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Wir schaffen das!

Wir schaffen das!

Die Zukunft der Städte ist untrennbar mit der Zukunft des Fachhandels verknüpft

Die Diskussionen über den verkaufsoffenen Sonntag haben eine neue Dimension erreicht. Über lange Jahre war das ein typisches Sommerlochthema, geprägt von überwiegend touristischen Gesichtspunkten, in den letzten Jahren zusätzlich befeuert um die Frage der Chancengleichheit des stationären Fachhandels gegenüber dem immer stärker werdenden Konkurrenten Online. Aber wirklich Bewegung ist nie in die Sache gekommen. Gewerkschaften und Kirchen beschworen gemeinsam und wider besseren Wissens das Idyll des sonntäglichen Familienausflugs, die Politik wollte sich mit beiden Lobbyverbänden nicht wirklich anlegen und auch der Handel selbst, respektive seine Interessenvertreter, signalisierten ein höchst differenziertes Meinungsbild.

Tatsächlich wäre eine Freigabe der Ladenöffnungszeiten, und darum geht es letztlich, nicht um punktuelle Ausnahmegenehmigungen, für den Handel aktuell mit vielen weitreichenden Herausforderungen verbunden. Die Aussicht, regelmäßig auch an Sonntagen arbeiten zu müssen, würde die Suche nach qualifiziertem Personal für den ohnehin nicht als Traumarbeitgeber angesehenen Fachhandel noch weiter erschweren. Und wenn erhöhte Personalkosten die durch neue Öffnungszeiten generierten zusätzlichen Umsätze umgehend wieder auffressen, dann bleibt zwar auf der Habenseite immer noch, diese Kunden und ihre Einkäufe nicht ans Netz verloren zu haben. Der Weisheit letzter Schluss ist das aber auch nicht. Die Forderungen nach einer Liberalisierung verpufften medial also regelmäßig schneller, als sie erhoben wurden weil auch die Befürworter nicht an die Chance einer Umsetzung geglaubt haben.

Jetzt erreicht aber (endlich!) ein Thema die breite Öffentlichkeit, das die Sonntagsöffnung berechtigt als symbolischen Teilaspekt einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung von enormer Tragweite macht. Die Erosion der Innenstädte ist von einer theoretischen Gefahr zu einer vielfach in Echtzeit zu verfolgenden Realität geworden, und zwar in einem Ausmaß, dass nicht mehr nur lokale Communitys aufschreien. Fast alle großen Tageszeitungen haben sich in den letzten Wochen mit dieser Frage beschäftigt. Am deutlichsten wurde HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, der in Richtung Politik fordert: „Die Verwaltungen müssen sich um ihre Innenstädte kümmern. Das schafft der Handel nicht mehr alleine.“

Ein Appell, der vom „ranghöchsten“ Interessenvertreter reichlich spät kommt. Aber immerhin.

Ich habe an dieser Stelle vor Jahren einmal geschrieben, dass eine funktionierende und florierende Handelslandschaft der Kitt ist, der die Städte zusammenhält. Dass dieser Kitt immer brüchiger geworden ist, hat viele Gründe. Das vor allem durch den Onlinehandel veränderte Konsumverhalten ist nur der am einfachsten zu vermittelnde. Dazu kommen, nur als Auswahl, die Explosion der Geschäftsmieten in vielen Städten oder die bereits erwähnten Probleme bei der Suche nach Personal, das in der Lage ist, die USPs des stationären Handels, also Beratung, Service und Herzensbildung auch Wirklichkeit werden zu lassen. Auch teils völlig absurde gesetzliche Hürden und Auflagen sowie die immer schwierigere Finanzierung machen es vor allem für Jungunternehmer zusehends schwer bis unmöglich, im Handel den Schritt in die existenzsichernde Selbstständigkeit zu wagen und zu schaffen. Und dann eben doch, um den inhaltlichen Kreis zu schließen, die Ladenöffnungszeiten. Mehr denn je gilt es, die Menschen dann abzuholen, wenn sie in Konsumlaune sind. Nur bei den allerwenigsten ist das Montagvormittag der Fall.

Niemand hält, wie von den dogmatischen Bewahrern von Ladenschlussgesetzen aus einem anderen Zeitalter gerne unterstellt, die Sonntagsöffnung auch nur irgendwie für ein Allheilmittel. Aber die Politik muss das Thema „Zukunft des Fachhandels“ (und damit auch „Zukunft der Städte und Gemeinden“) endlich prominent auf die Tagesordnung setzen. Im Sinne eines „Wir schaffen das!“.

 

Die aufgeflammten Diskussionen über den verkaufsoffenen Sonntag und die Zukunft der Innenstädte als Wirtschafte-, Handels und Lebensraum rücken den sonst medial weitgehend ignorierten stationären Handel und seine herausfordernde Situation in den Mittelpunkt. Ein paar Leseempfehlungen:

welt.de – Gruene wollen Online Handel am Sonntag einschraenken

faz.net – Verkaufsoffener Sonntag. Streit um Sonntagsoeffnungen neu entfacht

welt.de – Deutschlands Innenstaedte drohen zu veroeden

sueddeutsche.de – Verkaufsoffener Sonntag, da gehoert der Vati uns

berliner-zeitung.de – Bundesweite Kampagne – Forderung nach Ladenoeffnung am Sonntag sorgt fuer Diskussionen

swr.de – Einzelhandelsverband zu hoeheren Parkgebuehren: „Moechten wir veroedete Innenstaedte?“

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