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Herrenausstatter, quo vadis?

Herrenausstatter, quo vadis?

Im Begriff Herrenausstatter drückt sich bereits das Dilemma aus. Längst wird der Titel dem Thema nicht mehr gerecht, hier geht es nicht mehr um Bedarf, sondern um Bedürfnis. Während die Stammabteilungen tendenziell abschmelzen, entsteht Platz für neue Konzepte, neue Partner und vor allem eine neue Zielgruppe, die nicht nur informiert, sondern vor allem interessiert ist. Wie stattet sich der Mann also in Zukunft aus und vor allem wo?

 

„Anzugtragen hat eine gewisse Gravitas“

„Um ein progressiver Herrenausstatter zu sein, muss man mit den Veränderungen in der Branche Schritt halten und die Strategie entsprechend anpassen. Die Kunden von heute wollen neue Produkte und Marken, aber sie sind nicht unbedingt willens, sich auf dein Produkt einzulassen, wenn sie sich nicht selbst darin sehen. Mr Porter stellt Outfits zusammen und präsentiert Produkte auf vielseitige Art und Weise. Das entfernt das spekulative Element aus dem Onlinekauf und ermutigt Männer, anders an ihr Styling heranzugehen. Alles fußt auf diesem Beratungsgedanken. Natürlich sind auch qualitativ hochwertige Produkte und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend.style in progress | Fiona Firth

Männer sind heute mehr denn je mit Mode und ihrem persönlichen Stil im Einklang. Unsere Redaktions- und Social-Media-Teams arbeiten unermüdlich daran, fesselnde, witzige und fachkundige Inhalte zu kreieren, die unsere Kunden nicht nur informieren, sondern auch unterhalten und inspirieren. Das festigt Mr Porter als die Autorität und die Adresse für Stil.

In der Garderobe eines Mannes werden maßgeschneiderte Anzüge und Sakkos immer einen Ehrenplatz einnehmen. Dies gilt umso mehr, als die Regeln für formelle Kleidung und Arbeitsdresscodes immer mehr verschwimmen. Mr-Porter-Kunden schätzen die Vielseitigkeit eines gut strukturierten Sakkos und sind selbstbewusst genug, solche Klassiker in verschiedene Looks einzubringen. Ich denke, dass das Tragen eines Anzugs mit einer gewissen Gravitas einhergeht und gleichzeitig bestärken gut gemachte Anzüge bei wichtigen Anlässen – besonders Männer, die sich in zeitlosen Designs am wohlsten fühlen. Unser tiefes Verständnis für den typischen Mr-Porter-Kunden erlaubt es uns, unseren Markenansatz zu optimieren. Als Global Player identifizieren wir Marken, von denen wir glauben, dass sie in lokalen Märkten Resonanz finden. Gleichzeitig würdigen wir aber auch traditionelle Marken, die unserer Kunden kennen und lieben.“

Fiona Firth, Mr Porter

 

„Die Leute sind in soweit informiert, …“

„ … dass man sie nicht mehr von einer schmaler geschnittenen Hose oder einen slimfit Hemd überzeugen muss. In Frankfurt gibt es ein extrem großes und breites Angebot an Herrenausstattern, deswegen habe ich mein Sortiment so gestaltet, dass ich mich in der Nische positioniere.style in progress | Andreas Beenen Wir setzen auf die richtige Mischung zwischen sportlichen, jungen Casual-Looks und klassischen Elementen. Der Anzug spielt eine immer kleinere Rolle, das muss man schon sagen. Selbst die Banker, die wir hier in Frankfurt haben, gehen heute lieber zur Maßanfertigung als in die Stammabteilung. Wenn Anzug, dann muss er absolut besonders sein. Das können kleine Geschäfte, die sich wie wir jünger, modischer und progressiver positionieren, besser als die ganz großen Platzhirsche bewältigen, wir sind flexibler. Wir legen beim Anzug deswegen auf einen ziemlich modischen, eher spitzen Grad Wert, mit eng geschnittenen jungen italienischen Designs. Das ist generell der Ansatz, mit dem wir punkten: unsere kuratierte Auswahl im Sortiment und die Beratung im Laden. Da bin ich sozusagen das Rolemodel, denn viele Kunden sind in meinem Alter. Die jungen Kunden sind zwar viel informierter und selbstbewusster als früher, schätzen aber auch die persönliche Beratung. Und man muss niemanden mehr überzeugen. Bei uns kommt vom Denker bis zum Fußballprofi alles in den Laden, vom 30-Jährigen bis zum 80-Jährigen, dementsprechend setzen wir auf modische, aber auch zeitlose Produkte. Der Kunde sucht einfach ein Angebot mit Charakter, das ist meiner Meinung nach der Weg, wo es in der Menswear immer stärker hingeht.“

