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Die Jagd ist eröffnet – Facharbeiter sind Mangelware

Digitale Berufsschule

Die Alten gehen in Rente, die Jungen wollen nicht in diese Berufe – so könnte man das Problem verkürzen. Warum der „war for talents“ heute mit anderen Mitteln gekämpft werden muss.

Text: Ina Köhler, Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka, Nicoletta Schaper. Fotos: Gesprächspartner

Digitale Berufsschule
Textilakademie Mönchengladbach

In der gewerblich-technischen Berufsschulausbildung setzt die im Herbst 2018 eröffnete Textilakademie in Mönchengladbach Maßstäbe. Sie bündelt die Berufsschulausbildung für Schüler aus acht Bundesländern an einem Standort und gilt als eine der modernsten Bildungseinrichtungen Deutschlands. Inhalte werden via Smartboard und über die cloudbasierte Lernwelt vermittelt. Für jeden Berufsschüler steht während der Blockseminare ein eigenes Notebook zur Verfügung. „Wir leben das Thema Digitalisierung auf drei Ebenen: Ausstattung der Infrastruktur, Lehrkräfte und deren Didaktik sowie die Schulung der Auszubildenden“, erzählt Geschäftsführer Detlef Braun.

Die Verbände der Rheinischen und Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie haben in das Projekt 20 Millionen Euro investiert. Der Neubau steht in unmittelbarer Nachbarschaft der Hochschule Niederrhein, deren Werkstätten von den Auszubildenden genutzt werden können. „Die Textilindustrie hat einen jahrzehntelangen Strukturwandel mit allen negativen Folgen hinter sich“, so Detlef Braun. „Nun müssen wir das Image gerade in Bezug auf Facharbeiter wieder aufwerten. Ein wesentlicher Faktor ist die Qualität der Ausbildung und der Zugang zu einem guten Berufsschulunterricht.“ In Mönchengladbach ist das vorbildlich gelungen. Für die Zukunft sind Fort- und Weiterbildungskurse, Techniker- und Meisterausbildungen sowie der Bau eines Gästehauses geplant.
www.textilakademie.de

Foto/Copyright: Textilakademie NRW gGmbH

„Fachkräfte ansprechen wie Führungskräfte“

Auf leergefegten Arbeitsmärkten funktionieren klassische Recruitingmaßnahmen kaum. Oliver Schneider, Managing Partner bei TFE Recruitment Experts verrät, warum begehrte Fachkräfte wie Führungskräfte angesprochen werden müssen.

Oliver Schneider ist Managing Partner bei TFE Recruitment Experts und arbeitet als Trainer und Berater. „Fachkräfte sind rar, daher werden sie immer öfter mit externen Personalberatern gesucht“, weiß der Experte.

Executive Search auch für Fachkräfte – ist das nicht ein bisschen teuer?

Meine Gegenfrage ist: Ist es nicht viel teurer, eine Fachkraftstelle nicht oder schlecht besetzen zu können? Fachkräfte sind ja deshalb so begehrt, weil sie echte Schlüsselfunktionen in den Betrieben innehaben. Man kann es sich nicht leisten, an diesen Positionen zu sparen – und das sollte bei der Suche beginnen. Überlegen Sie, wie viel Zeit oft schon aufgewandt wurde, Fachkräfte klassisch über Anzeigen etc. anzusprechen, ehe man sich an externe Profis wendet. Die eigene Personalabteilung arbeitet ja auch nicht gratis! Nicht zu vergessen: Auch die Reputation innerhalb der Branche leidet, wenn alle wissen: Eine Firma findet monatelange keine Leute.

Sind Fachkräfte heute verwöhnt?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich erlebe die meisten als fleißig und so in ihre Unternehmen eingebunden, dass sie Stellenanzeigen gar nicht lesen. Wenn wir anrufen, sagen die meisten auch erst mal: „Aber ich bin doch in einem Arbeitsverhältnis …“ Ein paar Tage später melden sich viele dann wieder und fragen: „Können wir reden?“ Diese Vertraulichkeit gibt es nur mit dem externen Berater. Sie können als Firma X ja nicht die Facharbeiter von ihrem Mitbewerber anrufen.

Wie akut ist der Fachkräftemangel und worauf legen diese Menschen wert?

In Segmenten mit strukturellem Fachkräftemangel sehen wir, dass die Direktansprache durch den Arbeitgeber bzw. einen Personaldienstleister das einzig Erfolg bringende ist. Da sind einfach keine Leute am Markt. Entscheidungskriterien sind immer öfter softe Faktoren, das Gehalt ist nicht alles. Modernen Firmen- und Führungsstrukturen sind nicht nur bei Young Professionals ein Muss.

„Wir gehen aktiv auf Bewerber zu“

Frau Machelett, wie gewinnen Sie Nachwuchs für Ihr Unternehmen?

Henrike Machelett, Head of Human Resources bei Marc Cain weiß, dass der „war for talents“ tobt: Daher heißt es um die besten Bewerber buhlen.

Als Modeunternehmen mit großer Produktentwicklungs- und Fertigungstiefe haben wir im Schnitt mindestens 70 Stellengesuche parallel – für unterschiedlichste Bereiche und Berufsbilder. Wir bieten sechs Ausbildungsberufe und beschäftigen an die 30 Auszubildende. Insgesamt gehen wir wesentlich aktiver auf Bewerber zu. Die klassische Vorgehensweise der Anzeigenschaltung ist in den engen Bewerbermärkten mit quasi Vollbeschäftigung längst nicht mehr ausreichend. Im Bereich Ausbildung haben wir mit eigenen Messeplattformen gute Erfolge erzielt; wir bilden Ausbildungsbotschafter aus, gehen in Schulen und werben auf unserer Homepage. Im Professionals Bereich sind wir seit langem auf den wichtigsten Active-Sourcing-Kanälen unterwegs. Die Digitalisierung bietet hier zusätzlich viele spannende Möglichkeiten.

