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„KI wird alles verändern“

Vahe Taamazyan ist Experte für künstliche Intelligenz und Machine Learning. 2015 hat er mit zwei Partnern Sizolution gegründet. Das AI-Start-up bietet neuartige Omnichannel-Lösungen für die exakte individuelle Bestimmung von Größe und Passform sowie die Personalisierung der Kundenansprache. In Russland und den CIS-Staaten arbeitet Sizolution erfolgreich mit Partnern wie KupiVip, Decathlon oder Bask zusammen. 2019 starten Partnerschaften mit namhaften Kunden in Deutschland und der EU. Neuer Sitz des Unternehmens wird Berlin.

Künstliche Intelligenz und Machine Learning werden die disruptivste Innovation sein, die wir erleben. In welchem Ausmaß glaubst du, dass sie unseren Zugang zu Mode verändern?

Einerseits sind KI und Machine Learning eigentlich nur der nächste logische Schritt in einem langen Prozess der Automatisierung, der schon seit einigen Jahrhunderten im Gange ist. Andererseits ist es natürlich umwälzend und betrifft alle Industrien, denn es standardisiert die gesamte Automatisierung. Man muss nur genug relevante Daten sammeln, den richtigen Algorithmus ableiten, die KI trainieren. KI basiert auf Daten, nicht auf vorprogrammierten Algorithmen, das ist der alles entscheidende Unterschied. Und dieser Unterschied macht es möglich, dass wir nun auch Dinge automatisieren können, die für Menschen zu kompliziert sind – wie die Entscheidungsfindung auf Basis von enormen Datenmengen. Als Technologie ist KI nur ein Enabler für bessere Automatisierung und neue Anwendungen davon, aber sie lässt Businessmodelle zu, die vorher nicht möglich waren. Das wird die Modebranche genauso verändern, wie es jede andere Industrie verändert. Am Ende wird KI alles verändern.

Was wird sich für den Konsumenten verbessern?

Es gibt so viele Vorteile, dass es schwer ist, einen herauszustellen. Ich vergleiche es gerne mit vor 40 Jahren, als Computer für den Konsumenten kamen. Die Produkte werden durch KI besser werden, der Service wird personalisierter – ganz vereinfacht könnte man sagen, dass der Konsument zufriedener sein wird, weil seinen Bedürfnissen besser entsprochen wird. Unsere Firma Sizolution löst zum Beispiel das schmerzhafteste Problem des E-Commerce – Größe und Passform – und die daraus resultierenden Retouren, weil etwas nicht passt. Solche Problemstellungen kann man nur mit riesigen Datenmengen und sehr gut trainierten selbstlernenden Algorithmen lösen. Mehr noch, KI hilft auch den Menschen, dieses Tool anzuwenden, weil sie uns möglich macht, die Körpermaße eines Menschen anhand seiner Größe, seines Gewichts und einem Körperfoto zu bestimmen. Der Nutzen für den Konsumenten liegt auf der Hand: mehr Sicherheit bei der Bestellung und weniger Stress mit Retouren.

 Kannst du einen Nutzen für Unternehmen benennen – ich weiß, das ist ein genauso riesiges Feld …

Das Wichtigste für jede Firma ist, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen. Dafür braucht man Daten und muss sie richtig verarbeiten können. Das ist ganz schön kompliziert, besonders wenn es alle Levels in großen Unternehmen betrifft. Da kann KI helfen: Mit KI kann man auf allen Ebenen bessere Entscheidungen treffen: Das beginnt bei besseren Größen- und Passformangaben und geht bis zur Individualisierung des Angebots für bestimmte Regionen oder Kunden. Wenn man den Kunden besser kennt, kann man in Folge die ganze Lieferkette optimieren. Weil man weiß, wer die Kunden sind, was ihnen gefällt und wie sich das im Laufe der Zeit verändert. All das führt zu besseren Erträgen und geringeren Kosten.

Wie verbessert KI die Customer Journey?

Einer der stärksten Trends der letzten Jahre ist die Individualisierung der Customer Experience. Das ist etwas, was sowohl dem Kunden als auch dem Händler oder der Marke hilft. Kunden werden viel weniger Zeit mit der Suche nach dem Begehrten oder Passenden verbringen.  Das wird die Zufriedenheit steigern, es wird schlicht mehr Spaß machen. Jeder von uns ist einzigartig, hat individuelle Maße und einen eigenen Geschmack. Ohne KI konnten Händler diesen nicht kennen – und genau das wird jetzt möglich. Dass die Produkte, die dem Kunden am besten passen, immer als erstes angezeigt, werden ist eine Anwendung von KI, die wir von Sizolution entwickelt haben.

Welchen menschlichen Faktor in der Mode kann KI nicht ersetzen? Manche würden jetzt die Kreativität anführen, aber da gibt es ja auch schon das Amazon-Beispiel des KI-Modedesigners …

Viel in der Mode ist mit Emotionen, Kontext und der Story hinter einem Produkt verbunden. Das ist etwas, was man bisher nur schwer ersetzen kann. Es heißt nicht, dass KI das nicht auch eines Tages kann, es heißt nur, dass es noch ein gewisses Zeitfenster geben wird, in dem weiterhin von Menschen designte Produkte ihren Marktanteil haben. KI kann jetzt schon helfen, diese Designs zu evaluieren, sie auf die richtigen Größen zu übersetzen oder sie fotorealistisch auf ein Model rendern. Warten wir doch einfach noch 100 Jahre – dann wissen wir, welche Betätigungsfelder für den Menschen übriggeblieben sind.

Wie kann KI helfen, die größten Probleme der Modeindustrie zu lösen – also zum Beispiel Überproduktion, Überhänge, falsche Einkaufsentscheidung im Groß- und Einzelhandel …

All diese Probleme liegen ja darin begründet, dass heute die Entscheidungen eben noch nicht auf den großen Datenmengen, die es dazu gäbe, fußen. Es gibt zum Beispiel eine Menge Start-ups, die Händlern helfen, ihr Lager besser zu managen. Oder nehmen wir einen der größten E-Commerce-Player und für mich einen Vorreiter in Personalisierung, Stitch Fix: Die haben Algorithmen entwickelt, die ihnen vorherzusagen helfen, wie viel von welchem Produkt sie in welchem ihrer verschiedenen Lager vorhalten sollen. Außerdem haben sie Algorithmen, die ständig ihr Sortiment analysieren und vorhersagen, welche Produkte fehlen werden – zum Beispiel der blaue Cardigan in einer bestimmten Größe. Das verbessert den Einkaufsprozess signifikant.