Andreas Beenen, Beenen, Frankfurt am Main;

 

„Der Herrenausstatter von gestern ist heute ein Multilabelstore“

„Als Anbieter muss man unverwechselbar sein, das bedeutet auch mal den Abschied von einem langjährigen Lieferanten. Der Herrenausstatter entwickelt sich immer mehr zu einem individuellen Alltagslook und die Anzugabteilung wird dementsprechend kleiner. Vor vielen Jahren wurden täglich Anzüge getragen. Heute benötigen gewisse Berufssparten ein Anzugoutfit und es ist nach wie vor ein entsprechender Bedarf an Anzügen für festliche Anlässe vorhanden. Dementsprechend wird jede Saison unser Sortiment neu überdacht und mit neuen Brands erweitert.style in progress | Elisabeth Mühlberger

Ich bin seit 31 Jahren im Unternehmen Penz tätig und im Einkauf für diese Entwicklung auch in unserem Store verantwortlich. Der Kunde – der früher das klassische Sakko getragen hat – liebt heute das unkonstruierte, ungefütterte, bequeme Sakko. Diesen Trend bevorzugen alle unsere Kunden in allen Altersgruppen. Dieser Wandel zieht auch einen Abschied von langjährigen Lieferanten mit sich, wenn diese die neuesten Trends nicht umsetzen. Die Menschen sind heute viel sportlicher und lässiger gekleidet. Der Mann von heute ist bestens informiert, liebt es aber trotzdem, von einem kompetenten Verkäufer beraten und von Kopf bis Fuß eingekleidet zu werden.

Wir betreiben derzeit keinen Onlinehandel, überdenken diesen Ansatz aber jedes Jahr aufs Neue. Neben den saisonalen Journalen für unsere Stammkunden bespielen wird sämtliche Social-Media-Kanäle – ebenfalls ein Wandel der Zeit.“

Elisabeth Mühlberger, Penz Mode Linz

 

„Anzug und Krawatte sehen wir fast gar nicht mehr“

Kein moderner Mann geht heute noch zum Herrenausstatter, um dort seinen Bedarf zu decken. Das Prinzip der klassischen Stammabteilung funktioniert meiner Meinung nach nicht mehr, weil die Kunden häufig mit viel zu viel Ware und fest fixierten Flächen mit zu vielen Total-Look-Labels unter Verwendung zu schwacher Einzelprodukte konfrontiert werden – wobei der Fokus verloren geht.style in progress | Bernd Gräwe Für diese Art des Einkaufserlebnisses stellt der Kunde heute zu hohe Ansprüche an Mode und Marken. Die klassische Menswear im Sinne von Anzug und Krawatte sehen wir fast gar nicht mehr und bieten sie dementsprechend auch nicht mehr als Total Look an. Stattdessen bieten wir unseren Kunden eine durch alle Genres durchgreifende Casualisierung. Besonders in dem Bereich der Soft-Sakkos haben wir mit progressiveren Kollektionen wie Circolo 1901 und Harris Wharf London Umsatzzuwächse zu verzeichnen. Denn das ist der Look, um den es jetzt geht. Dazu kommen dann passende Chinos, vermehrt auch aus Jersey-Material oder aber modische Jeans wie von der Marke Dondup, sportliche Hemden der Marke DU4, Polos und T-Shirts von Alpha Studio oder Kiefermann. Aktuelle Sneaker verstärken den Casual-Einfluss und runden den Gesamtlook ab. Das Merchandising setzen wir über emotionale Pop-up-Konzepte für die Präsentation neuer Ware um. Das ist für mich die Richtung, in die sich ein progressiver Herrenausstatter heute bewegen muss.

