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„Es ist ein Impuls, kein Bedarf“

Salongespräch

Liegt irgendwo zwischen dem Modemuffel und dem Fashion Victim die Wahrheit? Im Fall von männlichen Konsumenten mitnichten. Im style in progress Salongespräch war schnell klar: Wer Männer als Kunden abholen will, braucht genau das, was sie auch in Produkten suchen: Inhalt, Werte und Augenhöhe.

 

Ich würde gerne mit dir starten Moritz. Als Initiator der New Heritage in München und Düsseldorf hast du ja viel mit männlichen Konsumenten zu tun. Wie viele Besucher hattet ihr bei der letzten Ausgabe?

Moritz Fuchs, Initiator New Heritage: Bei der letzten Ausgabe waren es 5.000 Besucher, über zwei Tage auf der Praterinsel in München.

Jetzt sagt man ja vielen Männern nach, sie würden sich nicht für Mode interessieren. Sie würden sich vor allem nicht für die Inhalte der Mode interessieren. Und dann kommen an einem Wochenende 5.000 Männer gelaufen und interessieren sich wahnsinnig. Warum?

Moritz Fuchs: Zuallererst muss man sagen, es kommen vor allem primär Männer, das ja. Es kommen aber auch Frauen, das ist uns sehr wichtig, weil wir keine reine Männerlaufschau betreiben wollen. Ich glaube, dass Männer genau wegen der Inhalte kommen. Weil die Produkte, die unsere Aussteller präsentieren, einfach mehr transportieren als nur diese klassische Modenummer. Da stecken Werte drinnen, da steckt Wertigkeit drinnen. Wo sie wissen, wenn sie sich in dieses Stück verlieben, dann ist das nichts, was sie so schnell wieder verlieren – außer sie verlieren es wirklich. Diese Wertigkeit und die Werte sind der Schlüssel. Ganz klar, es gibt die Bewegung, dass Männer vermehrt auf sich achten. Es ist in, männlich zu sein. Das spielt uns natürlich in die Karten.

Oliver Rauh, Stylist, Fotograf und Creative Mind: Ich war auch auf der New Heritage und es ist einfach schön, diese Persönlichkeit hinter den Produkten zu erleben. Ein Asiate, der Tintendruck live macht. Das ist toll, so etwas hautnah zu erleben. Man kauft ein Unikat, ein Lieblingsstück. Das ist selbst für mich, der ich seit einer gefühlten Ewigkeit in dieser Branche bin und sie aus vielen Blickwinkeln kenne, ein Erlebnis.

Herbert, Du bist Storemanager bei Stereo Muc. Was sind aus Deiner Sicht die Anlässe, die einen Mann in den Laden bringen? „Huch, die Saison hat begonnen“ oder „Brrr, kalt, ich brauch was“?

Herbert Volkmann, Storemanager bei Stereo Muc: Bei uns ist es tatsächlich größtenteils ein Impuls von vielerlei Seiten. Das kann der Saisonwechsel sein, klar, auch Männer merken, ich muss früher losgehen, damit ich mir die schönen Stücke der Saison raushole. Und definitiv das Wetter. Da sind Männer meiner Meinung nach noch einfacher beeinflussbar als Frauen. Es ist einen Tag kalt, sie kommen rein flanieren durch den Laden und man sagt: Hey, ganz schön kühl draußen geworden, oder? Und da durch reift ziemlich schnell der Gedanke: „Ah ja, ich habe Lust auf einen neuen Pulli.“ Ich nenne es trotzdem eher Impulskauf und nicht Bedarfskauf. Der klassische Bedarfskäufer kommt bei uns – da kann ich jetzt nur für uns sprechen – fast gar nicht. Die Leute haben Lust auf etwas, etwas Neues, etwas, das nicht überall hängt.

Worauf haben die Kunden Lust?

Herbert Volkmann: Ganz viele Kunden gehen über die Haptik. Sie wollen, was sich jeder Laden wünscht: Die Ware spüren. Das kann online nicht bieten.

Moritz Fuchs: Da darf ich mal kurz einhaken. Ich beobachte, dass die Kunden auch bewusst das Erlebnis suchen. Nicht nur ich geh da hin, nimm mir was ich brauche, sondern ich will da dann auch wirklich bewusst sein und mich da dann auch eine halbe, dreiviertel, Stunde aufhalten.

