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Ver-Führen

Ulrike Michels

Führung will gelernt sein: Den Herausforderungen der Zeit mit Köpfchen, Mut und Unterstützung begegnen, dazu rufen Coaches und Trainer auf. Ihre Unterstützung hat verschiedene Ansätze: vom praktischen Hands-on-Training bis zur systematischen Begleitung eines Wandlungsprozesses.

Text: Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Fotos: Gesprächspartner

„Man muss viel größer denken“

Andrea Grudda ist Strategin, Speakerin, Autorin und gibt Team- und Leader Coachings in unterschiedlichen Branchen. Sie unterrichtet Trendmanagement an der EMBA in Düsseldorf und hat mit ihren Methoden vielen Unternehmen den Weg in Richtung Zukunft eröffnet.

Interview: Kay Alexander Plonka. Fotos: Andrea Grudda

In Ihren Seminaren geht es darum, Mitarbeiter und Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Ist das etwas, das selbstverständlich und bewusst in einem Unternehmen angegangen wird?

Schön wäre es! Ich erlebe leider immer noch, dass Unternehmer glauben, dass mit einer neuen Software, einem Coaching oder einem Seminar alles erledigt ist. Aktuelle Herausforderungen resultieren aus gesellschaftlichen Veränderungen, die nicht mehr lokal begrenzt, sondern globale Ausmaße annehmen. Man muss viel größer denken als in den letzten Jahren. Auch werden oft Techniken oder Ideen an Teams weitergegeben, die nicht mehr der Zeit entsprechen und kaum mehr Wirksamkeit entfalten. Dann wundern sich alle, dass es nicht richtig funktioniert und die Mitarbeiter die Lust verlieren, Dinge anzuwenden oder sich zu verändern. Oft endet es dann in gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Warum ist es so wichtig, die Methoden immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen?

Einmalige Maßnahmen greifen nicht – findet Andrea Grudda, die als Coach und Trainerin erfolgreich ist.

Das tägliche Nutzen von mobilen Endgeräten verändert die Erwartungshaltung von Menschen an Gespräche und an Reaktionen von Teammitgliedern. Das, was Kunden vor drei Jahren überrascht oder begeistert hätte, wird heute als normal angesehen und einfach vorausgesetzt. Wenn ich also auf der Inhaltsebene nicht liefern kann, dann habe ich ein grundlegendes Problem. Vor allem die Beziehungsebene zum Kunden wird immer wichtiger. Es geht mehr um Humor, Smartness, Empathie, Flexibilität, Geschwindigkeit, Körpersprache usw. Aber es gibt bisher kaum Seminare, die so etwas nachhaltig und glaubhaft authentisch vermitteln.

Was sagen Sie jemandem, der behauptet, seinen Mitarbeitern doch alles schon dreimal erklärt zu haben und dass das ja wohl reichen muss?

Als Führungskraft hat man die Verantwortung. Wenn Mitarbeiter nicht zuhören oder nicht anwenden können, was man ihnen erklärt, dann muss man seine Methode ändern. Ein Fußballtrainer muss sich auch immer wieder neue Ideen einfallen lassen, wie er das nächste Spiel gewinnt. Denn jedes Team und jeder Tag ist anders. Und wir vergessen immer wieder den Spaß bei der Sache. Gemeinsam etwas Wertvolles zu schaffen und Sinn zu stiften, ist nur ein kleiner Teil der täglichen Möglichkeiten. Man muss sich fragen: Ist es das Ziel alles dreimal zu erklären oder sollte man die Ziele erläutern und neue Rahmenbedingungen schaffen?

Meistens stinkt der Fisch ja vom Kopf. Welches sind die größten Herausforderungen bei einem Leader Coaching?

Da sich bereits so viel verändert hat und sich noch ändern wird, sei es die grundlegende Neuorganisation von Betrieben, Stichwörter wie: agiles Arbeiten und agile Organisation, Human Leading oder neue Lernmethoden wie Digitalisierung, E-Learning usw. – muss man weniger in „Wir machen jetzt ein Coaching“ denken, sondern in „Welche Partner begleiten mich bei der Transformation zu einen zukunftsfähiges Unternehmen“.

www.andreagrudda.de

„Was man verlangt, muss man vorleben“

Yvonne Blauen-Ippendorf hatte jahrelange Erfahrung im Modeeinzelhandel hinter sich, ehe sie sich als Trainerin selbstständig machte. Ihre Rolle versteht sie hands-on: Gemeinsam mit Händlern anpacken, um im Kleinen und im Großen zu begeistern.

Text: Martina Müllner-Seybold. Foto: Yvonne Blauen-Ippendorf

Warum lohnt die Investition ins Personal immer?

Weil Personal das Einzige ist, womit sich der stationäre Fachhandel gegen die Onlinekonkurrenz absetzt. Die Kunden wollen und fordern fundierte Beratung. Wenn Sie als Modehändler nicht bereit sind, ins Personal zu investieren, können Sie auch schließen.

Wie wird man ein gutes Vorbild?

Indem man präsent ist. Ein Chef, der nur im Büro sitzt, ist kein Vorbild. Wenn man durchs Haus geht, muss man das, was man verlangt, auch selbst leben: Den respektvollen Umgang, das beginnt oft beim Grüßen. Alles, was ich als Chef kritisiere, muss ich selbst können: Wenn ich die Warenpräsentation kritisiere, muss ich selbst in der Lage sein, sie schöner zu machen. Wenn ich es, ganz salopp formuliert, vorturnen kann, habe ich die Akzeptanz meiner Mitarbeiter.

Niedrige Frequenz, Onlinekonkurrenz, und, und, und. Es gibt so viele Dinge, die dem Modehändler die Laune verderben können. Wie schafft man es trotzdem, positiver Motivator zu sein?

