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„Öffnen geht nur gemeinsam“

„Öffnen geht nur gemeinsam“

Michael Teppich, der gemeinsam mit seiner Frau Tamara in Berlin die Tatem-Läden führt, wappnet sich für eine geordnete Wiedereröffnung. Damit Lieferanten ihnen nicht wie den österreichischen Kollegen sofort nach Öffnung die gesamte Ware zustellen, geht der Einzelhändler schon jetzt in den Dialog. style in progress hat mit ihm gesprochen. 

Michael, Du wendest Dich in einem Brief an Deine Lieferanten, um auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des verlängerten Lockdowns auf euer Familienunternehmen hinzuweisen. Du erklärst darin auch offen eure wirtschaftliche Situation – warum diese Offenheit? 

Weil wir dieses Tal nur gemeinsam durchschreiten können. Wir haben in 23 Jahren Modeeinzelhandel nie Schulden gemacht, jetzt mussten wir einen KfW-Kredit zu Wucherkonditionen nehmen. Wir machen pro Monat um die 100.000 Euro Umsatz weniger als im Vorjahr, 2020 mussten wir ein Umsatzeinbruch von 500.000€ netto hinnehmen. Bis heute haben wir keinen einzigen Cent staatliche Hilfen erhalten, weil unsere Geschäftsgröße entweder vergessen wurde oder irgendwelche Vergleichszeiträume und/oder zugrunde gelegte Prozentzahlen dafür nicht vorgesehen waren. Wir haben uns zum ersten Mal in 23 Jahren unserer geschäftlichen Existenz verschuldet und einen sehr hohen, zu 100% durch den Bund abgesicherten KFW-Kredit genommen, den uns aber unsere Hausbank trotz bisher höchster Bonität nur zu 3% Zinsen abgegeben hat. Das ist die Situation von uns und die sollten unsere Handelspartner auch kennen, so wie sie unsere makellose Zahlungsmoral bisher erfahren haben.

Wie viel Spielraum räumt euch dieser Kredit ein? Was ist die Perspektive? 

Es ist schon wieder fast aufgebraucht, denn keiner unserer Vermieter hat trotz unserer mehrfachen Bitten und langfristiger Mietverhältnisse auch nur einen Cent nachgelassen. Uns wurde quasi ein Berufsverbot auferlegt, unsere Geschäftsräume haben wir aber genau zu diesem Zweck angemietet, die Vermieter verdienen unvermindert weiter. Hier erhalten wir von Seiten der Politik keinerlei Unterstützung, z.B. das für diese Zeit keine oder nur ein Teil der Mieten zu zahlen wäre. Das müssen wir uns zusätzlich zu allen anderen Belastungen auch noch vom Staat einfordern. Wir haben bisher keine einzige unserer Mitarbeiterinnen entlassen, alle Verpflichtungen wie in all den Jahren zuvor wie vereinbart erfüllt, uns selbst den Unternehmerlohn um ein Drittel gekürzt und trotzdem dabei aber unsere angesammelten Reserven zum großen Teil aufgebraucht.

Kann man unter diesen Bedingungen die für Frühjahr-/Sommer 2021 bestellte Ware abnehmen? 

Wir werden für die bereits gelieferte Ware darauf angewiesen sein, nicht nur die vorgegebenen Zahlungsziele in Anspruch zu nehmen, sondern vielleicht sogar um eine Verlängerung zu bitten, was ich in jedem einzelnen Fall persönlich und telefonisch rechtzeitig abklären werde. Und die Lieferdaten müssen auch einzeln abgestimmt werden.

Was ist mit der Ware, die noch kommen soll? 

Angesichts einiger Ankündigungsmails von Lieferanten und Handelsvertretern haben wir ebendiese um Verständnis gebeten, dass wir uns ab sofort auf die vereinbarten Lieferfristen beziehen müssen und daher alle Warenlieferungen, die für den Zeitraum Januar und Februar 2021 vereinbart waren und die wir bis jetzt nicht abgerufen haben, nicht mehr annehmen können und werden. Wir würden also die Annahme verweigern, sollten sie trotzdem geliefert werden. Es sei denn, dass wir uns auf andere, individuell zu vereinbarende Zahlungsbedingungen und Rücknahmeregelungen einigen

Worauf legst Du bei diesen Vereinbarungen Wert? 

Es geht mir nicht um Nachlässe oder verlängerte Zahlungsfristen, sondern um eine Risikominimierung. Wir möchten nur abnehmen, was wir auch gesichert finanziell stemmen können und wir möchten bei uns keinen Warenstau produzieren. Unsere Geschäfte sind nur 60-80 qm groß, wir haben sehr geringe Lagermöglichkeiten. Wichtig ist, dass wir die Warenpräsentation attraktiv halten, wenn die Kunden wieder kommen, vollgestopfte Geschäfte werden nicht funktionieren. 

Ab wann rechnest Du mit einer Entspannung? 

Wir hoffen, dass sich die Situation in den Lieferfenstern ab Mitte bis Ende März wieder normalisiert – dazu ist es jetzt aber wichtig, dass wir uns nicht mit verspäteter Januar/Februar-Ware die Liquidität und die Geschäfte blockieren. 

Verlagert ihr dann den Warendruck nicht zurück an die Industrie?  

Wir sind uns sehr bewusst, dass Lieferanten, Handelsvertreter und wir in einem Boot sitzen und gemeinsam zusehen müssen, wie wir alle unsere wirtschaftliche Existenz sichern können. Deshalb werden wir auf faire und zusammen gefundene Lösungen abzielen.

Wie schwer fällt Dir dieser Appell an die Handelspartner?

Es fällt uns so unheimlich schwer, uns damit an die Partner zu wenden, aber unser Leben war bisher immer davon geprägt, sich nie etwas zu leisten, wozu in der Vorschau ggf. nicht genug Geld vorhanden sein wird. Jeder, der mit Tatem bisher geschäftlich zusammengearbeitet hat weiß, wie zuverlässig wir zu jeder Zeit all unsere Vereinbarungen eingehalten haben. Diese jetzt eingetretene Situation, deren Ende nicht abzusehen ist, hat unsere durch und durch gesunde wirtschaftliche Existenz nun an den Rand des Machbaren gebracht und wir müssen nun beginnen, intensiv und mit Verstand ums Überleben zu kämpfen.

Danke für Deine Offenheit, Michael. 

www.tatem.de

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