Herbert Volkmann: Ja, das stimmt. Es ist wirklich eine bewusste Entscheidung. Deswegen wehre ich mich auch so gegen diesen „Bedarf“. Denn, wenn wir uns alle ehrlich sind, brauchen tut von uns keiner was.

Oliver Rauh: Aber das liegt natürlich auch an euch. Das ist ein ganz großes Manko im Handel. Persönliche Beratung. Mein Lieblingsgeschäft gibt’s nicht mehr. Früher habe ich jede Woche eine WhatsApp bekommen: Hier, das ist neu gekommen, da hab ich an dich gedacht. Der Nachfolger hat’s nicht gemacht, jetzt ist der Laden zu.

Herbert Volkmann: Schön, dass du das sagst, denn das ist genau, was wir betreiben: Per E-Mail, per WhatsApp. Viele Freunde fragen mich, wieso hast du so viele Kunden in deinem WhatsApp-Verlauf und man muss doch privat und Geschäft trennen … Aber ich sage: Entweder du machst ein Business mit Herzblut oder eben nicht. Das ist jetzt eine sehr große Aussage, denn ich will nicht unterstellen, dass es andere mit weniger Herzblut machen. Ich finde, dass dieses Herzblut auf unternehmerischen Werten beruht. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie, für mich war das immer selbstverständlich. Natürlich versuchen viele, diese Nähe nachzuahmen, man kann sich ja mittlerweile fast überall einen persönlichen Stylisten buchen …

Oliver Rauh: … oder online sucht dein Stylist dir ein Outfit aus und dann schickst du die Hälfte wieder zurück.

Moritz Fuchs: Ich komme eigentlich aus Nürnberg und da gibt’s einen Laden, den ich sehr gerne mag. Da hab ich eben diese Erlebnisse gemacht. Und daher finde ich auch, ein Verkäufer sollte nicht Verkäufer heißen, sondern zumindest Berater. Besagter Berater in Nürnberg hat auch mal zu mir gesagt: „Hey Moritz, das passt dir nicht. Ich habe heute nichts für dich.“ Da sage ich: „Cool, ich komme wieder.“

Was lässt dich, Ortwin denn losziehen und Klamotten kaufen?

Ortwin Klipp, Fotokünstler: Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich selten bewusst in die Stadt gehe, um mir irgendwas zu kaufen. Man ist oft in der Stadt, wenn man einen Termin hat oder man sich mit Leuten trifft. Und dann ist es tatsächlich einfach ein Impuls, man entdeckt irgendwas und findet es toll, probiert’s und kauft es. Ich bin nicht der typische Saisoneinkäufer, der bewusst sagt, ich brauch jetzt unbedingt was Neues, weil man tatsächlich so wahnsinnig viel hat. Ich bin letztes Jahr umgezogen, da wurde mir erst bewusst, wie viel ich habe. Man sammelt über die Jahre und benutzt dann doch nur seine 20 Lieblingsteile. Aber klar, ich bin jemand, der immer mal wieder gerne auf Entdeckungsreise ist und dann gerne aus einem Impuls heraus etwas Neues entdeckt und kauft.

Und das findest du im stationären Handel? Also diesen Impuls, den befriedigst du im Laden oder auch online …?

Ortwin Klipp: Nein, ich habe ganz selten online eingekauft. Ich kaufe gerne auf Reisen. Wenn ich im Ausland bin, dann bin ich auch irgendwie in einer anderen Stimmung.

Wie ist es bei dir, Philemon. Du studierst Mode in Antwerpen. Ich nehme an, du ziehst mit einer sehr klaren Vision los, wenn du einkaufst?

Philemon Hahlweg, Modedesignstudent in Antwerpen: Ich habe ziemlich genau im Kopf, was ich will. Also ungefähr: Ich will einen grob gestrickten Pullunder, Boxy Schnitt, eher kurz. Dann betreibe ich zunächst online Recherche und schaue, was die Läden haben – aber online kaufe ich selbst nie. Weil es so oft schief geht (alle lachen). Es sieht online toll aus, dann ist die Wirklichkeit ganz anders und dann habe ich nicht den Nerv, dass ich wieder zur Post renne und es zurückschicke, das halte ich nicht aus. Also schaue ich erst, was es gibt, aber dann geh ich in den Laden.