Das Wort Berater hat Yvonne Blauen-Ippendorf ganz schnell aus ihrem Wortschatz gestrichen: „Ich begleite meine Kunden auf ihrem Weg zum erfolgreichen Offlinebusiness, nur dann ist Beratung nachhaltig.“

Auf keinen Fall ziellos agieren, sondern sich hinsetzen und eine Strategie erarbeiten und dabei schonungslos ehrlich sein: Wenn man nicht bereit ist, für den Laden und die Kunden zu kämpfen, ist es vielleicht besser, man sucht nach einer Nachfolge oder schließt. Aber wenn man sich entschließt, zu kämpfen, dann braucht man dafür eine Leitlinie. Sozusagen ein großes, übergeordnetes Ziel, das ich mit meinen Beratungskunden dann in kleine Etappen mit den jeweiligen Teilzielen unterteile. Das ist die Motivation. Weil sie im Alltag sichtbar sind und helfen, Schritt für Schritt die Vision umzusetzen.

Sie sagen, Alleinstellung beginnt in der Order: Schon im Einkauf mutige Entscheidungen zu treffen. Keine Goodwill-Orders beim Lieblingsagenten, kein zähneknirschendes Akzeptieren von zu hohen Minimums, mehr Arbeit in die Gestaltung der Sortimente investieren, 30 Prozent Orderbudget wetterabhängig offen lassen. Wie bestärken Sie Modehändler auf diesem Weg?

Mein Angebot beginnt tatsächlich schon bei der Order, weil ich festgestellt habe, wie groß der Bedarf hier ist. Gemeinsam analysieren wir die Zahlen, werten die Statistiken aus und bereiten so den Kunden viel fundierter auf die Ordergespräche vor. Das Interesse des Lieferanten ist klar, der will möglichst viel verkaufen, und wer unsicher oder unvorbereitet in so ein Gespräch geht, wird ein einfaches Opfer. Wer sich vorbereitet, hat in einer harten Diskussion auch mal den Mut, aufzustehen und zu sagen: „Gut, dann beliefern Sie mich eben nicht.“ Wobei Eskalation natürlich nicht das Ziel ist: Das Ziel ist, gemeinsam mit Lieferanten den Einkauf so zu gestalten, dass auf Standortbedürfnisse eingegangen wird, ein individuelles Sortiment entsteht und das Eingekaufte möglichst erfolgreich abverkauft werden kann.

www.blauen-ippendorf.de

„Gesunde Mitarbeiter leisten mehr“

Mit ihrem Start-up FullFocus trainiert, coacht und berät Ulrike Michels Unternehmen bei der Umsetzung einer gesunden Leistungskultur. Ihr Personalentwicklungsprogramm vereint gesundheitsorientierte Führung mit ergebnisorientierter und inspirierender Führung, um so den einzelnen Mitarbeiter, das Team und die Führungskräfte zu stärken.

Interview: Kay Alexander Plonka. Foto: Maja Ewa Grabowska

Wie macht es sich bemerkbar, dass – wie Sie sagen – Gesundheit ein zunehmender Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb wird?

Studien der Universität St. Gallen weisen nach, dass Unternehmen, die ihren Führungsstil auf Ergebnisse und Inspiration sowie auch auf Gesundheit ausrichten, ihre Leistung deutlich steigern. In der Realität aber haben sich die Fehlzeiten von Beschäftigten aufgrund von psychisch bedingten Erkrankungen in den vergangenen 40 Jahren verfünffacht, so Krankenkassen und Ministerien. Das bedeutet enorme Belastungen für Einzelpersonen, Betriebe, Krankenkassen und die Volkswirtschaft.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Ulrike Michels
Ulrike Michels vermittelt als systemischer Coach, Change Managerin und Trainerin ihre langjährig gereifte Idee einer gesunden Leistungskultur.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin haben errechnet, dass die Produktionsausfallkosten aufgrund psychischer Erkrankungen, die im Jahr 2008 noch bei ca. vier Milliarden Euro lagen, bis 2014 auf 8,3 Milliarden Euro gestiegen sind. Die Berechnungen prognostizieren einen Anstieg der direkten Krankheitskosten bis 2030 auf rund 32 Milliarden Euro.

Um welche Krankheiten geht es dabei?

Vor allem geht es aufgrund deren großer Bedeutung um psychische Belastungen wie Burn-out, Angststörungen und Depression. Ein Hauptauslöser ist meist lang anhaltender Stress, den die Teilnehmer bewältigen lernen. Da Stress auch andere Beschwerden auslösen kann, wie Infekte, Muskel-, Skelett- und Herzkrankheiten, werden unsere Schulungen auch in physiologischen Bereichen positive Effekte erzielen.

Was kann man tun, um vorzubeugen?

Es ist intensiv untersucht, dass Führung und Kommunikation arbeitsbedingten Stress ausgleichen und das psychosoziale Wohlbefinden steigern können. Ebenfalls relevant sind Self-Care, Selbst- und Zeitmanagement, Kooperation und Konfliktlösung. FullFocus kombiniert aktuelle Forschung mit einfachen Handlungsempfehlungen, sodass sich Unternehmenslenker und Beschäftigte gegen Stress, psychische Belastungen, Fehlzeiten und den daraus erfolgenden Kosten rüsten und gleichzeitig die Unternehmensergebnisse nachhaltig sichern können.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Das von mir entwickelte Führungsprogramm basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Leistung, Führung und Gesundheit im Job sowie auf vielen Jahren Praxis in Führung und Kommunikation. Die Trainingsinhalte sind individuell anpassbar und werden meist mit 1:1- oder Team-Coachings kombiniert, um eine nachhaltige Verhaltensänderung sicher zu stellen.

www.fullfocus.de