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„Wir hören aufmerksam zu“

„Wir hören aufmerksam zu“

style in progress | Franco Loro Piana

„Handwerkskunst und neue Technologien werden verschmelzen“

Dieser Name verpflichtet: Loro Piana. Doch statt sich ins gemachte Nest zu betten, haben sich die Brüder Franco und Giacomo Loro Piana aufgemacht, eine Marke nach ihren Vorstellungen zu kreieren. Sease steht für die Liebe zum Outdoorsport und bringt diese mit urbanen Styles zusammen.

Schon die Selbstdefinition der Marke spricht Bände: „Aus der gewohnten Routine auszubrechen, ist eine bewusste Entscheidung, eine Einstellung. Dazu bedarf es Energie, Vorstellungskraft und ein bisschen Verrücktheit.“ Der Name des Start-ups aus gutem Hause setzt sich aus den beiden inhaltlichen Säulen des Labels zusammen: „Sea wie der Ozean. Ease wie den Druck abstreifen und die Freiheit suchen.“ Im Gespräch mit style in progress lässt Franco Loro Piana tief blicken – in die Seele eines Unternehmers, der die Tradition genauso kennt und respektiert wie den Geist eines Start-ups. Vieles, was die Brüder mit ihrer jungen Marke vorleben, zählt zum Überlebenswerkzeug jeder Marke, die Zukunft haben will. Das beginnt bei moderner Technologie, saisonunabhängigem Design und endet bei Nachhaltigkeit und Transparenz. Ihre vor vier Jahren gestartete Firma vergleicht Franco Loro Piana mit der Crew eines Segelboots – kein zufälliger Vergleich, haben sich die Loro Pianas nicht nur in der Stoffherstellung und mit Bekleidung im Luxussegment einen Namen gemacht: Unter italienischen Segelenthusiasten spricht man mit allergrößtem Respekt von den Mitgliedern der Familie.

Braucht Zukunft Wurzeln?

Auf jeden Fall, die Tradition mit Entwicklung und Innovation zu verschmelzen, führt zu einer klareren Sicht – des Marktes, der Produkte, der gesamten Wertschöpfungskette. Wir müssen verstehen, dass nicht alle Prozesse in Vergangenheit per se falsch waren. Man denke nur an die ursprünglichsten Rohmaterialien wie Wolle, die schon per Definition nachhaltig und viel einfacher abbaubar ist. Allerdings ist auch klar: Wenn wir heute Dinge wie die Produktionslogistik effizienter machen oder in kontinuierliche Verbesserung und zeitgemäße Methoden investieren, dann erlaubt das im Allgemeinen einfach bessere Standards.

Sie sind Teil einer neuen Unternehmergeneration in Italien. Warum war es so wichtig, dass Sie Ihr eigenes Unternehmen und Ihre eigene Marke gegründet haben?

Ich wollte praktisches Wissen aus erster Hand und Glaubwürdigkeit im gesamten Prozess bekommen, auf allen Ebenen und auch in Bereichen wie Retail und Branding – und in beiden sind mein Vater und mein Onkel ja sehr visionär. Diese Erfahrungen haben alles, was ich im Studium gelernt habe, unglaublich vertieft. Besonders auch die Auseinandersetzung mit fremden Märkten, all das zusammen hat meine Leidenschaft fürs Unternehmertum und meine Passion für Outdoorsport noch vertieft. Für meinen Bruder Giacomo und mich ist es jeden Tag klarer geworden, dass wir unsere Idee der modernen Garderobe einfach realisieren müssen. Eine Garderobe, die diese beiden Passionen – das Unternehmertum und den Sport – vereint. Mit Sease haben wir völliges Neuland betreten und trotzdem haben wir es geschafft, dass die Marke unsere Wurzeln mit einer neuartigen, gänzlich eigenständigen Vision verschränkt. Unsere Marke gibt eine dem modernen Lifestyle entsprechende Antwort auf die veränderten Anforderungen an Männermode. Unsere Inspiration ist die sportliche Aktivität, aber wir haben einen viel minimalistischeren Designzugang.

Was sind die wichtigsten Unterschiede in Ihrer unternehmerischen Herangehensweise und der Generation Ihres Vaters? 

Das beginnt schon damit, dass der Markt heute gesättigt ist, mehr noch, er ist übervoll. Das ist der Grund, warum die Seele einer Marke so wichtig ist: Von ihren Werten bis zum Lifestyle und den Communitys, mit denen sie sich umgibt – all das hat heute große Bedeutung, wenn nicht Notwendigkeit bekommen, um überhaupt aus der Masse hervorzustechen. Und da sprechen wir noch nicht von Produkt und Stil! Um das stimmig hinzubekommen, nähren wir die Authentizität auf allen Ebenen, genauso wie es unsere Familie über Generationen sehr konsistent getan hat: Keine Kompromisse, auf Details achten, ein klarer Fokus auf Qualität und eine einzigartige und gleichzeitig umsichtige Strategie – das macht Sease aus. Klar ist: Alles beginnt beim Produkt und bei der für unsere Marke so essenziellen Innovation in Prozessen, Materialien und Design. 

