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Julia Beliaeva | Bewusstsein als Kunst

Julia Beliaeva | Bewusstsein als Kunst

Julia Beliaeva | style in progress
Die hochtalentierte ukrainische Künstlerin Julia Beliaeva stellt sich den Widersprüchlichkeiten einer globalisierten Mediengesellschaft mit einer schonungslosen Intimität –  ein äußerst spannender Ansatz.

Interview: Stephan Huber. Text: Manfred Thurner. Fotos: Julia Beliaeva

Es ist auffallend, wie sehr zeitgenössische Kunst und ihre Narrative von (jungen) Frauen geprägt werden, insbesondere von Frauen aus „peripheren“ Ländern, in denen soziale Brüche und Konflikte stattfinden. Ist Konflikt ein Motor der Kreativität?

Ich kann nicht für alle sprechen, nur für mich selbst. Ich bin Künstlerin, weil ich eine persönliche Sensibilität für verschiedene Strömungen menschlichen Handelns und Lebens entwickelt habe. Ich habe mich schon immer für viele Dinge parallel interessiert, aber in der Regel versuche ich, mein eigenes Leben in meinen Werken zu ergründen. Es ist für mich sehr wichtig, dass meine Kunst keine Nationalität widerspiegelt. Die Welt ist globalisiert, jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Genau das macht unsere Zeit so wertvoll. Sie übertrifft vergangene Zeiten insofern, als heute jede Stimme Gehör findet. Die Kunst kämpft für neue Formen der Wahrnehmung und reflektiert auf ihre eigene Art und Weise aktuelle Entwicklungen. Das zeigt sich in ganz unterschiedlichen Bereichen: intim, sozial und global. Darüber hinaus haben aktuelle Veränderungen einen globalen Hintergrund. Wir sind voneinander abhängig wie nie zuvor. Die Kunst ist ein Spiegelkabinett der Welt, sie entscheidet, welche Teile man klarer darstellt – und welche man verzerrt.

Ist die Corona-Pandemie ein Beschleuniger für all diese Prozesse und Entwicklungen?

Das Corona-Virus ist in gewisser Weise die Globalisierung eines Virus. Für die Menschheit ist dies in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Sie erinnert uns daran, dass das Wichtigste im Leben die Entfaltung der Seele ist. Und ich glaube, es ist eine Ära der wahren Kunst, sogar des Bewusstseins als Kunst. Das mag abstrakt klingen. Antizipationen sind immer schwer zu beschreiben und die Gesellschaft ist mittlerweile reaktiv. Wir beobachten politische Krisen in vielen Ländern. Evolution war nie einfach.

Du setzt dich in deiner Kunst intensiv und radikal mit dir selbst auseinander. Warum?

Anhand meiner Selbstporträts begreife ich mich selbst. In diesen Arbeiten werden auch feministische Aspekte thematisiert. Als Inspiration bediene ich mich oft symbolischer Szenen und Figuren, die ich mir aneigne und an mir selbst erforsche. Ich genieße die Freiheit, mich selbst als Objekt meiner Forschung zu verwenden. Ich bin nicht in meinen Ideen und Modifikationen eingeschränkt. In diesen Arbeiten sprenge ich die Grenzen meiner Persönlichkeit.

Ich sehe viele, sehr unterschiedliche Berührungspunkte mit dem Thema Mode. Gibt es eine logische Interaktion zwischen Kunst und Mode?

Mode ist ein gesellschaftliches Phänomen. Ich hatte mehrere bedeutende Kooperationsprojekte im Modebereich. Wir arbeiteten dabei intensiv mit der Öffentlichkeit zusammen. Eines der jüngsten Projekte entstand in Zusammenarbeit mit Tsum, einem Departementstore im Zentrum Kiews. Ich entwarf eine Reihe von Skulpturen, die das Thema Mythen und verzerrte Realität in sozialen Medien darstellen. Die Skulpturen wurden in Schaufenstern ausgestellt und täglich von Hunderten Menschen gesehen. Auch die virtuelle Modenschau in Zusammenarbeit mit der Designmarke Finch bot uns die Möglichkeit, den Wirkungskreis geschlossener Modenschauen zu erweitern. Das Projekt bot allen Interessierten eine Chance diese Show für Auserwählte mittels virtueller Realität zu erleben.

Gibt es Fragen der Identität, die beide Welten verbinden?

Ja, ich denke das ist Teil meiner eigenen Individualität.

Die Mode sucht offensichtlich die Nähe zur Kunst oder Künstlern. Sind Kooperationen reizvoll?

Kooperationen zwischen Mode und Kunst sind attraktiv, aber nicht unbedingt zu diesem Zeitpunkt. Ich persönlich finde Kooperationen nicht immer einfach, aber ich glaube dennoch, dass Teamarbeit eine sehr wertvolle Erfahrung sein kann. Ich bin darüber hinaus übrigens sehr froh, dass die Mode sich sehr anfällig für Technologie und digitale Kunst zeigt.

Wie wichtig ist Mode für dich selbst?

Mode ist wie ein Spiel. Mir gefällt der Gedanke, dass man mit Hilfe der Mode verschiedene Rollen ausprobieren oder einfach man selbst sein kann. Mode diktiert nicht mehr, sondern gibt einem die Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen.

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