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Le roi est mort, vive le roi

Le roi est mort, vive le roi

Anzug | style in progress

Ist der klassische Herrenanzug bereits Geschichte – oder bestenfalls geradewegs auf dem Weg dahin? Einst Ab- und Sinnbild der Männermode, wird er nachhaltig von Sports- und Streetwear verdrängt. Mit welcher Konsequenz?

Ein Blick in die Herrenabteilungen der großen Häuser. P&C, Anson’s und Co zeigen ganze Batterien von Anzügen, aneinandergereiht von Grau über Schwarz bis Dunkelblau, ganze Etagen voll mit Herrenkonfektion. Ist das noch zeitgemäß? „Der Anzug stirbt, zumindest der, wie wir ihn heute kennen“, sagt Christian Weber, Inhaber Weber + Weber Sartoria. „Die Baukastensysteme und Stammabteilungen, in denen es rein um Bedarfsdeckung geht, sind nicht mehr zeitgemäß. Oben die Sakkos, unten die Hosen – das verlangt dringend nach Erneuerung.“
Sind also die Tage des Anzugs gezählt? Im Straßenbild kündigt sich die Tendenz schon lange an, ebenso wie im Flieger am Werktagsmorgen. „Der Anzug hat überall enorm viel Terrain eingebüßt“, so Jeroen van Rooijen, Journalist, Inhaber des Stores Cabinet Zürich und erklärter Stilexperte. „Selbst im Büro wird er nur noch von einer Minderheit getragen, weil er längst von der Chino oder der dunklen Jeans zum Sakko verdrängt wurde.“
Dass der Anzug heute nicht mehr zwangsläufig zum Businessalltag gehört und überdies nicht mehr im Zentrum der Männermode steht, bringt ordentlich Bewegung in eine ganze Industrie, was aber längst nicht alle so deutlich zu spüren bekommen. „Für mich ist der Anzug nicht absolut tot, im Gegenteil, wir verzeichnen mit unserer Formalwear immerhin 30 Prozent Wachstum“, sagt Joop Geschäftsführer Thorsten Stiebing. „Aber wer in der Formalwear heute eine Rolle spielen will, muss seine Hausaufgaben machen, was in unserem Fall heißt, dass wir sehr am Detail arbeiten und mit eigenen Werken in Europa vollstufig organisiert sind.“

Unconstructed

Indes vollzieht sich ein massiver Umbruch. Was erstmals mit der New Menswear um die Jahrtausendwende sichtbar wurde, nämlich die Formalwear mit sportiven Elementen aufzubrechen, zeigt den Trend hin zur Sports- und Streetwear und damit hin zu Bequemlichkeit und Tragekomfort. Das ist ein unaufhaltsam fortschreitender Prozess, der sich vielleicht auch mal subtiler vollzieht, aber dennoch in der Konsequenz unumkehrbar ist. „Hat man einmal den Komfort eines Kleidungsstücks erfahren, möchte man ihn nicht mehr missen, das bewegt sich nicht mehr zurück“, weiß Michael Berngruber, CEO Digel. „Infolgedessen wird sich der Anzug wie auch die Formalwear neu erfinden müssen.“ „Da ändert sich unglaublich viel“, sagt auch Head of Design von Drykorn Fred Götz. „Früher ging man einmal im Jahr zum Herrenausstatter, um den Bedarf zu decken. Heute haben wir eine neue Generation, die es gewöhnt ist, völlig anders einzukaufen, und für die es neue Ideen braucht, um die Formalwear für die heutigen Anforderungen weiterzuentwickeln.“
Viel Innovation kommt über die sich rasant weiterentwickelten Materialien, für ein neues Komfortverständnis. Stretch ist längst Standard auch für die Herrenkonfektion, darüber hinaus investiert die Markenseite viel Energie für noch mehr Funktion. Der Anzug, der bügelfrei, traveltauglich, wetter- und wasserfest ist und überhaupt von früh bis spät alles mitmacht, bis hin zum voll funktionalen Anzug, mit dem Traiano CEO Filippo Colnaghi sogar den Montblanc bestiegen hat. Funktion, die sprichwörtlich auf die Spitze getrieben ist.
Auch das Thema Unconstructed wird nicht mehr nur von Playern wie Boglioli, Circolo 1901 und Lardini besetzt. „Ein gutes Sakko hat heute nichts mehr mit der Rüstung von einst gemein, längst ist es nicht mehr mit so viel Polster und viel Plack versehen“, so Thorsten Stiebing. „Es passiert ungemein viel in der Innenausstattung und in den Fittings, immer mit dem Ziel, dass sich das Formelle so selbstverständlich tragen lässt wie ein Pullover.“ Es hat sich bei Anzug und Sakko also schon viel getan. – Das ist aber laut Jeroen van Rooijen überhaupt noch nicht im breiten Markt angekommen. „Ich war neulich als Berater bei einer Schweizer Bank, um zu zeigen, wie Formalwear heute aussehen kann. Das sorgte bei den Mitarbeitern für ein echtes Aha-Erlebnis“, so van Rooijen. „Während für uns in der Modebranche die neuen Entwicklungen schon gang und gäbe sind, ist die neue Formalwear für viele Konsumenten vor allem in den konservativen Branchen wie Finance noch völlig neu. Wenn es uns also scheint, diese Suppe sei schon ausgelöffelt, ist sie in Wirklichkeit noch nicht mal am Kochen.“

