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Sustainability | Der perfekte Kreislauf

Sustainability | Der perfekte Kreislauf

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Mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke werden jedes Jahr neu produziert, der Anteil an wiederverwendeten Fasern oder Altware, die hochwertig verarbeitet werden kann, ist verschwindend gering. Noch: Denn Forschung und Entwicklung beginnen gerade, das unermessliche Potenzial dieser Ressource zu wecken.

Text: Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Fotos: Hersteller

Das Ziel industriellen Upcyclings ist klar definiert: Die aus wiederverwendeten Rohstoffen erzeugten Fasern und Stoffe müssen mindestens die Qualität der Ausgangsmaterialien erreichen, wenn sie diese nicht sogar übertreffen. Dazu taugen klassische Recyclingprozesse nicht im großen Stil, denn die energieaufwändigen Prozesse des Textilrecyclings resultieren heute in einem Rohstoff, der schlechter als die noch immer viel zu billig verfügbare Neuware ist. Trägt ein Baumwoll-T-Shirt stolz das Etikett „Recycling“, bedeutet das also, dass mindestens rund 70 Prozent neue Baumwolle enthalten sind. Die größte Tücke im Recycling ist allerdings, dass für hochwertige Ergebnisse bei wiederverwendeten Fasern auch hochwertig sortenreine Altware benötigt wird. In Zeiten, da der Polyesteranteil der gesamten weltweit hergestellten Bekleidung rund 60 Prozent beträgt, kein einfaches Unterfangen. Forscher versuchen daher, im Recyclingprozess sowohl die natürlichen als auch die künstlichen Fasern in ihre molekularen Bestandteile aufzulösen. Das funktioniert mit erstaunlich guten Ergebnissen: Statt Baumwollblüten also Baumwollbrei? Möglich, bisher allerdings nur in Labordimensionen.

Muss es erst zu spät sein?

Um aus der Utopie der Kreislaufwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen, fehlt der finanzielle Druck. Noch sind alle Rohstoffe in ausreichendem Maße vorhanden, Recycling ist bislang ein Hobby von Überzeugungstätern. Das wird sich ändern, nicht zuletzt dadurch, dass diese verrückten 100 Milliarden neuen Kleidungsstücke jedes Jahr den Klimawandel ordentlich anheizen. Müssen erst die Baumwollfelder unter der gleißenden Hitze versengen oder unter Dauerregen versinken, dass unser Verständnis ein anderes wird? Kann man den Konsumenten alleine die Verantwortung dafür überlassen, ob Kreislaufwirtschaft auch im Textilbereich zum Standard wird? Nein, sagen jene, die das Thema trotzdem vorantreiben und wissen, dass ihr Beitrag vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Denn Veränderung geschieht nie, weil es sich viele bequem machen, sondern weil wenige handeln, bevor es für alle unbequem wird.

„Zero Impact ist nicht möglich“
Nicolas Bargi, CEO von Save the Duck
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Die Nachhaltigkeit seines Unternehmens ist Nicolas Bargi ein großes Anliegen. Der CEO von Save the Duck betrachtet sie als Weg, der nie endet.

Save the Duck hat die erste Circular-Economy-Jacke vorgestellt. Glauben Sie, dass ein geschlossener Kreislauf die Antwort auf die Frage ist, wie Mode nachhaltiger sein kann?

Nicolas Bargi, CEO von Save the Duck: Absolut, unsere Circular-Economy-Jacke ist ein Statement für nachhaltige Bekleidung aus Kreislaufwirtschaft. Es ist unsere erste Jacke, die wir zu 100 Prozent aus recycelbaren Materialien herstellen. Ich glaube, die Nachfrage der Verbraucher, nach einem nachhaltigeren Produkt zu bedienen, ist die einzige Antwort auf die Bedürfnisse einer neuen Generation. Luxus ist eine Frage der Lebensqualität, der Technologie und der Verbindung zur Natur. Ein geschlossener Kreislauf ist der Beginn einer neuen Ära der Bekleidungsproduktion.

