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Führungs-Kraft

Als Modeunternehmer ist man Multitasker, Problemlöser, Weltenbummler, Motivator, Prellbock, Visionär, Role Model, Buchhalter – und das alles am liebsten gleichzeitig. Die Zeiten sind fordernd, die Menschen und Beziehungen im Handel sind es auch. Trotzdem beispielhaft sein und bleiben – das ist die Herausforderung, die Führungskräfte meistern.

Text: Martina Müllner-Seybold. Illustrationen: Claudia Meitert@Caroline Seidler

Es kommen wieder gute Zeiten

Belinda Selendi, Selendi Die Mode

Belinda Selendi

„Der liebe Gott hat mir unglaubliche Begeisterung und Passion für die Mode in die Wiege gelegt. Die ist auch 34 Jahre nachdem ich mein Geschäft eröffnet habe, ungebrochen. Ich schaue mit viel Optimismus in die Zukunft: Ich habe schon so viele Wellen und Phasen erlebt, dass ich mir sicher bin, dass auch der stationäre Handel wieder Aufwind erleben wird. Freilich, dafür muss man etwas tun, dafür muss man seine Stammkunden auf- und ausbauen, ohne Stammkunden ist man chancenlos. Wenn es im persönlichen Gespräch passt, versuche ich, bei den Stammkundinnen Bewusstsein zu schaffen: Für Qualität versus Fast Fashion, für den Einkauf vor Ort versus Onlinebestellung. Die Reaktionen sind positiv, die Kunden denken dann darüber nach. Wir Händler dürfen ruhig Haltung zeigen. Nicht mit dem Zeigefinger. Sondern indem wir unseren Wert deutlich machen. Den unmittelbaren Wert für die Kundin, die beraten wird, und den Wert für die Stadt, die durch uns attraktiv bleibt.“

Respekt und Offenheit

Bert Sterck, Fashion Consultant 

Bert Sterck

„Die aktuelle Situation im Modehandel ist aus diversen Gründen nicht einfach – doch darüber sollte man nie vergessen, wie viel Spaß diese Branche bereitet. Ich bin von einer großen Liebe zu diesem Metier, zu den Menschen, zur Kreativität, zu dem Schönen, mit dem wir spätestens alle zwei Saisons überhäuft werden, geprägt. Ich empfinde das als Geschenk! Dafür will ich mir sowohl die Offenheit als auch den Respekt erhalten. In einer Führungsposition finde ich wichtig, das Positive, das die Menschen auf der Fläche leisten, immer wieder hervorzuheben – denn sie leisten Großes, gerade im gehobenen Genre. Ein Kleid für 6.000 Euro springt nicht von selbst in die Tüte. Ich beobachte allerdings, dass diese reine Freude am Verkauf zunehmend verloren geht – unser Zeitgeist passt nicht zur Idee der Dienstleistung. Wenn man dieses tolle Kleid verkauft, muss man das als seinen persönlichen Erfolg verbuchen und nicht bedauern, dass es nicht im eigenen Kleiderschrank gelandet ist. Doch das fällt in einer Welt des ständigen Vergleichs und Zur-Schau-Stellens des eigenen Besitzes schwer.“

Komfortzone verlassen

Daniel Thiel, Inhaber Daniel Thiel, Wiesbaden

Daniel Thiel

„Vom Angestellten zum Unternehmer – das war ein Schritt aus der Komfortzone, den ich absolut nicht bereue. Die neu gewonnene Freiheit gibt mir große Zufriedenheit. Ich liebe es, für meine Kunden da zu sein, ich bin ein Mensch, der gerne gibt – und was ich gebe, tue ich stets ohne Hintergedanken. Umso mehr ehrt es mich, dass sowohl meine Kunden als auch mein Team mich so treu über viele Jahre begleiten. Es entstehen Beziehungen, die weit über das Verhältnis zwischen Händler und Kunde hinausgehen und die das unternehmerische Engagement so lohnend machen. Ich gehe jeden Tag glücklich aus dem Laden, weil mir das gelungen ist, wovon ich geträumt habe: Daniel Thiel ist wie ein Wohnzimmer, ein Ort, an den man gerne kommt – sei es für ein Gespräch oder sei es für die neue Garderobe. Meine Kunden sagen häufig: Bei Ihnen herrscht ein ganz besonderer Zauber. Solche Komplimente machen mich glücklich.“

Permanente Neugierde

Kay Knipschild, Inhaber Burg & Schild und Red Wing Stores Berlin, Hamburg und München

Kay Knipschild

„Hauptsächlich ziehe ich meine Kraft aus der Liebe zu den Produkten, die wir verkaufen. Natürlich muss zudem der Umgang mit den Mitarbeitern Spaß machen. All das spüren die meisten unserer Kunden, wenn sie sich im Geschäft aufhalten. Von meinen Mitarbeitern erwarte ich, dass auch sie mich fordern – beispielsweise mit Ideen oder konkreten Vorschlägen, wie wir gemeinsam besser werden können. Das zwingt mich im positiven Sinn zu einem permanenten Zustand der Neugierde. Schließlich braucht zum Beispiel ein 25-jähriger Mitarbeiter, dessen Vater ich theoretisch sein könnte, gute und zum Teil überraschende Denkansätze von mir, um ein Problem anschießend eigenständig lösen zu können. Als Ausgleich zu dem alltäglichen Wust aus E-Mails, Social Media, Telefonaten, Besprechungen und Kundenkontakten muss ich einmal im Jahr für drei Wochen ohne Internet oder Telefon in den Urlaub und all der Kommunikation entsagen.“

Umschlagplatz für gute Gefühle

Elke Wocke, Inhaberin Strandgut, Köln

Elke Wocke

„Mitarbeiter, dieses Wort birgt ja viel Wahres – nicht nur mein Team sehe ich so, sondern auch ich begreife mich als jemand, der mitarbeitet. Wenn eine große Lieferung kommt, ist es selbstverständlich, dass ich genauso anpacke. Ich gebe viel, pflege einen sehr persönlichen Kontakt. Wir richten auch mal zu Hause eine Poolparty für alle aus. Da schütteln manche den Kopf, aber ich finde: Ich verbringe so viel Zeit in unserem Laden, da muss das Verhältnis gut sein. Bei Strandgut Köln wird gemeinsam gelacht und auch schwierige Situationen meistern wir gemeinsam. Wir achten aufeinander, gehen freundlich und respektvoll miteinander um. Unsere gute Stimmung überträgt sich auf die Kunden, wir bekommen immer wieder das Feedback, dass unser Teamspirit so gut ist. Kunden sind ja unglaublich sensibel. Wenn das Herzblut fehlt, kauft doch heute niemand mehr. Umgekehrt werden wir für unseren außergewöhnlichen Einsatz und unsere Leidenschaft belohnt – mit einem großartigen Team, guten Kunden und wirtschaftlichem Erfolg.“