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Ist die Mode weiblich?

Julia Menthel und Rike Döpp

Ist die Mode weiblich?

In erster Linie wird die Modewelt weiblich assoziiert. Sie lebt nicht unwesentlich von Frauen, die fashionaffin und bereit sind, in Mode zu investieren. Wie feminin sind die Kollektionen heute, wie viel Weiblichkeit darf es sein? Womöglich repräsentieren die aktuellen, oft vermeintlich männlicheren Looks für Frauen eine neue, emanzipiertere Weiblichkeit oder gar einen neuen Feminismus? Und wie sieht es eigentlich mit unserer Branche aus: Ist das Modebusiness weiblich? Gibt es heute genug Frauen in verantwortlichen Positionen – oder sind es immer noch zu wenige? Weibliche Branchenprofis geben spannende Antworten.

Wow-Frau

Martina Philipp, Inhaberin Max Laurenz, Wien
„Nein, die Mode ist zurzeit nicht weiblich, das kommt meinem Geschmack zugute! Es muss ja nicht immer oversized sein, aber das zunehmend Sportive entspricht dem Zeitgeist und ist für mich ein Fortschritt.
Ich denke, die Wahrheit liegt wie bei allem in der Mitte. Eine Frau kann zurzeit alles tragen, wozu sie Lust hat, feminin, sexy, overdressed, oversized und sportlich… Und das Gute daran ist, dass man alles mixen kann. Beherrscht man das, kommt etwas Cooles dabei heraus, nämlich eine Wow-Frau.
Mein Vorteil als Händlerin besteht darin, dass viele Frauen mit den vielen Möglichkeiten überfordert sind und sich gern auf mich verlassen. Da punktet zu hundert Prozent die gute Beratung. Mein Tipp: zu jedem Anlass das Passende herauszusuchen und möglichst keinen Allover Look kreieren. Man sollte Fashion nicht zu eng sehen, es soll Spaß machen. Man soll sich wohlfühlen mit dem Look, den man trägt. Ich persönlich wähle mein Outfit mehr nach Stimmung und weniger nach Anlass. Für mich gilt: Lieber etwas weglassen als noch eins drauflegen, nach der Devise Less is more. Da in meinem Geschäft die meisten meiner Kundinnen über 40 sind, steht bei mir die Lässigkeit im Vordergrund. Zu ‚tatü‘ in unserem Alter lässt uns älter ausschauen, als wir wollen. Mir ist außerdem eine Gesamterscheinung wichtig, da gehört neben der Kleidung die Körpersprache, Gepflegtheit und eine positive Ausstrahlung mit dazu.“

Es geht um uns!

Andrea Frauenschuh, Geschäftsführerin Frauenschuh, Kitzbühel
„Wir leben in einer Zeit des totalen Umbruchs. Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Österreich wählen. Die Emanzipation ist im Vormarsch, aber wenn man genau hinsieht, ist der Prozess noch in vollem Gange. Immer noch werden Frauen in allen Bereichen schlechter bezahlt. Im Schnitt sind es in Österreich und Deutschland mindestens 25 Prozent. Und immer noch finden sich weniger Frauen in führenden Positionen, weder in Unternehmen noch in der Politik. Dazu kommt der neue Rechtsruck, die konservative Strömung in den Regierungen ist hier zu spüren. Es ist zwar sehr löblich, dass manche Designer versuchen, die Frauen zu schützen, aber ist dieser Pop-Feminismus nicht wieder nur ein weiteres Accessoire, das man haben muss, und schießt am Ziel vorbei?
Ich versuche, den Feminismus auf meine Art zu leben. Als Einkäuferin in der Firma stelle ich mir meine Kundin vor: eine anspruchsvolle, erfolgreiche Frau, die im Arbeitsleben steht und Familie, Beruf und den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden versucht. Mein Sortiment soll die Frau spiegeln, wie sie im Leben steht, ohne in provokante oder sexistische Klischees zu verfallen. Aber das Selbstverständnis in der Mode ist noch nicht da. Für die Frauen heute ist es noch schwierig genug, Kinder zu haben und zu arbeiten, die Wünsche von uns selbst und die Vorstellungen der Gesellschaft zu erfüllen. Dazu kommt, dass wir Frauen uns nicht solidarisch verhalten. Frauen mit mehr Persönlichkeit werden speziell von den Frauen beneidet und abfällig besprochen. Ich vermisse den Teamgeist der großen, gemeinsamen Sache. Mut zur Mode, Mut zur eigenen Persönlichkeit. Es geht doch um uns, meine Damen!“