Oliver Rauh: Aber suchst du dann gezielt danach? Weil bei mir ist es oft so, wenn ich etwas gezielt suche, ein blaues Jackett, dann wird es kein Blaues. (Gelächter) Daher ist Impulskauf für mich dann auch immer der erfolgreichere.

Findest du, was du suchst, Philemon … oder hast du dann das Problem der Verfügbarkeit?

Philemon Hahlweg: Ich glaube, ich bin generell nicht irre versteift, sondern wenn ich mir irgendwas wünsche, dann stelle ich mir einen gewissen Shape vor. Das kann dann aber in verschiedenen Sachen kommen. Und wenn ich einen Oversized-Pullover will, dann wird’s vielleicht ein Oversized-Hemd oder auch eine Hose. Der Impulskauf ist bei mir meistens ziemlich ungewollt. Wenn ich was sehe und es gefällt mir gut, dann überlege ich, ob ich das wirklich anprobieren soll. Denn dann kann’s ganz schön schief gehen. Und dann nimmt man’s doch und isst den Rest des Monats nur noch Salat. (Gelächter)

Was macht ein Teil so gut, dass du dafür nur noch Salat isst?

 Philemon Hahlweg: Mir ist es wichtig, dass das Research des Designers sichtbar ist und dass das Teil eine bestimmte Stimmung vermittelt – aber auch, dass die Qualität gut ist, weil ich meine Sachen auch sehr gerne sehr lange trage und ich es schrecklich finde, wenn ich Sachen dreimal wasche und dann nicht mehr anziehen kann.

Oliver Rauh: Deswegen bin ich seit Jahren so ein Trachtenliebhaber, weil da ja wirklich Handwerk und ganz viel Altes drinstecken. Gerade habe ich mir eine Jacke gekauft, die ist 70 Jahre alt und halt immer noch geil. Gerade deswegen geil. Dieser Wunsch, den viele Konsumenten jetzt haben, nach etwas Wertbeständigem, der wird bei vielen Trachtenherstellern ganz automatisch erfüllt. Ich persönlich bin gerade schon wieder so weit, dass ich über Maßanfertigung nachdenke. Denn im Endeffekt ist das gar nicht so teuer. 300 Euro für eine nur für mich gemachte Hose, aus gutem Stoff, hier in München genäht – das ist vergleichbar mit vielem, was da draußen angeboten wird, ein Schnäppchen. Drei Hosen, die nach dreimal Waschen kaputt sind, kosten ja auch Geld.

Das Paradox in der Kommunikation von Mode, insbesondere wenn es um Männer geht, ist ja diese obligatorische Nowness. Die Mode sagt: „Jetzt, jetzt, jetzt.“ Männer, die einkaufen sagen:  „Für immer, für immer, für immer.“ Überspitzt formuliert, aber man leistet sich etwas, von dem man glaubt, lange Freude daran zu haben. Was die meisten Marken aber nie als Verkaufsargument bringen würden. Im Beratungsgespräch, da bin ich mir sicher, argumentiert ihr so und auf eurer Messe kommt das wahrscheinlich auch in jedem zweiten Satz vor.

Moritz Fuchs: Ja, bei uns gibt’s zum Beispiel keine Saisons.

Oliver Rauh: Na, Gott sei Dank (alle lachen).

Dazu noch die Influencer, die dieses Bild vorleben, man bräuchte jeden Tag einen neuen Look.

Oliver Rauh: Wobei es bei den Influencern meistens ja auch eine Uniform gibt. Das finde ich ganz lustig. Ich fand ja mich vor 30 Jahren verrückter mit falschrum getragenen Hosen als heute Influencer mit zerrissenen Jeans und weißem T-Shirt, was ja der Standard-Look ist.

Moritz Fuchs: Das sind nur vermeintliche Individualisten.

Oliver Rauh: Ja, das ist ganz lustig. Komplett konträr zu dem, was sie eigentlich vermitteln wollen.

Ja, ja, absolut. Aber das geht der ganzen Branche so. Die ganze Modebranche glaubt sich individuell und braucht aber die Uniformität einer Masse – zumindest für die aktuellen Produktionsprozesse und -standards.

Oliver Rauh: Ich finde es ganz schwierig in den größeren Formaten und Kaufhäusern, egal wo man hinkommt. Eigentlich haben viele das gleiche Sortiment. Deswegen ist dann auch das Erlebnis überall das gleiche.

