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Wettbewerb um die hellsten Köpfe

Wettbewerb um die hellsten Köpfe

Warum eine Ausbildung im Fachhandel nicht Plan B sein darf.

Kompetente und hochwertige persönliche Beratung ist eine der größten Stärken des Fachhandels. Und gleichzeitig eine seiner größten Baustellen. Denn um diesen USP gegenüber dem Onlinehandel oder auch Diskontern auszuspielen, braucht der Handel entsprechend qualifiziertes und engagiertes Personal. Dieses zu finden, wir immer schwieriger. Ursachenforschung ist angesagt.

Seit 2013 veröffentlichen die Dienstleistungsgewerkschaft verdi bzw die Gewerkschaftsjugend im schon traditionellen Ausbildungsreport eine Sonderauswertung für den Handel (Einzelhandel und Groß- und Außenhandel). Grundlage des Reports sind Fragebögen, die 2015 und 2016 von über 6.500 Auszubildenden beantwortet worden sind. Also eine subjektive Wahrnehmung von Jugendlichen. Dem will ich nicht die grundsätzliche Relevanz absprechen. Aber als Basis für eine wirkliche Problemanalyse, vor allem aber als Basis einer medialen Reflexion ist das problematisch. Wie hätten wohl meine Antworten ausgesehen, hätte man mich mit 17 zu meiner Meinung über das von mir damals besuchte Gymnasium befragt? Die Tagesform hätte eine wohl nicht unwesentliche Rolle gespielt. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf die gesammelten Daten.  Vor allem ein Punkt sticht ins Auge:

Für nur 20 Prozent, also gerade mal ein Fünftel der jungen Menschen entspricht die gewählte Ausbildung auch tatsächlich ihrem Berufswunsch. Für 45 Prozent ist es nur Plan B oder überhaupt eine Notlösung. Übersetzt bedeutet das, dass sehr viele bei einer Ausbildung landen, weil sie an anderer Stelle gar nicht genommen werden. Das kann nicht gut gehen. Entgegen dem weitverbreiteten öffentlichen Image (dazu komme ich noch) erfordert der Beruf des aktiven Verkaufens nämlich echtes Talent und eine bestimmte Vorqualifikation. Wer im Verkauf erfolgreich sein will bzw im Handel seine berufliche Zukunft sieht, muss Spaß haben am Umgang mit Menschen, eloquent sein und zumindest ein Grundmaß an Allgemeinbildung mitbringen. Dazu psychologische Begabung und die Fähigkeit, auch mit Enttäuschungen souverän umzugehen. Vieles davon kann man nicht lernen, sondern nur vorhandene Anlagen verfeinern. Um den entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einem People’s Business auch wirklich auszuspielen, braucht der Fachhandel also begabte, intelligente und auch leidenschaftliche junge Menschen. Für die allermeisten von ihnen erscheint eine berufliche Karriere im Verkauf aber in etwa so attraktiv wie eine regelmäßige Wurzelbehandlung. An diesem teils desaströsen Image hat „der Handel“ sicher seinen Anteil. Die entscheidenden Ursachen sind aber weniger offensichtlich in einer fehlgeleiteten Bildungs- und Gesellschaftspolitik zu finden, die das duale System in Sonntagsreden zwar regelmäßig über den grünen Klee lobt, tatsächlich aber seit Jahren (eigentlich Jahrzehnten) einem Akademisierungswahn nachhängt, der jedes Jahr Zehntausende an die Universitäten treibt, deren Begabung und auch Interessen sie eigentlich für einen anderen Weg befähigen. Weil aber dieser andere Weg jenseits der Akademisierung politisch und medial konsequent diffamiert wurde und noch wird, kommt er vielen Jugendlichen und deren Eltern gar nicht erst in den Sinn.

Dieser innergesellschaftliche Brain Drain bedeutet für Ausbildungsbetriebe im Allgemeinen und den (Fach)handel im Besonderen im Wettbewerb um die hellsten Köpfe einen erheblichen Nachteil. Dennoch muß dieser Wettbewerb offensiv und selbstbewusst angenommen werden. Wie das gehen kann? Demnächst auf diesem Kanal…

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