Gefühl, Chaos, Überraschung

Ela Reck, Inhaberin Tuxedo, Düsseldorf
„Ob die Mode weiblich ist? Ich finde die Frage komisch und komme immer wieder auf die gleiche Antwort. Mode kann alles sein: Veränderung, Gefühl, Chaos, Überraschung, immer wieder neu. Egal, ob Mode von Frauen für Frauen gemacht wird oder von Männern, ob hetero oder homosexuell. Womöglich kann ein homosexueller Mann die Frau sogar viel besser verstehen, weil er sie anders sieht und betrachtet? Nehmen wir als Beispiel Georgio Armani oder auch Karl Lagerfeld für Chanel, ich bekomme geradezu eine Gänsehaut, wenn ich die Shows sehe, mit wie viel Phantasie und Kreativität er das Überthema immer wieder neu interpretiert! Oder, um eine weibliche Designerin zu nennen, Sophie D’Hoore, eine zarte, zerbrechlich wirkende Frau, die so starke Mode macht: clean, fast architektonisch, für eine moderne und selbstbewusste Frau. Ich möchte auch gar nicht festlegen, ob die Mode aktuell eine besonders männliche oder weibliche Phase hat. Vermeintlich männliche Looks nehmen einer Frau ja nicht zwangsläufig die Weiblichkeit, denn selbst im Smoking kann sie wahnsinnig weiblich aussehen.“

Die neue Weiblichkeit

Sandra Denkena, Inhaberin Du Nord, Oldenburg
„Für mich ist unsere Kundin eine starke Frau, die selbst entscheidet, wie sie sich kleidet. Sie macht es für sich, nicht für andere. Ich finde es weiblich, weil es stark ist. Für mich ist die Persönlichkeit viel wichtiger als das Weibliche.
Nach meinem Empfinden ist eine Frau auch modischer und zeitgemäßer, wenn sie sich nicht zu weiblich anzieht, zumal das sehr Feminine oft nicht zur Realität im Alltag passt. Ich selbst habe drei Kinder und führe drei Geschäfte, bin immer unterwegs und muss mich in meinen Sachen bewegen können. Ich würde mich sehr unwohl fühlen, wenn ich mich im kleinen Kleidchen und High Heels aufs Rad schwingen würde.
Frauen sollten Mut zur Individualität haben und unsere größte Herausforderung ist, sie in unserem Geschäft ganz nach ihrer Persönlichkeit zu kleiden. Am meisten Spaß macht uns das bei selbstbewussten, selbst entscheidenden Frauen, von denen ich mir noch viel mehr wünschen würde. Diese Frauen verkörpern für mich die neue Weiblichkeit.“

Komfort und Sportivität

Ingrid Strassburger, Inhaberin Strassburger Stuttgart
„Ich finde, dass die Mode heute weiblich sein kann, es aber durchaus nicht sein muss. Frauen entscheiden heute sehr individuell, ob sie Sweatshirts zur Jeans anziehen oder lieber ein tolles Kleid. Die Kundinnen meines Geschäfts ziehen sich eher weiblich an, aber vereinzelt tragen sie gern die Seidenbluse zur Sweatpants oder kaufen einen Hoodie zum Beispiel von der Marke Roqa – wobei ich glaube, dass sie den doch noch lieber zum Sport tragen. Aber generell sind Komfort und Sportivität auf dem Vormarsch, was sich auch bei Strassburger im Mix von Sportivem mit Femininem zeigt. Noch vor zehn oder 15 Jahren war die Mode weiblicher, mit mehr Kleidern und Röcken, und eine Frau mittleren Alters in Sportkleidung war noch ungewöhnlich. Heute ist das ebenso selbstverständlich wie das Tragen von Sneakern geworden.“

