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„Wir brauchen eine neue Lernkultur!“

„Wir brauchen eine neue Lernkultur!“

Gutes Personal muss gut geführt werden. Fehlen der Modebranche dafür auch die Fachkräfte im Management? Darüber diskutieren Jürgen Müller, Gründer und Managing Partner von SuitsExecutive Search, und Alexander Gedat, Aufsichtsrat/Beirat, im Gespräch mit style in progress Chefredakteur Stephan Huber.

Text: Nicoletta Schaper. Fotos: Gesprächspartner

Jede Woche neue Insolvenzmeldungen. Leidet die Modebranche auch auf oberer Ebene unter einem Fachkräftemangel?

Alexander Gedat: Ich glaube, ja. Viele Manager führen immer noch nach altem Muster; autoritär und begrenzend. Doch heute ist es notwendiger denn je, den Mitarbeitern Raum für ihre Entwicklung zu geben. Es gibt immer noch viel zu wenige Führungskräfte in unserer Branche, die ihre Mitarbeiter groß machen.

Jürgen Müller: Das hat auch mit der Historie dieser Branche zu tun, die vor allem Menschen mit Macher-Mentaliät anzieht, die aus dem Bauch heraus agieren und ordentliche Treiber sind. Früher konnte man mit dieser Mentalität auch ohne höhere Ausbildung große Erfolgsstorys schreiben, vor allem im Einzelhandel. Deshalb haben wir im Vergleich zu anderen Branchen auch eine unterdurchschnittliche Akademikerquote. Heute ist der Markt viel komplexer, mit deutlich mehr Wettbewerb auf ganz unterschiedlichen Ebenen, und Unternehmensführung ist deutlich anspruchsvoller geworden. Die Digitalisierung ist eine Herausforderung von ganz eigener Qualität. Da reichen Qualifikationen, die vor 20 Jahren noch zum Erfolg geführt haben, einfach nicht mehr aus.

Alexander Gedat: Als ich 1995 zu Marc O’Polo gekommen bin, hatte ich mit meinem Betriebswirt BA den höchsten Bildungsabschluss im Unternehmen. Ich habe dann Schritt für Schritt mehr Akademiker eingestellt. Für das Onlinegeschäft und das Management der digitalen Prozesse brauchen wir heute Datenanalytiker und Mathematiker, also Menschen mit Kompetenzen, die früher von unserer Branche meilenweit weg waren!

Und diese Fachkräfte haben auch nicht unbedingt eine hohe Affinität zur Mode als Business und Karrieremöglichkeit.

Alexander Gedat: Dazu kommt eine neue Generation mit anderen Ansprüchen und Vorstellungen von einem gelungenen Leben. Mancher 30-Jährige kündigt einfach so, weil es ihm nicht mehr gefällt, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Hand aufs Herz: Das wäre in unserer Generation undenkbar gewesen.

Jürgen Müller: Andere wiederum kündigen schon nach neun Monaten mit der Begründung, sie sähen keine Weiterentwicklung. Dabei ist man nach neun Monaten doch gerade erst eingearbeitet! Das ist tatsächlich ein veränderter Mindset, auf den Unternehmen reagieren müssen.

Stichwort Akademikerquote: Kommen von den Universitäten abgehend die Leute, die die Modebranche braucht?

Alexander Gedat: Es ist kein Problem, Designer zu finden, wenn die Marke gut ist. Dagegen ist es ein Desaster, Ingenieure und Reisetechniker zu finden. 

Ein Desaster in Bezug auf Ausbildung und Lerninhalte?

Jürgen Müller: Nein, das hängt eher mit den Strukturen zusammen. Mit der Produktion sind auch die technischen Jobs verlagert worden. Entsprechend weniger wird hierzulande ausgebildet. Früher gab es in Deutschland viel Produktion, die sich eben stark nach Asien verlagert hat. Ein Job in diesem Bereich stellt tatsächlich sehr hohe Ansprüche. Nicht nur hinsichtlich der Qualifikation. Das wollen nur wenige auf sich nehmen.

Alexander Gedat: Ich stelle aber auch fest, dass das Thema Lernen und Weiterentwicklung insgesamt noch nicht positiv besetzt ist. Ich bin der Meinung, dass man sich vieles noch selbst nach dem Studium beibringen kann. Vorausgesetzt, dass man Spaß am Lernen hat. Lebenslanges Lernen sollte nicht nur ein Schlagwort sein.

Was heißt das nun für die Modebranche?

