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Heiko Schäfer/Hugo Boss | Das digitale Speedboat

Heiko Schäfer/Hugo Boss | Das digitale Speedboat

Wenn man mit Pionieren des 3D-Designs spricht, nennen sie häufig Hugo Boss als Benchmark. Das Unternehmen aus Metzingen war nicht nur eines der ersten, das die Digitalisierung im Designprozess auch industrieseitig etabliert hat. Es ist sicherlich auch am konsequentesten im Roll-out-Prozess und setzt dabei neue technische Standards in der Branche – und das für den gesamten Produktzyklus.

Text: Isabel Faiss. Fotos: Hugo Boss

Als Unternehmen hat die Hugo Boss AG ein paar zentrale Schalter für die Digitalisierung früh umgelegt und seit 2015 kontinuierlich an der Implementierung des Themas in allen Bereichen gearbeitet. Dass sie mit eigenen Produktionsstätten und der nötigen Manpower als Innovationsinkubator am momentan längsten Hebel in der Branche sitzt, definiert Hugo Boss Chief Operations Officer Heiko Schäfer als große Chance und auch als Herausforderung, einheitliche technische Standards für alle zu erreichen.

Herr Schäfer, Hugo ist Ihr digitales Speedboat, mit dem sie Innovationen erst einmal ausprobieren, bevor Sie sie über das Flaggschiff Boss ausrollen. Wie läuft das Rennen aktuell?

Ja, in der Tat bietet Hugo hier die Möglichkeit, Dinge einfacher zu testen. Aber letztendlich stehen sich die beiden Marken heute eigentlich in nichts nach. Wir haben uns wie viele andere erstmals 2017 mit Hugo über den digitalen Showroom an das Thema herangetastet. Im gleichen Jahr kam dann der Zeitpunkt, an dem wir anfangs noch als Projekt mit einem cross-funktionalen Team bestehend aus Designern, Technikern und Experten für 3D-Visualisierung begonnen haben, digitale Tools konsequent in den Kollektionsentstehungsprozess zu integrieren. Die Digitalisierung großflächig auszurollen und neue Standardprozesse zu etablieren, kam 2019. Und 2020 haben wir nun unter Boss die erste voll digital entwickelte Kollektion auf den Markt gebracht.

Von welchen Volumen sprechen wir hier?

Über alle Kollektionen und Marken betrachtet, haben wir mit der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2021 deutlich mehr als 50 Prozent der Styles digital designt und entwickelt. Bei Hugo Menswear liegen wir allerdings schon bei knapp 75 Prozent, bei Hugo Womenswear bei knapp unter 50 Prozent. Auch bei Boss nimmt der Anteil mit immer größeren Schritten zu. Unser Ziel ist es, bis Ende 2022 insgesamt 80 Prozent unserer Kollektionen digital zu entwickeln.

Hugo Boss Chief Operations Officer Heiko Schäfer kennt die Potenziale der Dematerialisierung von vielen Prozessen genau.

Wenn man Digitalisierung als ganzheitlichen Ansatz betrachtet, wo stehen Sie gerade?

Wir beginnen bereits in der textilen Vorstufe, wo es um die digitale Materialentwicklung und die Digitalisierung bereits vorhandener Materialien geht. Um das Kleidungsstück digital designen zu können, müssen zuerst die Stoffe, Rohmaterialien und Zutaten wie Knöpfe digital verfügbar sein. Momentan arbeiten wir intensiv daran, alle benötigten Materialien mit den entsprechenden Lieferanten digital abzubilden. Da ist unser Status derzeit bei rund 40 Prozent.

Wie gut klappt hier die Zusammenarbeit mit der Vorstufe?

Wir sind in der Branche in der Tat einer der Vorreiter darin, technologische Standards zu setzen. Unser Ziel ist es, unsere Lieferanten ins Boot zu holen, damit wir einheitlich mit einer gewissen Logik arbeiten. Wenn wir keine klaren Vorgaben zu beispielsweise Datenformaten erarbeiten, ist die Kommunikation über die Supply Chain ineffizient und wir verursachen viele Komplexitätskosten bei Lieferanten. Die Herausforderung ist es ferner, nicht nur die virtuelle Erscheinung eines Materials abzubilden, sondern auch die physischen Eigenschaften beispielsweise eines Stoffes voll zu simulieren und ein Kleidungsstück später auf einem Avatar zeigen zu können.

Der zweite Schritt ist die Nutzung dieser digitalisierten Materialien im Designprozess und anschließend die gemeinsame digitale Entwicklung eines Styles unter Einbezug der Produzenten. Die Kernfrage ist hier die digitale Interaktion mit der Produktion: Wie können wir sinnvollerweise die Informationen zu einem Style mit einem Lieferanten so austauschen, dass er alle nötigen Informationen relativ einfach für seinen Produktionsprozess umsetzen kann? Am Ende wird das Produkt als 3D-Rendering für den Showroom verwendet und nur noch sehr begrenzt physisch als Sample produziert.

Hugo Boss gibt ein hohes Tempo und einen gewissen Anspruch an den Professionalisierungsgrad vor. Gehen das Ihre Partner in der Branche mit?

Da gibt es eine hohe Varianz. In der Vorstufe ist der Professionalisierungsgrad oft noch überschaubar. Hier sind wir in der Tat dabei, Standards zu etablieren. Für viele unserer Partner in der Produktion sind 3D-Prototypen und Renderings nichts Neues. Die Digitalisierung ist also in vielen Bereichen angekommen.

Welche direkten Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Ihre internen Ressourcen?

Dort, wo wir die Digitalisierung konsequent umsetzen, können wir den Entwicklungskalender um bis zu 70 Prozent verkürzen. Geschwindigkeit und Flexibilität sind ein unglaublicher Vorteil. Aber auch in Sachen Nachhaltigkeit sprechen wir von einem deutlich geringeren Materialeinsatz. Über die Prozessstandardisierung können wir Abläufe automatisieren, sind aber auch in der Lage, bessere Entscheidungen in einer frühen Phase der Produktentwicklung zu treffen. Erstens: Corona hat den Prozess der Eliminierung physischer Samples extrem beschleunigt. Wir reden hier durchaus von Beträgen im zweistelligen Millionenbereich, die wir durch die Digitalisierung der Muster einsparen können. Zweitens haben wir unter dem Stichwort Industrie 4.0 in unserem eigenen Werk in Izmir auch digital unterstützte Arbeitsprozesse implementiert. Und drittens setzen wir in vielen administrativen Bereichen Tools wie Robotic Process Automation ein, mit der einfache repetitive Arbeitsschritte durch einen automatisierten Bot direkt im IT-System übernommen werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie hinsichtlich Kommunikation und Einbindung des Konsumenten?

Der nächste logische Schritt ist, dass man die Daten eines 3D-Designs mit denen eines Kundenavatars verknüpft, um dem Kunden eine simulierte Anprobe zu ermöglichen. Auch die Personalisierung von Produkten ist damit einfacher, zum Beispiel im Bereich Made to Measure. Production on Demand kann dann später hinsichtlich Nachhaltigkeit ein übergeordnetes Ziel werden.

Digital designt und entwickelt. Durchschnittlich 50 Prozent aller Kollektionen von Hugo Boss werden bereits digital produziert.

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