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Classico Fashion | Offener Brief zu Covid19

Classico Fashion | Offener Brief zu Covid19

Harald Heldmann Classic Fashion

Ich wende mich an Sie alle, weil Sie sich intensiv mit den Auswirkungen der Corona-Epidemie beschäftigen und für uns alle die besten Möglichkeiten suchen, Deutschland sowie den Handel durch diese große Krise zu bringen. Wir sind ein mittelständisches Hamburger Textileinzelhandelsunternehmen mit 13 Einzelhandelsflächen in Hamburg. Insofern richte ich mein Anliegen auch stellvertretend für alle Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland an Sie.

Wie Ihnen ja bekannt ist, sind seit dem 16.03.2020 für einen Monat unsere Geschäfte per amtlicher Verordnung geschlossen. Wir wissen nicht, ob diese Zeit auch noch verlängert wird.

Für unsere 50 angestellten Verkäufer und Verkäuferinnen haben wir den Antrag auf Kurzarbeitergeld abgesendet. Die Bearbeitung des Antrages erfolgt hoffentlich zeitnah, aber ich erwarte wegen des enorm hohen Antragsaufkommens nicht, dass diese bis zu den nächsten Lohnzahlungen abgeschlossen sein wird. Realistisch gesehen könnte das bis zu 3 Monate dauern.

Wegen der fehlenden Umsätze ist zwischenzeitlich unser Cashflow auf Null gesunken. Warenlieferungen sind noch nicht vollständig beglichen. Zusätzlich stehen zum Monatsende die Gehaltszahlungen für die 50 Mitarbeiter an. Diese Tatsache wird unsere vorhandene Liquidität nach kurzer Zeit vollständig aufzehren und dann eine existenzbedrohende Situation herbeiführen.

Das Problem mit den Lohnfortzahlungen ist mittelfristig durch die dann einsetzenden Kurzarbeitergelder gelöst. Das Problem mit dem fehlendem Cashflow und den Warenrechnungen werden wir mittelfristig durch Lieferantenkredite und Aufzehren unserer Reserven zu lösen versuchen. Jedoch muss erwähnt werden: Je länger die Geschäfte geschlossen bleiben, desto schwieriger wird die Situation unsere Ware umzuschlagen.

Zu all diesen Problemen kommen bei den meisten Einzelhändlern die nicht unerheblichen Mietzahlungen hinzu. Hier können wir in Kooperation mit den zumeist umsichtigen Vermietern Mietstundungen erreichen oder eine nicht sofortige Kündigung der Mietverträge zugesagt bekommen. Aber damit ist das eigentliche Problem nur aufgeschoben. Der Aufschub der Mietzahlungen führt dazu, dass diese spätestens ab August oder September 2020 dann doppelt neben den laufenden Mietzahlungen anstehen. Das ist aber der Zeitpunkt, an dem die Herbst/Winter Ware 2020/2021 geliefert wird. Es wird nahezu unmöglich sein, dann auch die Winterware zu bezahlen.

Was wird passieren?

In der ersten Welle, also ab sofort, werden viele Geschäfte, ob klein oder groß, ohne ausreichende Liquidität in die Insolvenz geraten. Dieser Prozess hat bereits begonnen. Viel schlimmer jedoch wird die zweite Welle sein, die im Herbst beginnt.

Jetzt mein eigentliches Anliegen: Ich bin der Meinung, dass der größte Teil der kommenden Insolvenzen vermieden werden kann, wenn, ähnlich wie in Österreich, die Mieter durch das Deutsche Bürgerliche Gesetzbuch in Kriegs-, Seuchen- oder anderen Katastrophenzeiten abgesichert sind.

Vgl. hierzu § 1104 ABGB des Österreichischen Bürgerlichen Gesetzbuch: „Wenn die in Bestand genommene Sache wegen außerordentlicher Zufälle, als Feuer, Krieg oder Seuche, großer Überschwemmungen, Wetterschläge oder wegen gänzlichen Misswachses gar nicht gebraucht oder benutzt werden kann, so ist der Bestandgeber zur Wiederherstellung nicht verpflichtet, doch ist auch kein Miet- oder Pachtzins zu entrichten.“

Alternativ zu einer Gesetzesänderung oder die Aufnahme eines neuen Paragraphen in das BGB kann zum Beispiel der Bundeswirtschaftsminister die Zahlung der Mieten für die Zeit der Ladenschließungen per Dekret erlassen. Das ist meiner Meinung nach auch verhältnismäßig, weil der Mieter für diese Zeit ja die Mietsache nicht nutzen kann und keinen Cashflow erzielt.

Natürlich verschiebt sich dann das Problem in die Immobilienwirtschaft. Es ist aber in der Immobilienbranche sicherlich viel einfacher, die Zeit einzufrieren und damit das Problem nach hinten zu schieben. Für notleidende Immobilienunternehmen, und davon wird es vermutlich nicht so viele geben, lässt sich sicherlich mit weit weniger Kosten, ein Hilfs- und Stabilisierungs-Fond auflegen.

Ich würde mich in freuen, wenn Sie meine Gedanken aufnehmen und in die Öffentlichkeit tragen oder falls ich Sie direkt ansprechen kann, kurzfristig in die Tat umsetzten. Sie könnten so mithelfen, einem Sterben im Handel entgegenzutreten, Arbeitslose, bedingt durch Geschäftsaufgaben, verhindern und insgesamt die großen Probleme, die auf den Handel, die Gastronomie und Gesundheits – und Pflegeberufe zukommen, erheblich abzumildern.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen


Harald Heldmann

CLASSICO Fashion GmbH
Christoph-Probst-Weg 2
20251 Hamburg

http://www.myclassico.com

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