Ob Rohstoffe im Kreislauf bleiben, hängt von der Qualität der Abfälle ab. Was kann auf internationaler Ebene getan werden, damit Abfälle so gesammelt werden, dass sie leichter recycelt werden können?

Recycling funktioniert und bei der Umsetzung der Grundsätze der Kreislaufwirtschaft ist es die ökoeffiziente Methode der Wahl. Es gibt immer mehr lokale Organisationen, mit denen Marken zusammenarbeiten können, um ihrer Textilabfälle sinnvoll zu verwerten oder den Recyclinganteil zu erhöhen. Das wiederum garantiert, dass hochwertige Abfälle verfügbar sind. Ich glaube, das ist der erste Schritt hin zu einem internationalen System der Abfallbewirtschaftung.

Glauben Sie, dass Unternehmen, die Produkte aus recycelten Materialien entwickeln, in gewisser Weise belohnt werden sollten – zum Beispiel mit einer niedrigeren Steuer oder Abgaben auf diese Produkte?

Ich glaube, dass Unternehmen sich in Sachen Produktionskontrolle und -verhalten mehr anstrengen sollten, das steht vor jedem Belohnungssystem. Wir haben gelernt, den Wasserhahn beim Zähneputzen auszuschalten, aber wissen wir, wie viel Wassernötig ist, um ein T-Shirt zu produzieren? Die Antwort liegt bei ca. 2.700 Liter. Sie sehen, Zero Impact ist nicht machbar. Etwas zu produzieren, hat immer Auswirkungen. Aber: Jeder Stoff kann heute dank Technologien nachhaltiger als noch vor ein paar Jahren hergestellt werden. Nachhaltigkeit ist kein Status quo, den man erreichen kann. Es ist ein Weg, den wir beständig gehen, um uns immer weiter zu verbessern.

Bildung und Innovation sind die Treiber
Javier Goyeneche, Präsident und Gründer Ecoalf
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Because there is no Planet B: Ecoalf fischt Müll aus dem Meer.

Wie vermeiden Sie, dass von dem recycelten Plastik, das sie für ihre Kollektionen verwenden, als Mikroplastik in Flüsse und Ozeane gelangt, wenn die Kunden ihre Kleidung waschen?

Javier Goyenche, Präsident und Gründer Ecoalf: Im Jahr 2015 haben wir erfahren, dass Polar Fleece der größte Verursacher von Mikroplastik ist. Das war unser Bestseller und trotzdem haben wir beschlossen, die Produktion sofort zu stoppen. Heute arbeiten wir mit Endlosfasern für die gesamte Outerwear und sind in R + D Projekt Fiber Clean involviert, bei dem neue Lösungen entwickelt werden, die die Belastung durch Mikroplastik in der gesamten Wertschöpfungskette reduzieren.

Welche natürlichen Fasern, neben recycelter Baumwolle und Wolle, haben einen geringen oder gar keinen Einfluss auf die Umwelt und wie kann das textile Müllproblem gelöst werden?

Wir verwenden Material mit geringem Einfluss wie Sorona, Cupro oder Tencel. Ab sofort verwenden wir für einiger Sneaker Pinatex, ein innovatives, natürliches und nachhaltig fabriziertes Gewebe aus Ananasblättern. Es spart 13 Millionen Tonnen Müll jedes Jahr und die Produktion hilft, soziale Verhältnisse zu verbessern.

Ecoalf ist die einzige Modemarke in Spanien mit B-Corp-Zertifizierung. Wie lautet ihre Vision von Gemeinwohlökonomie in der Zukunft?

Wir sind bestrebt, uns als Referenz für ein nachhaltiges Lifestyle-Erlebnis zu etablieren und gleichzeitig ein bewusstes individuelles Handeln zu fördern. Mit der Ecoalf-Stiftung sensibilisieren wir die Öffentlichkeit und schaffen ein Kreislaufwirtschaftsmodell, während wir weiter den Ozean reinigen. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Ausweitung des Projektes Upcycling the oceans auf den Rest des Mittelmeers sowie auf die Entwicklung eines Bildungsprogramms in ganz Europa. Ich würde sagen, Bildung und Innovation sind die Treiber.