Bernd Gräwe, Style & Select Man, Bochum

 

„Der Anzug wird nie aus dem Handel verschwinden“

„Ich glaube an die Welt der klassischen Menswear und damit auch an die des Herrenausstatters. Aber man muss heute dem Bedürfnis nach einem Anzug oder einem Sakko anders entsprechen. style in progress | Fiona FirthDeswegen verstehen wir uns als Nischenanbieter, als Trüffelschweine, die Marken und Produkte mit Tiefgang suchen, kleine Labels mit einer authentischen Story. Damit erreichen wir nicht den Kunden, der in der Stammabteilung einkauft, aber auch diese hat nach wie vor ihre Berechtigung. Nur, wenn ich durch die großen Handelsformate laufe, sehe ich einen viel zu großen Warendruck. Und was ich am meisten vermisse, ist eine kompetente Beratung. Dieses Modell ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß, dafür ist der neue Kunde zu anspruchsvoll in Bezug auf das besondere Erlebnis im Produkt und im Service.

Wir sehen die Casualisierung, die in der Menswear stattfindet, natürlich, allerdings ist sie nicht extrem und auch nicht besonders rasant. Wir reagieren darauf mit einer Richtung, die wir Relaxed Tailoring nennen, wobei klassische Formen und Schnitte mit einer gewissen Entspanntheit auftreten. Bei den Sakkos und Anzügen tragen wir dem Wunsch nach einem legereren Wohlfühlcharakter in der Konstruktion, dem Schnitt und im Material Rechnung. Das sind die Pole, die wir entsprechend justieren. Die Hälfte unseres Umsatzes machen wir inzwischen mit Made to Measure, wo wir sehr stark auf den jeweiligen Kunden eingehen können – das ist meiner Meinung nach auch das zentrale Thema für den modernen Kunden. Das wird sehr gut aufgenommen, dadurch gewinnen wir nicht nur neue Kunden, sondern binden sie auch an uns. Individualisierung im Produkt und im Service und kuratiertes Marketing sind für mich die Stichpunkte für die Zukunft.“

Reto Caprez, Alferano, Pesko & Co, Zürich

 

„Es ist an uns, den Wandel zu dosieren“

„Die Zukunft des ‚Herrenausstatters‘ sehe ich positiv, sehr sogar. Klar, die Mode ist im Umbruch, aber es ist an uns, diesen Wandel zu moderieren und in der richtigen Dosis in unsere Sortimente zu bringen. Dass der Krawattenzwang weg ist, heißt ja im Umkehrschluss nicht, dass Sie in der Joggpant in den Vorstandstermin gehen. style in progress | Lars BraunIch finde, die Casualisierung ist eine riesige Chance für den Handel: Das Sakko ist neu, dazu braucht es dann auch ein anderes Hemd und natürlich eine entspanntere Hose als die bisher bekannte  – und zu allem braucht es Beratung, also uns im Handel. Ich bin überzeugt, dass die Menschen weiterhin Spaß daran haben werden, in ein Geschäft zu gehen – dass der stationäre Handel am Ende wäre, kann ich nicht beobachten. Online hat doch längst nicht allen Segen gebracht! Und so freue ich mich über den Wandel in der Männermode. Seit langem ist mal wieder Aufbruch zu spüren, es interessieren sich jüngere Männer für Mode – wobei ich damit nicht Mode im Sinne von Fashion meine. Der ganz normale Mensch sucht nicht diese Inszenierung, er will gut angezogen sein und sich gut fühlen. Das hat mit Balenciaga oder Vetements oder High Fashion nichts gemein. Aber ich meine doch, dass diese Muffigkeit, die Männer der Mode lange entgegengebracht haben, bei vielen vorbei ist. Es ist ein bisschen mehr Bewusstsein entstanden, nicht revolutionär, aber auch darüber freuen wir uns. Unsere Aufgabe ist es, diese Kunden noch besser abzuholen und das wünsche ich mir nicht nur im Geschäft, wo man das mit gut geschulten Mitarbeitern abbilden kann, sondern auch online. Wir müssen unsere Kunden noch individueller und bedarfsgerechter ansprechen, das sehe ich als unsere Hausaufgabe. Hausaufgaben hat aber auch die Industrie zu machen. In vielen Kollektionen sieht man, wie Hersteller mit dem Wandel kämpfen. Das beste Teil von Mitbewerber A und B zusammenzutragen, gibt aber noch keine eigene Handschrift. Langjährige und gute Lieferanten so straucheln zu sehen, bereitet Schmerzen.“

Lars Braun, Braun, Hamburg

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