Du siehst ja viele Kollektionen auf Messen oder in Showrooms, bevor sie von einem Einkäufer ausgesucht wurden. Dann siehst du sie im Laden wieder. Wie viel geht auf diesem Weg verloren?

Oliver Rauh: Bei den spitzen Kollektionen gehen bestimmt 80 Prozent verloren. Aber man muss einfach sehen, der Mann draußen, der will seinen V-Pulli, der will ein Hemd, auch wenn der Look natürlich anders wird. Früher musste ein Geschäftsführer auch in der Mode, zum Beispiel Markus Höhn von Lodenfrey, Krawatte tragen. Heute siehst du ihn eigentlich nur noch lässig mit Hemd und Jackett. Vielleicht auch mal mit einer Chino. Das Bild hat sich deutlich geändert.

Herbert Volkmann: Das ist ja das Tolle, dass man eigentlich für nichts mehr schief angeschaut wird. Selbst wenn du als Punk rumläufst. Es hat alles seine Daseinsberechtigung. Ob die Traditionalisten oder die Holzfäller, das kann alles parallel laufen. Und alles kommt wieder.

Oliver Rauh: Ich habe ja schon alles mal erlebt. Das wird teilweise ziemlich langweilig. Wenn ich von der Modewoche zurückkomme, frage ich mich manchmal, ja, was war denn jetzt eigentlich neu? Neu sind eigentlich nur noch die Texturen. Also mir fehlt eigentlich einmal wieder so ein Jahrzehntetrend. Das macht es, glaube ich, auch so schwer im Handel, wenn alles wieder kommt. Ich habe auch Dinge, die habe ich vor 20 Jahren schon getragen, jetzt hole ich sie wieder raus.

Herbert Volkmann: Für diese Revivals und diese Jahrzehntetrends sind Männer ja auch sehr anfällig. Ob Champion-Pulli, Vans oder Converse, oder eben auch Kord diese Saison, da freuen sie sich drüber, wenn sie die wieder kaufen können. Aber eben die Schnitte sind dem Puls der jetzt Zeit angepasst. Also die Kombination aus etwas Bekannten und etwas Neuem.

Spielen Trends für euch eine Rolle?

Herbert Volkmann: Man sollte versuchen, sich außerhalb der Vorgaben des Trends zu bewegen. Vorher hat es jemand gesagt: Lieblingsstücke. Das ist für uns ein Ansatz. Viele unserer Stammkunden kommen, weil sie Lieblingsstücke finden wollen. Die bewegen sich überhaupt nicht nach einem Trendschema. Freilich kann man in der Beratung anmerken, dass Rollis jetzt ein Trend sind, aber darum kauft der Kunde nicht. Sondern weil sie das Rippmuster schön finden, das Material oder weil er so dünn und leicht ist und die Merino-Ware perfekt ist, um sie unter dem Sakko zu tragen. Vielleicht beeinflussen die Trends unterbewusst, weil man es eben öfters gesehen hat.

Moritz Fuchs: Ich glaube, dass viele Männer, die ihren Stil gefunden haben, nicht so trendaffin wie Frauen sind. Wir finden zum Beispiel für Männerkollektionen und Produkte viel einfacher Aussteller, die in unsere Vorstellung passen. Weil – ich sag mal – Jeans eigentlich fast immer getragen werden. Weißes Hemd geht irgendwie auch immer. Das sind Klassiker und da kann ein Hersteller dann auch in die Qualität gehen. Weil bei den Frauen die Modezyklen so schnell drehen, wird oft nicht so stark auf die Qualität geachtet. Von Herstellerseite genauso wie von den Konsumentinnen – weil es die Langlebigkeit einfach nicht braucht, wenn ich ein Teil nur eine Saison tragen will.

Oliver Rauh: Das hat natürlich auch mit unserer Jetzt-Zeit zu tun. Mit Instagram und so weiter. Am liebsten sollte man ja jeden Tag was Neues haben. Wenn der Influencer den Pulli mal zwei Wochen lang jeden Tag anders getragen zeigen würde, das wäre ja mal eine Challenge. Dann sind wir auch wieder bei der Wertigkeit. Aber bei der jungen Generation fehlt diese Wertigkeit oft. Da geht es um Selbstdarstellung, um jeden Tag was Neues. Das kann man sich aber nur leisten, wenn man billig kauft.