Atelier & Repairs
„Die Lösung heißt weniger, aber besser“

Nach Jahrzehnten bei Marken von Armani bis Ralph Lauren stellte sich Maurizio Donadi der Tatsache, dass die Modeindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt ist. Um etwas dagegen zu unternehmen, setzte er bei den Resten an: Atelier & Repairs geht das Problem der Überproduktion kreativ an – und macht aus Altkleidern Unikate.

Herr Donadi, Sie haben Atelier & Repairs vor rund vier Jahren gegründet. Was haben Sie inzwischen geschafft?

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Obwohl Maurizio Donadi sich nicht an Kollektionen und Saisons hält, sind Einkäufer von Bergdorf Goodman oder Lane Crawford begeistert von Atelier & Repairs.

Wir messen Erfolg mit der Menge der Kleidungsstücke, die wir neu erfinden, upcyceln, flicken und wieder verkaufen konnten. Letztes Jahr haben wir acht Tonnen Kleidung vor der Müllkippe bewahrt.

Betrachten Sie sich mit diesem Konzept als Teil der Kreislaufwirtschaft?

Das würde ich sehr gern. Für den Moment würde ich sagen, dass wir definitiv eine verantwortungsbewusste Firma sind. Nachhaltigkeit ist etwas anderes. Das Thema schneide ich erst gar nicht an.

Das macht mich neugierig. Sustainable Fashion ist schließlich heute ein großes Wort.

Ja, es ist ein großes Wort. Ich sehe, wie Finanzvorstände es nutzen, um die Rentabilität einer Firma zu beschreiben. Ich sehe, wie es als Werbung benutzt wird, um mehr zu verkaufen. Mir ist es deshalb wichtiger, sich für sein Handeln zu verantworten, als eine Nachhaltigkeitsstrategie zu präsentieren, die keine Bedeutung hat. Wenn mir eine Marke von Plänen erzählt, im Jahr 2030 eine zu 100 Prozent nachhaltige Marke zu sein, antworte ich: Bis dahin gibt es eure Firma gar nicht mehr, das sind leere Versprechungen. Ernstgemeinte Maßnahmen sollten sofort beginnen.

Was muss sich speziell in der Denimlandschaft ändern?

Also, ich habe ja nun auch nicht auf alles Antworten. Ich freue mich über Nachrichten über eine Firma, die anders wäscht, Laser nutzt, neue Stoffe entwickelt, ein Budget für Innovationen hat, Maßnahmen für ein verantwortungsbewussteres Produkt ergreift. Gleichzeitig produzieren all die anderen Firmen unkontrolliert eine unvergleichbare Menge an Gütern ohne Ziel. Die Denimbranche insgesamt hat eine unbeschreibliche Überproduktion, mit gefüllten Bestandslagern und früheren Saisons mit immer demselben. Wir brauchen nicht grundlos Hunderte Millionen Jeans herzustellen. Ich denke, die Lösung heißt weniger, aber in besserer Qualität zu produzieren.

Wenn endloses Wachstum nicht die Antwort ist: Was dann?

Die Billionenfrage! Ich mag jetzt ein heißes Eisen anpacken, aber: Der Planet wird uns überleben. Meine Botschaft an alle ist deshalb, gründlich nachzudenken, ehe man Maßnahmen ergreift, und in allem, was man tut, einen Weg zu finden, der das Projekt möglichst verantwortungsbewusst macht. Nicht unbedingt für einen selbst, sondern für die Nachwelt.

Das ist jetzt ganz nah an der Definition von Nachhaltigkeit.

Leider gibt es Leute, die andere Motive verfolgen, als einen tollen Planeten zu haben, es gibt finanzielle Interessen, Ego, Macht. Es gibt die Tendenz, die Welt oberflächlicher zu machen, damit sie leichter zu kontrollieren ist. Ich glaube, dass eine positie, gewaltfreie Revolution immer von einem sachkundigen Bürger ausgeht, und ich finde, wir müssen uns viel besser informieren. Wir können die Schuld nicht bei anderen suchen. Wir müssen bei uns selbst anfangen.

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