Was macht die Arbeit in der Modeindustrie so attraktiv?

Ich glaube, es ist die Chance, gutes Design zu verwirklichen – form follows function – genau wie die Möglichkeit, den Zeitgeist zu antizipieren. Das gelingt, wenn man das, was man auf der Straße sieht, mit persönlicher Inspiration verbindet, sei es durch Musik, Sport oder Kunst. Mode ist ein Feld, auf dem – trotz des massiven Wandels – noch jede Menge gesagt und getan werden kann. Niemand kann ohne Bekleidung leben und sie ist nicht einfach nur praktisch: Sie ist eine Art, auszudrücken, wer man ist – und das gilt sowohl für den Kreativen, der sie macht, als auch für den Konsumenten, der sie trägt.

Klar, Designer will auch jeder werden, aber Menschen, die diese Visionen in die Tat umsetzen, sind immer schwieriger zu finden. Die Arbeiter, die in Rente gehen, sind schwer zu ersetzen, denn für die Jugend ist es nicht attraktiv, den ganzen Tag in einer Fabrik zu sitzen.

Es gibt zum Glück schon Initiativen von Unternehmern, die in interne Schulen und Akademien investieren. An öffentlichen Einrichtungen gibt es auf der einen Seite die Universitäten, die sich eher um den Designprozess kümmern, und auf der anderen Seite die Kunstakademien, die vielleicht etwas praktischer werden könnten. Ich bin sehr optimistisch, dass tradiertes Handwerk und neue Technologien verschmelzen werden und dass auch die Ausbildung von dieser Perspektive profitieren wird.

Wie kann Technologie helfen? Indem sie die Arbeit attraktiver macht oder manuelle Tätigkeiten ganz ersetzt?

Meiner Meinung nach ist Technologie ohne den menschlichen Verstand vollkommen machtlos. Aber natürlich können Berufsbilder von neuen Technologien oder Maschinen profitieren. Wichtig ist, dass wir Technologien heute so einsetzen, dass sie sowohl der Menschheit als auch der Produktivität dienen, indem wir durch sie Energie, Zeit und Mühe sparen, in einer Art und Weise, die in den vergangenen Jahrhunderten schlicht undenkbar war. Denken Sie nur an Drohnen in der Landwirtschaft oder die generelle Revolution in der Logistik.

Braucht es dafür auch neue Unternehmensstrukturen? Wie unterscheidet sich Sease strukturell von traditionellen Unternehmen?

Wir lassen gerade die Start-up-Phase hinter uns und ich würde unser Unternehmen als eines mit schlanker Struktur beschreiben. Wir sind die Landversion eines Segelteams: Wir fördern sowohl die Einzelperson als auch das Teamwork, wir brauchen als junges Unternehmen eine gewisse Flexibilität. Das ist natürlich viel einfacher in einer Größe wie unserer, Sease wurde erst vor vier Jahren gegründet. Wir sind klein, geschlossen und inklusiv – wir hören aufmerksam zu und können so sowohl den Ideen der jungen als auch den erfahreneren Mitarbeitern Raum geben.

Glauben Sie, dass sich die Mode generell verändern muss, dass sie für eine neue Generation von Konsumenten attraktiv ist? Wenn ja, was muss sich ändern? Etwas Stilistisches, die Einstellung, die Preise, die Markenbildung?

Mode ist ja per Definitionam Veränderung. Aber klar, Millenials fordern zunehmend Werte hinter einer Marke und sie wollen diese auch in die Tat umgesetzt sehen. Diese Generation setzt voraus, dass sich Unternehmen auch um die Umwelt, die Gesellschaft und die Produktionsbedingungen kümmern. Transparenz ist da ebenso unumgänglich wie Kooperation im Thema Nachhaltigkeit – wir müssen den Konsumenten erziehen und gleichzeitig auf seine Bedürfnisse hören. Das halte ich derzeit für entscheidend.

Wie definieren Sie Luxus modern?

Als eine gute Life Balance, die sowohl Zeit für sich selbst lässt als auch für höchste Effizienz in der Arbeit. Die Zeit zu finden, auszubrechen, zu verschwinden und die Technologie an der Hand zu haben, auch aus dieser Zeit das meiste zu machen.

Sie haben Ihre Kollektion eher nach Anlässen als nach Saisons gruppiert – Sie selbst sprechen von verschiedenen Kits. Woher dieser Ansatz?