Philemon Hahlweg: Ich muss sagen, mir ist Qualität wichtig, auch wenn ich genau weiß, ich trag’s nicht für immer. Dann kommt’s in den Schrank und vielleicht packe ich es in drei Jahren wieder aus. Vor zig Jahren haben mir meine Eltern einen Anzug gekauft. Den habe ich jetzt dieses Jahr wieder gefunden und den ganzen Sommer getragen – jetzt ist er kaputt. (Gelächter) Aber deswegen will ich die Qualität. Ich will es behalten können und nochmal auspacken. Aber ich brauche die Qualität nicht, weil ich meine, ach, das weiße Hemd trage ich jetzt bis nächstes Jahr. Das ist ja das besondere Talent der Mode, dass sie eigentlich nichts großartig verändert und dann trotzdem so vielen Leuten klar macht, dass sie’s brauchen, brauchen und brauchen …

Das ist was sehr Wahres, ja! Es verändert sich nicht besonders viel, aber trotzdem haben wir das Gefühl, etwas zu brauchen.

Ortwin Klipp: Ja, wir haben nun mal zwei Hände und zwei Füße, natürlich kann man da unglaublich viel variieren, aber letztendlich sind wir dann doch wieder limitiert in der Freiheit.

Ja, und es gibt ja auch gewisse Gesetzmäßigkeiten, die sich von keinem Trend aushebeln lassen. Ein dunkelblaues Sakko kleidet einen Mann nun mal besser als ein senfgelbes …

Oliver Rauh: In unseren Breitengraden, ja. Ich sagte mal zu einem Verkäufer: „Stell dir vor, ich habe diesen Pulli in dieser Farbe zu einem Date an. Das geht garantiert schief!“ Da mussten wir beide lachen. Farbe ist auch Emotion. Da bin ich durch die harte Schule gegangen: Einer meiner ersten Jobs in der Branche war damals mit Edda Küffner zusammen ‚Colour me Beautiful‘ in Deutschland zu etablieren. Das war ein Riesentrend in den 1980ern aus Amerika, aber es prägt mich bis heute.

Ortwin, du bist schon aus Berufsgründen ein Ästhet. Wie wichtig sind dir Farben und wovon fühlst du dich inspiriert?

Ortwin Klipp: Von der Natur. Wasser ist ein Thema, das meine Fotografien prägt. Das reflektiere ich sicher auch in meiner Kleiderwahl. Was ich gerne wissen würde: Wie wichtig ist der Mode eigentlich das Thema Natur und deren Schutz? Für mich als Konsument ist das nämlich schon ein Thema.

Ein riesiges Thema und ich danke dir, dass du es aufbringst. Um es kurz zu fassen: Es gibt viel ernsthafte Bemühungen, aber natürlich auch viel Greenwashing. Die Modeindustrie ist gleich nach der Ölindustrie die schmutzigste der Welt und das wird sich auch erst ändern, wenn wir begreifen, dass man T-Shirts nicht nach dreimal Anziehen wegwirft.

 Herbert Volkmann: Ich merke auch, dass unseren Kunden die Nachhaltigkeit immer wichtiger wird, wobei es ein Thema ist, wo ein kritischer Geist immer noch etwas finden kann. Da ist zum Beispiel der ganze Pulli organic und fair und alles und dann ist das Etikett aus Polyester. Wo beginnt man, wo hört man auf? Mein Ansatz ist, dass ich versuche, unsere Kunden für Produkte aus kleineren und Familienbetrieben zu sensibilisieren. Sprich öknonomische Nachhaltigkeit. Wo ich weiß, die halten sich an gewisse Dinge. Ein Sneaker, der in Italien in einem Familienbetrieb gefertigt wurde, aus italienischem Leder, nicht irgendwo in Fernost, das finde ich persönlich besser, mit diesem Nachhaltigkeitsaspekt zu arbeiten, da sich die meisten Kunden so auch leichter in eine gewisse Form des Wirtschaftskreislaufs hineinversetzen können. Außerdem vermittelt man einen Sympathiewert, der auch emotionale Nachhaltigkeit auslöst – die meisten Kunden finden solche Unternehmen einfach sympathischer als globale Multis mit Millionenmarketingbudget.