Haben sich die Ansprüche der jungen Generation an ihre Arbeitgeber verändert?

Die Wünsche der jungen Generationen an ihren Beruf sind heute nicht so viel anders, als sie es früher waren: Es geht darum, eine spannende Aufgabe zu finden, in der ich meine Stärken gestaltend einsetzen und den eigenen Anteil am Erfolg erkennen kann, Wertschätzung für meine Arbeit zu erhalten und mich als Teil meines Teams wahrzunehmen. Die Selbstverwirklichung im privaten Bereich hat heute allerdings einen deutlich höheren Stellenwert, sodass alle Benefits, die ein zeitlich oder räumlich flexibleres Arbeiten ermöglichen, hoch willkommen sind.

„Ein echtes Aha-Erlebnis“

Im Markt herrscht Fachkräftemangel. Fehlen Ihnen auch die Studierenden?

„Wir arbeiten praxisnah mit Textilunternehmen und dürfen forschen. Das macht uns interessant für angehende Studenten“, sagt Robert Groten, Professor Textil- und Bekleidungstechnik, Hochschule Niederrhein.

Robert Groten, Professor Textil- und Bekleidungstechnik, Hochschule Niederrhein: Nein, pro Semester kommen um die 350 neue Studenten; im Winter 2017 hatten wir sogar 2.000 Studierende aus 57 Nationen. Unsere Hochschule ist die älteste Institution für ein Textilstudium und in Europa auch die größte. Außerdem arbeiten wir sehr praxisnah mit Textilunternehmen zusammen und dürfen darüber hinaus forschen. Das macht uns interessant für angehende Studenten.

Wie erfahren sie davon?

Zum Beispiel, indem wir immer wieder Schulen einladen, wie kürzlich zu unserem Boys’ Day. Die Meisten wissen gar nicht, wie technikorientiert unsere Studiengänge sind! Deshalb beschert der Rundgang durch unsere großen Labore den Besuchern ein echtes Aha-Erlebnis.

Wie sieht es nach dem Studium aus?

Viele gehen in den Ein- und Verkauf der Bekleidungs- und Modeunternehmen, weil es dort auch Fachwissen braucht. Andere in die textilverarbeitende Industrie. Heute werden überall Textilien eingesetzt, beim verschließbaren Stadiondach ebenso wie bei der Hülle eines Flugzeugs. Das Thema Smart Textiles eröffnet ein weiteres spannendes Feld, wie auch die Nachhaltigkeit. Wir arbeiten mit dem Center for Textile Logistic zusammen, die etwa recycelbare Materialien für das Verpacken von Autos auf dem LKW entwickeln, mit elektronischem Frühwarnsystem inklusive, falls die Autos vom LKW zu rutschen drohen. Das ist nur ein Beispiel für viele Jobs in interdisziplinärer Richtung, neben den Jobs in Bekleidungsunternehmen. 90 Prozent unserer Absolventen stehen innerhalb von drei Monaten in Brot und Lohn, deutschland- wie europaweit. Eine gute Zahl!

Zu welchem Anfangsgehalt und mit welchen Aufstiegschancen?

Mit 3.000 bis 3.500 Euro geht es los. Für angehende Führungskräfte empfiehlt sich unser Masterstudiengang, das Studium auf Englisch oder die Promotion. Zurzeit haben wir elf Promovenden, für die wir mit Partneruniversitäten kooperieren.
www.hs-niederrhein.de

„Der Markt sucht Indianer, nicht nur Häuptlinge“

Wie wecken Sie das Interesse für Ihre Akademie?

„Wir vermitteln im Studium Produkt-Know-how mit betriebswirtschaftlichen Inhalten“, sagt Manfred Mroz, Geschäftsführer Marketing und Finanzen, Akademie LDT Nagold.

Manfred Mroz, Geschäftsführer Marketing und Finanzen, Akademie LDT Nagold: Zum Beispiel mit unserem Lookbook auf ldt.de, in dem 60 Absolventen berichten, in welchen Berufen sie stehen. Diese Broschüre haben wir auch auf den rund 15 Bildungsmessen in ganz Deutschland dabei. Das Interesse ist groß!

Wie akut ist der Fachkräftemangel?

Sehr akut, aber der Markt sucht vor allem Indianer und nicht nur Häuptlinge. Gerade der Handel braucht Nachwuchskräfte, die bereit sind, kundenorientiert zu arbeiten.

Stichwort Produktmanagement.

Hier herrscht auf jeden Fall ein Fachkräftemangel. Etwa bei großen Handelsfilialisten, die für die Produktion ihrer Eigenlabels eher Produktmanager als Designer brauchen. Jeder will ins Design, dabei brauchen die Firmen nur einen Designer, aber viele Mitarbeiter für das Drumherum, von der Beschaffung bis zum Vertrieb.

Wie viele Studenten gibt es?

Aktuell ca. 400. Wir hätten nichts gegen 500, sind aber beim dualen Studium auf die Firmen angewiesen. Viele sind da zurückhaltender, weil die Marktlage angespannt ist.

Welche Jobs sind möglich?

Direkt nach dem Studium sind es Assistenzjobs im Einkauf, Vertrieb oder Produktmanagement, zu 85 Prozent in Deutschland. Die Anfangsgehälter von etwa 30.000 Euro jährlich können sich schnell deutlich erhöhen, vor allem im Vertrieb. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind groß, wie die lange Liste namhafter Nagold-Absolventen in Führungspositionen zeigt: darunter Werner Böck, Andreas Baumgärtner, Sabine Märtens oder Thorsten Stiebing.
www.ldt.de