Wir zollen saisonalen Bedürfnissen natürlich auch Respekt, besonders in unserem B2B-Geschäft verstehen wir absolut, dass moderne Bekleidung sehr reduziert, vielseitig verwendbar und langlebig sein soll. Die verschiedenen Sportarten sind jeweils der Ausgangspunkt unserer Kits, die sowohl im aktiven Sport als auch in der Stadt funktionieren. Umgekehrt sind unsere urbanen Kits auch hoch technisch und bestens geeignet, um sich darin zu bewegen – auch mal sportlich, wenn es sein muss. Das Prinzip der Kits fast unsere Vision zusammen: Garderobe für einen Mann, der viel unterwegs ist, der aktiv ist, der stilbewusst ist, ohne auf Komfort zu verzichten. Wollen Sie wissen, was ganz am Anfang stand? Die Idee einer Tasche, in der man all die Erinnerungsstücke sammeln und transportieren kann, die man an einem Tag am Wasser so sammelt. Das führte uns dann zur Idee der “Guardaroba Contemporaneo“, die wir bis heute verfolgen – zum Beispiel mit dem Drone Release, den wir auf dem letzten Pitti im Januar präsentiert haben.

Sie sagen, dass Sie sich viel aus Umweltschutz machen. Muss Premium und Luxusmode eigentlich künftig grün sein? Werden Kunden in Zukunft überhaupt noch akzeptieren, dass jemand teuer verkauft, sich aber einen Teufel um die Umwelt und Produktionsbedingungen schert? Ist Nachhaltigkeit ein Muss?

Definitiv. Umweltbewusstsein wird schon bald ein Muss sein – es wird die Zeit kommen, in der es mehr als riskant sein wird, nicht in Nachhaltigkeit investiert zu haben. Und ich meine echte Nachhaltigkeit, also Taten und nicht bloß ddarüber zu reden. Es darf kein Marketingtool sein, sondern muss als integraler Wert gelten – sowohl bei jeder neuen Marke als auch bei allen Marken, die auch in Zukunft wettbewerbsfähig sein wollen.

Ihr Stil ist high-tech und sehr modern, aber Sie finden Ihre Inspiration auch in traditionellen Stoffen oder Stricktechniken. Erzählen Sie mal, wie die Entwicklung bei Ihnen vor sich geht.

Grundsätzlich arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen, auch mit unserem Kreativpartner Moreno Ferrari und unserem Produktionsteam. Wir lieben Projekte, die unseren Stil mit Tradition und dem Wiederentdecken alter Techniken kreuzen. So zum Beispiel bei den Stücken, die mit dem Farbstoff aus der Färberwaid-Pflanze gefärbt werden oder der hundert Prozent italienischen Visso-Wolle. Wir gehen sogar so weit, neue Materialien zu kreieren oder wir überarbeiten Bestehende. Zum Beispiel Sunrines, das ist ein Solaro-Stoff, der Wolle mit Nylon auf biologischer Basis kombiniert. 

Wie konnte der Sport so viel Einfluss in der Mode gewinnen?

Ich glaube es gibt eine neue Art, seinen Status durch Bekleidung zum Ausdruck zu bringen: Indem das, was man trägt, komfortabel und praktisch ist und gleichzeitig den menschlichen Körper und seine Leistung in den Mittelpunkt stellt.

Nun ist der Sport nicht ihr einziger Inspirationspunkt – es gibt auch SeaseRPM, erzählen Sie mal darüber.

SeaseRPM steht für „Rarities Photography and Music“ und es ist unsere Selektion von Schallplatten, Hi-Fis, Drucken, Büchern und raren Dingen, ein sehr intimer Ort, der den Effekt hat, dass die Kunden oft wiederkommen, um zu sehen, was es Neues gibt. Eine kuratierte Auswahl, die unsere Sease Stores zum Anlaufpunkt für Audiophile und Sammler macht und gleichzeitig ein Platz ist, wo wir DJ-Sets haben oder zu Gesprächen mit den Botschaftern oder Freunden der Marke einladen. Es ist so ein Mittelding aus einer Referenzadresse für Einheimische genauso wie für Touristen, die geplant oder zufällig einfach in einen Künstler oder eine Live-Jam-Session reinlaufen können…

Das gute alte Prinzip des Skaterladens, übersetzt auf Ihre Zielgruppe. Warum ist denn stationärer Handel in einer so modernen und digitalisierten Zeit noch ein so mächtiges Tool, wenn es um den Markenaufbau geht?

Unsere Läden sind Conceptstores, Orte, an denen man Zeit verbringen kann und gleichzeitig inspiriert wird. Sie ermöglichen uns, den Lifestyle und die Werte der Marke zu kommunizieren. Kein digitales Erlebnis kann ohne das analoge irgendwas ausrichten. Wir gehen sogar weiter und sagen, dass nicht nur die Läden, sondern auch das physische Erleben auf wichtigen Plattformen wie dem Pitti Uomo oder in gewissen Sommerdestinationen enorm wichtig sind, um den Prozess der Markenwerdung zu festigen und echte Communitys rund um die Marke aufzubauen.

Glauben Sie, dass sich das jemals ändern wird, oder wird der Laden immer ein wichtiger Weg sein, um eine Marke und ihre Mission bekannt zu machen?

Was sich auf jeden Fall ändern wird, ist der Prozess des Einkaufs, unser Lager für den Onlinestore in Europa und UK erlaubt schon jetzt ein gemeinsames Datenmanagement mit den Läden, es ist sehr reaktionsschnell. Der stationäre Handel wird also mehr und mehr zum Ort der Begegnung werden.

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