiert. Wir Journalisten neigen dazu, anderen zu sagen, wie sie sich benehmen sollen. Aber als wir von der Disruption erfasst wurden, haben wir die Katastrophe selbst mit herbeigeredet, indem wir die Printmedien geschwächt haben, ganz ohne Not. Anstatt mit Bedacht zu reagieren, uns dem Wettbewerb zu stellen und nicht online oder Print zu postulieren, haben wir von der Politik verlangt, uns mit Gesetzen zu schützen. Wir Journalisten sind in dem Thema nicht mutig vorangegangen, deswegen hadere ich bisweilen mit meiner Branche. Was war das für eine Illusion, digitale Inhalte kostenlos anzubieten, was für ein zäher Kampf um Pay-Walls. Journalismus kostet Geld. Ich verstehe auch die Kulturkämpfe nicht, die bis heute stattfinden und die suggerieren, die Printmedienschaffenden seien die Schlauen und die von Digital dagegen nicht. Woher kommt diese Überheblichkeit?

Salongespraech
„Je digitalisierter die Gesellschaft, desto wichtiger auch wieder die persönliche Begegnung“, sagt Anita Tillmann (li.) im Salongespräch in Berlin. Stephan Huber, Chefredakteur style in progress, Dorothee Bär, deutsche Staatsministerin für Digitalisierung, und Inga Griese, Senior Editor Style & Fashion der Welt-Gruppe sehen das wohl genauso.

Vielleicht aus der Atemlosigkeit, die den Journalismus befallen hat, und der damit immanent verbundenen Oberflächlichkeit.

Inga Griese: Ja, es mag daran liegen, dass man jetzt sieben Tage 24 Stunden Futter liefern muss. Es funktioniert kaum mehr, in aller Ruhe auf Basis gesicherter Fakten einen Bericht zu schreiben, weil der Arbeitsaufwand nicht gewürdigt, also vergütet wird. Stattdessen geht es im Netz vorrangig um die Geschwindigkeit der Nachricht und um aufmerksamkeitsheischende Bilder. Mit der Folge, dass eine Umfrage unter Elitestudenten in New York ergeben hat, dass für sie schon die Aneinanderreihung von fünf Sätzen einen vollständigen Artikel ergeben.

Anita Tillmann: Es gibt so viel wirklich guten Content im Netz, aber wie wird erreicht, dass der Leser dranbleibt? Auch mir fällt es schwer, Texte zu Ende zu lesen, wenn ich nicht sofort gefangen bin. Es wird besser, aber trotzdem ist es ein Prozess. Wir leben in einer Prozessgesellschaft, in der wir keine Antworten für alles haben und in der sich alles entwickeln muss. Das Einzige, was nicht passieren wird, ist, dass der Prozess irgendwann abgeschlossen ist. Deshalb sollten alle versuchen, ihn positiv mitzugestalten, anstatt auf ein fertiges Produkt zu warten.

Ich habe gestern gelesen, übrigens online, dass der durchschnittlicher IQ in den westlichen Gesellschaften nach jahrzehntelangem Anstieg seit den frühen 1990er-Jahren wieder abnimmt, was mit Computer-Gaming und in weiterer Folge mit Social Media in Verbindung gebracht wird. Typischer Netzfund oder reale Gefahr?

Dorothee Bär: Ein Einwurf pro Gaming: Chirurgen, die regelmäßig spielen, operieren laut einer US-Studie um ein Drittel besser, weil sie eine bessere Hand-Auge-Koordination haben. Ich arbeite viel mit der Gaming-Industrie zusammen und finde es großartig. Das ist Teil einer modernen Popkultur mit ganz viel kreativem Potenzial.

Anita Tillmann: Auch ich bin ein großer Fan von E-Sports. Um das Jahr 2000 habe ich für den Onlinebusiness-Pionier Pixelpark gearbeitet. Das war für mich die lehrreichste Zeit, weil ich gelernt habe, anders und auch größer zu denken und in Gestaltungsprozesse zu gehen, selbst wenn ein Ergebnis in weiter Ferne liegt. Gerade für unsere Branche eröffnet die Digitalisierung so viele Möglichkeiten! So birgt das Gaming-Business auch für die Modebranche ein Riesenpotenzial, zumal man dort eine ganz neue Zielgruppe erreicht.

Durch die Digitalisierung ändert sich alles, seien es die Produktionsprozesse, die Art der Kommunikation oder die des Konsums. Als optimistischer Mensch sehe ich viele Möglichkeiten für die Wirtschaft und besonders für junge Menschen.

Inga Griese: Zwischenzeitlich war ich kulturpessimistischer, jetzt sehe auch ich viele Entwicklungschancen. Wir erleben mit der aktuellen Regionalisierung, selbst online, eine Gegenbewegung zur Globalisierung, es ist also kein Widerspruch, zu pflegen, wo man herkommt, und dennoch die digitale Welt zu umarmen. Die Sehnsüchte der Menschen sind dieselben geblieben. Deshalb gibt es nicht mehr nur E-Konferenzen, sondern wieder mehr persönliche Treffen, weil es immer noch um das Erleben geht, den persönlichen Kontakt zwischen Menschen.

Human touch eben …

Anita Tillmann: Face to face is powerful, das war und ist meine Überzeugung. Je digitalisierter unsere Gesellschaft wird, desto wichtiger wird auch wieder die persönliche Begegnung. Aber auch das ist für mich letztlich eine fast organische Entwicklung. Wir mussten und müssen das Neuland eben erst einmal kennen lernen und uns orientieren.

Dorothee Bär: Ich stehe dem Ganzen ungemein positiv gegenüber. Jetzt haben wir die Chance, an der Spitze einer Bewegung zu sein und überlegen zu dürfen, welche Standards wir setzen. Und genau das tun wir!

Dorothee Bär: Ich stehe dem Ganzen ungemein positiv gegenüber. Jetzt haben wir die Chance, an der Spitze einer Bewegung zu sein und überlegen zu dürfen, welche Standards wir setzen. Und genau das tun wir!

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