Alexander Gedat: Als Arbeitgeber hat sie die Aufgabe, sich weiterzuentwickeln. Dafür brauchen wir alle die Bereitschaft, permanent dazuzulernen. Zalando ist heute zumindest zweit- oder drittgrößter Kunde fast aller Modemarken und wird in fünf Jahren womöglich der größte Kunde der meisten Marken sein. Es braucht auf Herstellerseite ein Know-how, um für die Amazons und Zalandos dieser Welt ein kompetenter Ansprechpartner zu sein. Dafür braucht es auch eine andere Personalstruktur. Ich selbst konnte mit einem der Chefs von Zalando keine Verhandlung zum Thema Weiterentwicklung mehr führen, weil mein Know-how nicht ausgereicht hat.

Jürgen Müller: Das Suchfeld ist groß. Es braucht Leute, die die Schnittstelle zu Amazon und Zalando managen können, die dieselbe Sprache sprechen und das entsprechende Standing haben. Die verstehen, was ein Amazon-Einkäufer braucht, das sind ganz andere Anforderungen, als etwa P&C sie hat. Das Business mit diesen Playern ist weitgehend datengetrieben und noch einmal deutlich rationaler.

In der Realität der Branche wird der größte Teil der Order immer noch auf Blöcke geschrieben. Parallel wird mit dem Smartphone fotografiert. 

Alexander Gedat: Ernsthaft? Eigentlich unglaublich. Diese Prozesse sollten komplett digitalisiert sein. Die Zukunft hat bereits begonnen, wobei übrigens auch die Personalabteilungen eine Schlüsselrolle spielen, als Initiator und Coach für die Führungskräfte zum Beispiel. Angefangen bei ihrer Auswahl, bei der ganz andere Kriterien als früher wesentlich sind.

Jürgen Müller: Ich finde es interessant, dass die wenigsten Führungskräfte unserer Branche auf den Karrieremessen zu finden sind. Die CEOs und Geschäftsführer gehen lieber auf Modemessen und überlassen das Thema Personal ihren HR-Leuten.

Kann die Mode als Arbeitgeber auf dem Toplevel überhaupt mit anderen Branchen konkurrieren?

Jürgen Müller: Das ist eine echte Herausforderung, insbesondere auf den neuen Feldern, wo es um Digitalisierung geht. High Potentials im Tech-Bereich bewerben sich lieber bei Google als bei Mytheresa.

Alexander Gedat: Gute Leute zu finden, war schon immer schwierig und künftig wird es in Deutschland noch schwieriger. Umso mehr müssen die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter zufriedenstellen und entwickeln. Was bedeutet, dass deutlich mehr in die Ausbildung investiert werden muss, egal ob es sich um Techniker oder Storemanager handelt.

In der „guten alten Zeit“ wurde Storemanager, wer besser als die anderen verkauft hat. Ist das heute auch ein Job für Akademiker?

Alexander Gedat: Ich glaube generell nicht, dass eine gute Führungskraft Akademiker sein muss. Sie braucht vor allem viel Emotion. Einem promovierten Mathematiker fällt es womöglich schwerer, ein guter Manager zu sein, als einem talentierten Storemanager. Die Arbeit als Storemanager hat etwas Begeisterndes! Wo sonst ist man immer umgeben von schönen Produkten, mit denen man die Kunden verführen kann?

Jürgen Müller: Und ein Storemanager muss selbst ebenfalls begeistern können! Ich habe übrigens nie verstanden, warum manche Leute lieber in der Bank vor dem Bildschirm sitzen und Zahlenkolonnen erstellen. Ein Job, der höher angesehen ist als der, Mode zu verkaufen.

Ist die Arbeit, Mode zu verkaufen, tatsächlich viel besser als ihr Ruf?

Jürgen Müller: Dienstleistung am Menschen hat generell keinen wirklich prickelnden Ruf. Aber eigentlich hat ein Verkaufsjob in der Mode viel zu bieten. Schöne Produkte, vielfach auch einen attraktiven Arbeitsplatz. Begegnungen und Kommunikation mit vielen verschiedenen Menschen…

Alexander Gedat: Zu Arbeitszeiten, die ermöglichen, noch vor der Arbeit um zehn Uhr entspannt die Zeitung zu lesen oder ein, zwei Stunden Sport zu machen.

So kann man es natürlich auch sehen. Aber das Argument geringes Gehalt lässt sich nicht ganz vom Tisch wischen.

Alexander Gedat: Ein durchschnittlicher Verkäufer verdient durchschnittlich. Wer aber einen Topjob macht und bis 600.000 Euro im Jahr verkauft, wird auch ein Topeinkommen haben.