Hinter den Kulissen

Julia Menthel und Rike Döpp, Partner & CEOs Agency V
„Starke Frauen haben ihren festen Platz in der Modegeschichte. Das reicht von Vionnet bis Chanel. Aber, wo Geld verdient wird, ziehen Männer die Strippen. Egal, ob bei mittelständischen Denim- und Sportswearanbietern oder großen multinationalen Konzern wie LVMH und Kering – an der Spitze steht ein Mann. Schaut man jedoch hinter die Kulissen, findet man deutlich mehr weibliche Power. Die Headhunterin Floriane de Saint Pierre ist eine Institution, wenn es um die Besetzung der begehrtesten Kreativjobs in der Branche geht. Karla Otto, die eine der weltweit größten multinationalen PR-Firmen führt, ist obendrein noch eine Deutsche. Feingefühl ist anscheinend immer noch eine weibliche Domäne. Wenn es jedoch um Börsennotierung oder Sportbekleidung geht, sieht man erst einmal Herren in dunklen Anzügen. Das ändert sich nun langsam. Wir fragen uns jedoch, ob man als Frau wirklich unbedingt seine Zeit bei Textilherstellern im Gewerbegebiet verbringen will oder ob man nicht doch lieber mit Karla die nächste Viktor & Rolf Show organisieren möchte?“

Wichtige Kehrtwende

Vreni Frost, Founder und Editor in Chief, neverever.me und techandthecity.de
„Betrachten wir die Kaufkraft der weiblichen Zielgruppe, dann ist die Mode sicherlich weiblich. Frauen treffen bei Weitem mehr Kaufentscheidungen als Männer. Der Markt hat das längst erkannt und reagiert dementsprechend mit Werbestrategien – selbst wenn diese leider noch zu oft erbärmlich klischeebehaftet sind.
Betrachten wir jedoch die Konzerne im Inneren, so sind es dann doch noch weitestgehend Männer, die bestimmen, was Frau konsumieren wird. Durch Bewegungen wie #MeToo oder #ihaveembraced findet aber auch hier bereits ein langfristiges Umdenken statt. Immer mehr Frauen haben es satt, sich in Schubladen oder – in diesem Falle – enge Korsagen stecken zu lassen und treten selbstbewusst für mehr Toleranz in der Mode ein. Der Trend geht hin zu mehr Individualismus und Selbstwahrnehmung, weg vom Kardashianschen Einheits-Beauty-Brei. Auch die vielen Unisexkollektionen, die sowohl von Premiummarken, als auch Fast-Fashion-Labels umgesetzt werden, lassen eine Trendwende erkennen. Eine für mich begrüßenswerte und wichtige Kehrtwende.“

Spannende Mischung

Tanja Gündling, Head of Retail & Deputy Head of Global Consumer Products, Red Bull und Alpha Tauri
„Die Modebranche ist im Vergleich zu anderen Sektoren weiblicher, jedoch nicht per se weiblich. Bei uns im Team von Alpha Tauri ist gerade dieser Mix aus weiblichen und männlichen Führungskräften sowie Produktmanagern einer der Erfolgsgaranten.
Vor allem der Austausch über manchmal unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen ist essenziell für das finale Produkt. Unser In-house-Design-Team kreiert hochwertige und innovative Kollektionen für Frauen UND Männer und arbeitet dabei zusammen mit renommierten Textilherstellern, um unsere eigenen Textiltechnologien zu entwickeln. Wenn man diese Bereiche hinzuzählt, zeigt sich die Vielfältigkeit der Modebranche. Für mich ist es immer wieder schön, zu betrachten, wie erst durch diese Mischung an männlichen und weiblichen Industrieträgern unsere so spannende Branche vorangetrieben wird.“

Genderunabhängige Fashiontech

Antje Hundhausen, Vice President Brand Experience, Deutsche Telekom
„Als Gründerin der Telekom Fashion Fusion, einem Programm, das visionäre Konzepte von Start-ups und jungen Unternehmen aus den Bereichen Mode, Technologie und Produktdesign fördert, habe ich wahrscheinlich einen etwas anderen Blickwinkel auf die Mode, da uns hier ja besonders Entwicklungen an der Schnittstelle zwischen Fashion und Tech interessieren. Wenn ich mir die Finalisten 2018 ansehe, dann haben wir ein ziemlich ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern, und auch die vorgestellten Projekte wenden sich sowohl an ein weibliches als auch ein männliches Publikum: Kleidung, die Apps steuert, Strick, der kommunizieren kann, 3D Body Scan statt Umkleidekabine. Ich glaube, es wird in Zukunft eher um einen gewissen Lifestyle gehen – und weniger um die Frage, ob etwas speziell für Frauen oder für Männer gemacht ist. Unser Ziel 2018 ist es, das beste Projekt mit der Telekom und der Jury als Treiber zur Marktreife zu führen –genderunabhängig.“