Moritz Fuchs: Regionalität ist auch bei uns auf der New Heritage ein Riesenthema. Die Leute freuen sich einfach, wenn sie Betriebe unterstützen können, die trotz der hohen Löhne hier produzieren. Wir machen auf der New Heritage auch Workshops und im Scherz habe ich mal gesagt, die sollten wir eigentlich verpflichtend machen. Wer mal eine Stunde lang händisch gearbeitet hat, um ein Portemonnaie zu personalisieren, der beginnt nachzudenken. Wenn ein so kleines Teil schon eine Stunde lang braucht, dann sind die 400 Euro von einem Schuh plötzlich nachvollziehbar. Und denkt man noch weiter, weiß man auch, dass an einem Schuh für 19,99 Euro was falsch sein muss.

Ihr Männer seid die Hoffnung – eben weil ihr schon grundsätzlich reflektierter konsumiert … Hach, eine schöne Pauschalierung…

Philemon Hahlweg: Ich glaube, es muss auch wieder an Wert gewinnen, sich etwas leisten zu wollen. Wenn ich mich in ein Teil verliebe, dann nehme ich dafür auch in Kauf, dass ich bei anderen Dingen kürzer trete.

Dann isst Du nur noch Salat …

Philemon Hahlweg: Ja, gerne. Wenn es ein Teil Wert ist. Wenn darin wirklich Wert steckt und nicht nur Branding.

Ortwin Klipp: Aber das zu unterscheiden, ist doch sehr schwer oder? Man hört ja immer wieder, wie billig die Marken produzieren lassen und dann hier teuer verkaufen.

Herbert Volkmann: Diese Skepsis kennen wir auch bei Kunden. Daher finde ich es wichtig, Marken zu führen, wo man Preis und Leistung in eine gesunde Relation bringen kann. Wo der Kunde fühlt, dass das Teil das wert ist – und nicht der Logoprint vorne drauf den Preis ausmacht.

Vor allem aber: Den wirklichen Preis, also den ohne Rotstift. Ich glaube viele Konsumenten haben tatsächlich den Eindruck, dass sie erst im Sale den gerechtfertigten Preis bezahlen.

Herbert Volkmann: Unsere Erfahrung ist: Der Sale-Kunde und der reguläre Kunde haben kaum Schnittmenge. Wir müssen uns im Sale auch richtig anstrengen, die Sachen zu verkaufen. Es ist nicht so, dass sie wegen des roten Preises alle schnell verkauft sind. Zum Glück haben wir sehr wenig Fehlkäufe, weil wir schon im Einkauf auf eine sehr ausgewogene und clevere Planung setzen und unsere Geschäftsführer viel auf unsere Meinung geben. Da bin ich sehr froh darüber.

Oliver Rauh: Sale turnt ja auch nicht mehr an, mich zumindest nicht. Es ist ja dauernd irgendwo Sale, dazu noch online. Nur mit dem roten Preis lockt man sicher niemanden mehr in den Laden.

Philemon Hahlweg: Da hat man Glück, wenn man wie ich einen sehr ausgefallenen Geschmack hat. Was ich mir regulär nicht leisten konnte, landet oft im Sale, da freue ich mich natürlich. Aber ich würde mir nie etwas kaufen, was ich nicht brauche, nur weil es günstiger ist.

Die Casualisierung dominiert die Männermode seit Jahren, alles Formelle geht zurück.

Ortwin Klipp: Man muss nur in diese Runde schauen. Alles eher leger, ich trage auch lieber eine bequeme Hose und Sneaker.

Herbert Volkmann: Der Anzug geht stark zurück, ja – aber natürlich gibt es noch die Männer, die nicht in der Jogginghose ins Büro können. Aber auch die suchen heute etwas Besonderes.

Philemon Hahlweg: In der High Fashion habe ich schon den Eindruck, dass das Onepiece wieder stärker zurückkommt; also beim Mann ein Anzug, einfach eine größere einheitliche Fläche statt dieser Einzelteiligkeit, die wir jetzt lange hatten. Aber gleichzeitig verschwindet der Anzug im normalen Leben.

Herbert Volkmann: Ich trage zum Beispiel gerne Smoking bei Anlässen, im Theater oder auf Hochzeiten. Und dann auch richtig, mit selbst gebundener Fliege und allem. Aber da wird man manchmal schon ganz schön schräg angeschaut dafür. Im Theater ist man definitiv overdressed im Smoking.