Wie kann es gelingen, den Job in der Mode gesellschaftlich anders zu positionieren?

Alexander Gedat: Jeder Mensch muss tun, was er gut kann und was ihn glücklich macht. Dafür sollten wir mehr in Stärkenmanagement investieren. Das fängt in der Schule an, wo mehr an den Schwächen gearbeitet wird, anstatt die Stärken zu fördern. Meiner Meinung nach muss das deutsche Schulsystem komplett überarbeitet werden.

Was kann ein Modeunternehmen tun, um das Interesse junger Menschen für die Branche überhaupt erst zu wecken?

Alexander Gedat: Dafür tut die Branche schon einiges. Mit dem tollen Produkt fängt es an, mit dem sich alle identifizieren wollen. Warum wollen so viele für Apple arbeiten, warum für Google? Weil das Produkt stimmt.

Dennoch ist die Mode kein Magnet für die Jahrgangsbesten.

Alexander Gedat: Du brauchst nicht die Jahrgangsbesten, sondern die Richtigen für den Job. Selbst ein Topverkäufer verbringt die Hälfte seiner Zeit damit, Regale einzuräumen, also wird er nur zu 50 Prozent seinen Stärken entsprechend eingesetzt. Richtiger wäre, ihn zu 70 oder 80 Prozent im Verkauf einzusetzen und jemand anderen für die anderen Aufgaben zu nehmen. So funktioniert Stärkenmanagement!

Zurück zu denjenigen, die sich als Nichtakademiker hochgearbeitet haben. Sie wurden so erfolgreich, weil sie extrem fleißig waren. Wer Erfolg haben will, muss einfach gern und viel arbeiten. Ist es nicht ein Problem, dass heute viele denken, man könne auch ohne Einsatz Karriere machen?

Alexander Gedat: Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft das denkt. Jeder weiß doch, dass ein Christiano Ronaldo noch Freistöße weitertrainiert, wenn die anderen schon unter der Dusche stehen. Von nichts kommt nichts. Es gibt aber viele, die nicht so viel arbeiten wollen. Was ja auch in Ordnung ist.

Jürgen Müller: Das Thema Work-Life-Balance spielt schon oft eine Rolle in vielen Bewerbungsgesprächen, selbst auf Managerebene. Man wundert sich schon. Das ist auch widersinnig, zumal die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend fließend verlaufen. Ich mag das Wort deshalb auch nicht. Worauf es ankommt, ist am Ende doch nur die richtige Life Balance.

Alexander Gedat: Was die Gefahr birgt, schneller auszubrennen – vielleicht aber auch eher bei repetitiven Tätigkeiten, die schnell langweilen. Umso mehr sollte man den Mitarbeitern ermöglichen, immer wieder Neues zu lernen. Bei BMW hat jede Führungskraft spätestens alle fünf Jahre einen neuen Job! So entsteht statt Langeweile eine echte Lernkultur.

Jürgen, du machst deinen Job als Personalberater seit sieben Jahren. Lange Zeit wurden die Mitarbeiter nur branchenintern gesucht. Ist das heute anders?

Jürgen Müller: Es gibt sicher Felder, wie zum Beispiel Produkt oder auch Vertrieb, wo Branchenbackground essenziell ist. Aber auf anderen Feldern – HR, Finance, Marketing, IT – werden nicht selten externe Talente gesucht. Umgekehrt sind die Modeleute aber auch für andere Märkte interessant. Mittlerweile stammt die Hälfte unserer Auftraggeber nicht aus der Modebranche. Talente aus dem Modebusiness sind durchaus gefragt, weil sie Sinn für Ästhetik und Stil haben, weil sie Kreativität und Flexibilität mitbringen und schnellen Wechsel gewohnt sind.

Also ist die Wahrnehmung der Mode außerhalb der Branche positiv?

Jürgen Müller: Ja, wenn auch manchmal die Ansicht herrscht, dass die Mode kein richtiges Business ist – nur roter Teppich und schöner Schein. Vor allem in Deutschland haftet ihr ein oberflächliches Image an, was unberechtigt ist.

Alexander Gedat: Die meisten verstehen nicht den immensen Einfluss, den sie hat. Es gibt für mich einen wichtigen Kernsatz: Erfolg macht sexy. Diesen Erfolg muss sich das Modebusiness jedoch erst wieder erarbeiten und in den Bereichen Digitalisierung und Profitabilität aufholen. Unsere Branche zeichnet die Tugend aus, Dinge schnell zu verändern, um zum Erfolg zurückzukommen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ihr das gelingt.

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