Verbundenheit

Maria Chiara Teza, Geschäftsführerin Think Inc. Communications
„Natürlich gibt es noch klare Kategorien zwischen Mann und Frau – männlich und weiblich. Ich finde jedoch reizend, dass die Grenzen sich verschieben. Dies liegt einfach an den veränderten Ansprüchen und Haltungen der Menschen. Wir sind für vieles offener geworden, und das spiegelt sich in den Kollektionen und Marken wieder. Maskuline Stoffe mischen sich mit weiblichen Stoffen oder Farben. Dadurch wird ein ursprünglich maskulines Produkt in einen neuen, spannenden Kontext gerückt. Das gleiche gilt natürlich auch für die Frauenkollektionen. Es ist wunderbar! Es öffnet, grenzt weniger ab und macht auch mehr Spaß im Styling. Und im Grunde verbindet es uns. In der Modebranche ist es kein Phänomen, dass Männer nach wie vor an der Macht sind. Erstaunlich ist, dass der Prozess gerade in dieser kreativen und schöngeistigen Branche etwas langsamer von Statten geht. Auch hier wird eine Balancierung stattfinden, die nicht zwanghaft aus der Branche kommt, sich aber vielmehr aus den vorhandenen Megatrends ableitet und auch hier spielt die Frau eine wichtige Rolle in der Zukunft. Ergo: Wir leben in einer globalen Welt, die immer internationaler wird, die sich vermischt und dadurch auch schöner sein kann. Deshalb finde ich es nur richtig, dass „Mann“ auch weibliche Farben tragen kann und das eine Frau auch ein Herrenhemd als das Maß ihres Styles sehen kann – so wie es Christiane Arp schon lange zeigt.“

Ein Umbruch

Sophia Bittner, Chief Marketing Officer Airfield
„Frauen müssen bekanntlich nicht nur mehr leisten, um Anerkennung zu erhalten. Auch ihr Erscheinungsbild wird in der Regel gesellschaftlich wesentlich kritischer als das der Männer betrachtet. Bisher galt der Gedanke, wer als berufstätige Frau Ernst genommen werden will, darf weder zu sexy, noch zu weiblich daherkommen. Ich sehe heute einen enormen Umbruch in der Gesellschaft, und das spiegelt sich natürlich auch im Look moderner Frauen wider. Dass Kleidung Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche ist, wird immer registriert und kommentiert. Die aktuelle Koexistenz von Modetrends und gesellschaftspolitischem Geschehen ist nicht die erste dieser Art und ich finde es gut und richtig. Generell würde ich mir wieder mehr Weiblichkeit und Sinn für das Schöne in der Modebranche wünschen. Ich möchte es aber nicht unbedingt auf Frauen reduzieren, sondern auf die immer stärker werdende Tendenz, Mode nur noch nach Statistiken, Abverkaufsquoten und Umsätzen zu machen. Das ist sicher wichtig, aber wir arbeiten alle in einer Branche, die mehr als jede andere von Emotion, Bauchgefühl und der Leidenschaft für das Produkt lebt. Erst wenn wir uns dessen wieder bewusst werden, wird sich meines Erachtens nach die Modebranche wieder in die Richtung verändern, die sie verdient – in eine Branche, die irrational und leidenschaftlich Schönes schafft und sich nicht in gegenseitigen Abverkaufsschlachten und Bergen von Statistiken selber zerstört.“

Alternative Konzepte

Cherie Birkner, Fotografin und Gründerin von Sustainable Fashion Matterz
„Was bedeutet Weiblichkeit? Darüber lässt sich heute definitiv streiten und eine schwarz-weiße Antwort gibt es darauf nicht. Für mich ist ein wesentlicher Charakterzug von Weiblichkeit die Fruchtbarkeit. Und Fruchtbar ist die Modebranche nicht, denn sie ist eine der umweltverschmutzendsten Industrien der Welt. Abwässer mit gefährlichen Chemikalien gelangen aus den Fabriken ins Grundwasser sowie auch Massen an Pestiziden, die für den Anbau von Baumwolle verwendet werden und unfruchtbare Böden hinterlassen. Modern und weiblich ist etwas anderes. Dennoch gilt es, zu differenzieren, da es ja nicht nur große Ketten gibt, bei denen Männer im Vorstand sitzen und ihr Geld mit der Ausbeutung von Frauen verdienen. Der Wandel in der Modebranche vollzieht sich immer stärker, weil Konsumenten und Labels die Problematik erkannt haben und sich bemühen, Lösungen zu finden oder schon längst alternative Konzepte umgesetzt haben.“