Der Trend zur Einzelteiligkeit

Immer mehr geht es selbst in der Formalwear um Individualität, ein Kundenbedarf, dem Marken wie Digel mit deutlich mehr Vielfalt in der Kollektion begegnet. „Wir bieten Warenalternativen, zum Beispiel Jersey statt Wolle oder ein technisches Material für eine Sportswearanmutung“, beschreibt Berngruber. „Darüber hinaus gibt es vier Passformen und Hose, Sakko und Weste sind einzeln verfügbar.“ Bei Joop wird die Tendenz ebenso sichtbar. „Noch mehr als im Anzug wachsen wir bei Sakko plus Hose aus anderem Material, weil unsere Passformsystematik den Konsumenten die Möglichkeit zu switchen gibt“, so Stiebing. Bei Drykorn geht die Individualisierung noch einen Schritt weiter. „Seit zwei Jahren löst bei uns zunehmend der Split Suit den Anzug ab“, sagt Fred Götz. „So kann unser Kunde zwischen der schmalen und der weiteren Bundfaltenhose wählen oder auch Formelles mit Sportivem in neuen Fabrics aufbrechen, das kann die Cropped Pants mit Gummizug zum schmalen Sakko sein oder die Bundfaltenhose zum coolen Blouson. Da, wo dieser Bruch passiert, wird es spannend, denn der Drykorn-Kunde will nun mal nicht so aussehen wie der typische Anzugträger.“

Skandinavische Lässigkeit

Händler wie Søren in Hagen verkaufen erfolgreich Menswear, indem er eben diesen Twist perfektioniert hat. Zum einen mit Sportswear unter anderem von MSGM, Stone Island und Dondup, zum anderen mit Formalwear, die sich zu 60 Prozent aus Kombinationen und zu 40 Prozent aus Anzügen zusammensetzt. „Dass bei uns beides deutlich wächst, liegt daran, dass wir als Skandinavier glaubhaft eine skandinavische Lässigkeit verkörpern, die in keinem Widerspruch zu perfekter Passform steht“, sagt Søren Kloch, geschäftsführender Geselsschafter der Søren Fashion GmbH. „Keiner unserer Kunden soll unser Geschäft mit einem Anzug, der nicht perfekt sitzt, verlassen, das ist unser Grundsatz“, so Kloch. „Denn die Passform bleibt selbst bei aller Auflösung der Dresscodes wichtig.“ Seit Juli stattet Søren Fashion als Kooperationspartner Borussia Dortmund mit dem formellen Outfit für beispielsweise Champions-League-Spiele durch Oscar Jacobson aus. „Ich glaube durchaus an die Zukunft des Anzugs, allerdings nur da, wo das Ausgefallene gezeigt und das Neue mit Emotion herübergebracht wird.“

Stil und Heritage

Immerhin, in bestimmten Bereichen erlebt der Anzug gerade ein nicht bahnbrechendes, aber wahrnehmbares Hoch, aller Demokratisierung zum Trotz. „Man merkt, dass die Jungen wieder richtig Bock auf Anzug haben, sei es zum Abi-Ball oder zur Hochzeit“, sagt Søren Kloch. „In unserem Bereich Ceremony haben wir ein überproportionales Wachstum im zweistelligen Bereich“, bestätigt Berngruber. „Ich kann mir gut vorstellen, dass auch junge Konsumenten wieder Lust auf den Anzug haben, eben weil sie ihn nie als Zwang oder Uniform kennen gelernt haben“, so Jeroen van Rooijen.
Ist der Anzug nach allen handwerklichen Regeln perfekt gemacht, steht er nach wie vor für Stil und Heritage, für Männlichkeit und Sexyness. So präsentieren ihn zumindest glaubwürdig 007-Darsteller Daniel Craig, Wolf of Wallstreet Leonardo DiCaprio wie auch Harvey Specter alias Gabriel Macht in Suits. So oder ähnlich wird der Anzug zum Liebhaberstück werden, immerhin stecken in ihm über 150 Jahre alte handwerkliche Schneiderkunst. So ist der maßgeschneiderte Anzug mit all seinen ausgefeilten Details – und übrigens auch die Krawatte – nach wie vor oder sogar wieder verstärkt ein Mittel zur Distinktion in den Chefetagen der eher konservativen Branchen: um sich von der Masse abzuheben.
Für welche Jobs könnte der Anzug künftig eine Rolle spielen? In der Frage liegt die Crux, zumal sich ja die gesamte Arbeitswelt komplett verändert – und weil die jüngere Zielgruppe nicht mehr in den alten Schubladen wie noch die Generation davor denkt. „An einen gutes Sakko glaube ich weiterhin, aber in 15 Jahren wird keiner mehr im Anzug am Schreibtisch sitzen“, so Christian Weber, „und selbst die letzten Trutzburgen des Anzugtragens – wie Banken – verändern sich.“ Wird der Anzug denn wenigstens Symbol der Macht bleiben? Für Weber ist das lediglich eine Frage der Sehgewohnheit. „Um Macht zu demonstrieren, braucht es heute keinen Anzug, wie es in der Politik Angela Merkel beweist. Steve Jobs hätte das neue iPhone nicht im Anzug präsentiert, genauso wenig wie ich mir Mark Zuckerberg im Anzug vorstelle. Künftig werden sich die Manager immer mehr der Philosphie ihrer Firma entsprechend kleiden müssen, anstatt dass sie sich im oder hinter dem Anzug verstecken.“ Als Massenprodukt und als Uniform mit allgemeiner Gültigkeit über alle Branchen hinweg hat der Anzug ausgedient; so einfach wird es nie mehr sein. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, nicht nur für die Firmen, die verstehen müssen, für welche Kleidung ihre Firma künftig steht. Und eine nicht minder große Herausforderung für die Modeindustrie.

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