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Packen wir es doch einfach an!

Andreas Weitkamp

Ein Kommentar von Andreas Weitkamp

Wir Westfalen sind stur, sagt man uns nach. Man sagt uns nach, wir seien traditionell. Fußball spielen, das können wir. Aber auch nur südlich von Münster. Sagt man. Nur fürs Jammern sind wir Westfalen nicht bekannt.

Gejammert wird ja gern in unserer Branche: Wetter, Kunden, Onlinehandel, Innovation, Digitalisierung. Und die neueste Sau, die wir durchs Dorf treiben – Liefertermine. Und natürlich Personal. Es ist ja so schwer, gute und junge Leute zu kriegen. Was also tun? Weiterjammern? Warten, dass es von allein besser wird? Fürs Warten werden wir nicht bezahlt, sagt meine Mutter immer. Also packen wir es an! Wir müssen jungen Menschen eine Perspektive bieten, uns in sie hineindenken. Wir müssen eine Ausbildung schaffen, die eine Persönlichkeit ausbildet. Eine Ausbildung im Einzelhandel, die so viel mehr ist, als Regale zu wischen und aufzuräumen. Das war früher. Wir Westfalen sind nicht so sehr für „früher“. Wir brauchen talentierte Menschen, in Zeiten einer schnelleren und digitalen Welt, in Zeiten von vergleichbaren Sortimenten mehr denn je. Aber was tun? Ist es uns wichtiger, einem Auszubildenden beizubringen, wie man Glasscheiben wischt, wie ein Größenverlauf aussieht und wie der Chef gern seinen Kaffee trinkt? Oder geht’s nicht viel mehr darum, einem jungen Menschen zu zeigen, dass unser Beruf das Schönste aus gleich dreien vereint: BWL, Psychologie und Improvisationstheater!

„It’s bigger than fashion“ lautet deshalb der Leitspruch unseres Horizontprojektes, das wir nun ins Leben gerufen haben. In jedem Ausbildungsjahr können unsere Azubis zwischen zwei Partnern wählen, bei denen sie ein Praktikum absolvieren. Die sind so unterschiedlich wie wir Menschen selbst. Wir können nicht alles selbst beibringen, das ist klar! Für Dinge wie Event-Management oder Kommunikation über soziale Medien, die längst nicht mehr neue Medien sind, brauchen wir Partner, die so denken wie wir. Unsere Azubis können beim Juwelier mal eine Uhr in den Händen haben, die den Wert von 30 Winterjacken hat. An der Rezeption eines Hotels mit Reklamationen der Gäste umgehen. Bei einer Stadtführung die Angst vor Sprechen vor einer Gruppe verlieren. Oder bei Drykorn im Showroom lernen, wie die andere Seite unserer Branche tickt. Wir haben Partner dafür gefunden, die IHK überzeugt, die Berufsschule beruhigt, Eltern mit eingebunden. Und wir haben auf unsere Azubis gehört und sie aktiv mit einbezogen.

Wir sind den Weg gegangen, der uns logisch erscheint. Wir wollen Mehrwerte schaffen, Perspektiven zeichnen, Allianzen bilden. Kurzum: Die Ausbildung in einem der schönsten Berufe der Welt attraktiver machen! „It’s bigger than fashion“ nehmen wir wörtlich. Es gibt wichtigere Dinge als Mode. Und es gibt wichtigere Dinge, die man in einer Ausbildung lernen muss, als dass ich meinen Kaffee gern mit kalter Milch trinke. Wenn wir nichts ändern, dann verändert sich nichts. Also ändern wir was. Hoffentlich nicht nur wir Westfalen!

Einzelhändler, aber nicht Einzelkämpfer: Andreas Weitkamp ist voller Elan, wenn es darum geht, sein Modehaus in die Zukunft zu denken.